14. Der “Liber ad Milites Templi” – Heute

Einer der ältesten Berichte über den Orden der Tempelherren schrieb der cluniazensische Mönch Richard von Poitou um 1153 (SS 26, S. 80):
Per haec tempora (1119) surrexit in Jerusalem novum miliciae genus, (ab Hugone de Paieno viro nobili constitutum), more monacorum viventes, castitati dant operam, domi et bello diciplinan servantes, cum silentio edunt, omnia illis communia contra gentiles tantum arma sumunt et multum dilatati sunt. Sunt namque qui dicant, quod nisi fuissent ipsi, diu est quod Franci Jerusalem et Palestinam perdidissent. Hii vocantur milites de Templo.

M.L.Bulst-Thiele schreibt in ihren “Untersuchungen zur Geschichte des Templerordens 1118/19 – 1314” (Göttingen 1974) dazu:
“Jerusalem war am 15.Juli 1099 erobert worden.Pilgerfahrten ins Heilige Land hatte es in allen vergangenen Jahrhunderten gegeben, aber nun schien es endlich möglich, in Frieden die Heiligen Stätten zu besuchen. Pilgerscharen strömten in den Orient. Doch die Gefahren waren nur verringert. Wer in Marseille oder Bari, in Otranto oder Messina, versorgt von den Brüdern der Pilgerhospitale, die Gerardus, der erste Meister des Johanniterordens, dank vieler Stiftungen schon vor 1113 in den Hafenstädten des Abendlandes hatte errichten können, sich einschiffte und Jaffa erreichte, war nach wie vor auf seinem Weg von Jaffa hinauf nach Jerusalem an den Jordan von Überfällen bedroht. So beschlossen einige Ritter, sich unter Führung des Hugo de Paganis zu einer Brüderschaft zusammenzuschliessen, um die Pilger sicher von der Küste hinauf nach Jerusalem und Bethlehem zu geleiten. Das waren die Anfänge des Templerordens”.

Der Schutz der Pilger, das war die Aufgabe der Tempelherren!

Um sie zu verwirklichen, mußten sie ständig im Heiligen Land sein und bleiben. Völlig auf sich selbst gestellt und über 3000 km von ihrer Heimat entfert, wenn man diese Umstände bedenkt, dann wird es verständlich, daß sich diese kleine Bruderschaft nach monastischen Regeln – Gehorsam, Armut und Keuschheit – zusammenschloß, um ihr 4.Gelübde, den Geleitschutz der Pilger, gewährleisten zu können. Ihre Aufgabe und Ihr Auftrag waren klar umrissen, doch daß sie zu deren Erfüllung in der Doppeleigenschaft als Mönche und Ritter zusammenlebten, das war neu!

Bernhard von Clairvaux verschaffte ihnen hierzu durch seinen “Brief an dieTempelherren” die ideelle Legitimation. Im allgemeinen wird in der Literatur nur auf wenige Passagen des Traktates verwiesen: So auf die templerische Verbindung zwischen Schwert und Zingulum. So auf die  Verdammung des putzsüchtigen und leichtlebigen und somit verweichlichten weltlichen Rittertums. So auf das Lob der “Neuen Ritterschaft”. So vor allem auf deren karge monastische Lebensweise. Insoweit war Bernhard für die Tempelritter der Verfasser einer Propagandaschrift. Doch wird man Bernhard von Clairvaux lediglich mit solchen Hinweisen nicht gerecht. Seinem christlich-theologischen Verständnis kann nur der Gesamtzusammenhang des Briefes entsprechen.

Es ist deshalb erforderlich,auch die anderen Teile des für einen Brief recht umfangreichen Textes zu studieren. Er wählte dafür – um im moderner Weise zu sprechen – die Systematik eines Reiseführers. Er nennt viele Orte der zu schützenden Pilgerstraße – Betlehem, Nazaret, den  Jordan, den Ölberg u.a. – und verbindet sie geistiggeistlich mit der biblischen Botschaft und mit der Person Jesu.

Hat der “Liber exhortationis” noch heute Bedeutung für Gemeinschaften, die sich der Tradition der historischen geistlichen Ritterorden verbunden fühlen ?

Die großen mittelalterlichen Orden der Tempelherren, der Johanniter, der Deutschherren, des HI.Lazarus, sind ohne die von Bernhard von Clairvaux geschaffenen ideellen Grundlagen nicht denkbar. Das Bekenntnis zur Tradition dieser geistlichen Ritterorden muß demnach vernünftigerweise auch ein Bekenntnis zum wesentlichen Inhalt des “Liber ad miltes Templi” sein!

Wenn es im 12.Jahrhundert das Bemühen Bernhards war, den Tempelrittern für den militärischen Geleitschutz der Pilger und für die monastische Lebensform der jungen Gemeinschaft einen ideellen Nachweis ihrer Berechtigung zu finden, so ist im Wandel der Zeiten eine Änderung, eine Weiterentwicklung, eine Neuorientierung eingetreten. Dies jedoch unter strikter Beibehaltung ihres ursprünglichen Wollens. Monastische Gemeinschaften bestehen bis auf den Deutschherrenorden nicht mehr. Insoweit ist auch das Leben im Sinne der “Evangelischen Räte”  entfallen.

Das kann jedoch nicht bedeuten,daß die nunmehrigen Orden jedweder Verpflichtung, im Sinne der historischen geistlichen Ritterorden zu handeln enthoben sind.

Aus der Gehorsamspflicht, als gänzliche Unterordnung unter den Willen einer Person, die eine entsprechende Autorität besitzt, ist eine freiwillige Verpflichtung geworden, den demokratisch verfaßten Beschlüssen der Gemeinschaft Folge zu leisten. Dazu gehört unabdingbar das  Bekenntnis zum christlichen Glauben und das Handeln als praktizierender Christ. Aus dem Gebot der Armut, als Ausdruck der persönlichen Mittellosigkeit, ist die Forderung nach einem Leben in persönlicher Bescheidenheit geworden. D.h.,die Ansprüche,die an das Leben gestellt  werden, haben sich christlichem Verhalten unterzuordnen und müssen von Nächstenliebe geprägt sein. In zeitgemäßer Form sind insoweit die Gegenüberstellungen Bernhards von Clairvaux von “weltlichem Rittertum” und von “neuem Rittertum” im Sinne des “neuen Rittertums”  auzudeuten.

Das Gelübde der Keuschheit muß von seiner ursprünglichen Bedeutung des Wortes verstanden werden. Das Adjektiv “keusch” wurde im Rahmen der frühmittelalterlichen Christianisierung aus einem gotisch kirchensprachlichen “kukeis” übernommen, das etwa der “christlichen Lehre  bewußt” bedeutet und seinerseits aus dem lateinischen conscins – mitwissend, eingeweiht, bewußt – entlehnt ist. Für die heutigen Mitglieder von Orden, die sich der Tradition der geistlichen Ritterorden verpflichtet fühlen, hat sich die Bedeutung: “der christlichen Lehre bewußt” zur  unbedingten Verpflichtungder Sittsamkeit als Ausdruck der christlichen Morallehre entwickelt.

Aus dem vierten “templerischen Gelübde”, den Pilgern, ob im Heiligen Land oder in Spanien z.B.auf ihrem Weg nach Compostella bewaffneten Geleitschutz zu geben, ist die Rückbesinnung auf das Paulus-Wort geworden:

“So legt denn die volle Waffenrüstung Gottes an, damit ihr am bösen Tage widerstehen könnt und nach erkämpften vollem Siege das Feld behauptet. So steht da, umgürtet an den Lenden mit der Wahrheit, bekleidet mit dem Panzer der Gerechtigkeit, beschuht an euren Füßen mit der Bereitschaft für das Evangelium des Friedens. Zu all dem nehmt noch den Schild des Glaubens, mit dem ihr alle feurigen Geschosse des Bösen löschen könnt. Ergreift sodann den Helm zum Schutz und auch das Schwert des Geistes, d.h. das Wort Gottes”.

Aus dem “bewaffneten Geleitschutz” des historischen Ordens der Tempelherren ist nunmehr die Verpflichtung erwachsen, den “Pilgern unserer Welt” den christlichen Weg durch die geistigen, ideologischen und politischen Wirrnisse unserer Tage zu weisen.

Hierzu sind grundlegende Erkenntnisse aus dem Brief Bernhards von Clairvaux an die Tempelritter zu gewinnen. Dazu ist es allerdings erforderlich, sich immer wieder mit dem Wortlaut des Traktates intensiv auseinanderzusetzen und ihn so auszulegen, daß Sinn, Inhalt und Absicht auf das Ende des 20.Jahrhunderts transponiert werden.

Mit der ideellen Legitimation hat Bernhard das praktische Handeln des ersten Hochmeisters der Tempelherren, Hugo von Payns, und die monastische Lebensform seiner Rittergemeinschaft bestätigt. Damals wie heute müssen die Gegebenheiten der Zeit dem Wollen und Handeln zu  Grunde gelegt werden. Aber auch unter veränderten Umständen bleibt der eigentliche Auftrag Bernhards an die Tempelritter Einsatz der ganzen Persönlichkeit für die Verteidigung und für die Verbreitung des Christentums! Denn : “Ein solcher ist jedenfalls ein unerschrockener Ritter,… der umgibt seinen Leib mit dem Panzer aus Eisen, seine Seele aber mit dem des Glaubens”.

Beachtenswert ist ebenfalls,daß Bernhard von Clairvaux den Tempelrittern den Wahlspruch ihres Ordens aus dem Psalm 113,1 geschenkt hat:
Non nobis Domine,non nobis,sed nomini tuo da gloriam.

Bernhard schließt seinen “Liber ad milites Templi” mit den Worten :
“Diese Freude des Erdkreises also, dieser himmlische Schatz, diese Erbschaft der gläubigen Völker, sind, o Geliebte, eurer Treue anvertraut, eurer Klugheit und Tapferkeit anempfohlen. Dann aber werdet ihr imstande sein, sicher und treu diesen himmlischen Schatz zu hüten, wenn ihr euch nicht auf eure eigene Klugheit und Tapferkeit verlaßt, sondern überall nur auf die Hilfe Gottes, wissend, daß der Mann nicht durch seine eigene Kraft stark ist (1 Sam 2,9). Deshalb sollt ihr mit dem Propheten sprechen: “Der Herr ist mein Fels, meine Burg, mein Retter” (Ps 17,3) und weiter: “Meine Stärke, an dich will ich mich halten, denn du, Gott, bist mein Beschützer. Mein Gott, sein Erbarmen wird mir zuvorkommen” (Ps 58,10 f).

Und schließlich: “Nicht uns, o Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib die Ehre! (Ps 113,1) damit er in allem gepriesen sei, der eure Hände den Kampf lehrt…”.