Beitragsbild Berliner Mauer

20 Jahre Berliner Mauer

Christentum und Vaterland

Für Christentum und Vaterland, Festschrift für Dr. Heinz Gehle

20 Jahre Berliner Mauer – Anmerkungen zu einem Symbol der Schande

Als deutliches und unmißverständliches Zeichen kommunistischer Brutalität steht die “Mauer” in Berlin. Sie ist aber auch ein unübersehbares Zeichen dafür, daß die Sowjetunion und ihre Verbündeten jede Schwäche der freien Welt rücksichtslos in ihre weltweiten Planungen miteinbeziehen.

Am 17. April 1961 scheiterte der Versuch der Bewegung “Freies Kuba”, die Insel von Fidel Castro zu befreien. Exilkubaner wurden in der “Schweinebucht” einem grausamen Schicksal ausgeliefert, da die Unterstützung der amerikanischen Luftwaffe, mit der sie gerechnet hatten, bis auf klägliche Reste unter blieb. Berater hatten den erst kurze Zeit amtierenden Präsidenten, John F. Kennedy, von einer aktiven Unterstützung des mutigen Unternehmens abgebracht. Sie ließen sich dabei auch von dem Gedanken leiten, Chruschtschow könnte einen Entlastungsangriff gegen den freien Teil Berlins richten. Richard Nixon, der bei der Wahl Kennedys knapp unterlegen war, äußerte sich am 5. Mai 1961 in Chicago vor dem “Executives Club” wie folgt:

„Die potentiell schlimmste Folge unseres Fehlschlags in Kuba ist nicht unser momentaner Prestigeverlust, auf den allzu viele wie gebannt starren, sondern die Möglichkeit, daß dieser Fehlschlag die politisch Verantwortlichen in Amerika davon abhält, in Zukunft energische Schritte zu unternehmen, nur weil das Risiko eines Fehlschlages existiert.”

Dabei dachte Nixon an Laos, Vietnam und Berlin.

Am 4. Juni 1961, wenige Monate nach dem Debakel in der “Schweinebucht”, kam es zu dem Gespräch zwischen Kennedy und Chruschtschow in Wien. Gegenüber James Reston, dem bekannten amerikanischen Journalisten, äußerte Kennedy direkt nach seinem Gespräch, daß Chruschtschow ihn wegen des gescheiterten Unternehmens gegen Kuba als unerfahren und schwach angesehen habe. So war es kaum verwunderlich, daß er wohl vollkommen überrascht mit dem „Deutschland-Memorandum“ konfrontiert wurde.

Breiten Raum nahm darin im Absatz 5 das Berlin-Problem ein: „Die Sowjetregierung sieht heute keine bessere Lösung der West- Berlin-Frage als seine Umwandlung in eine entmilitarisierte Freie Stadt. … Im allgemeinen muß West-Berlin, wie es sich die Sowjetregierung vorstellt, streng neutral sein. … Die UdSSR schlägt vor, die zuverlässigsten Garantien gegen die Einmischung in die Angelegenheiten der Freien Stadt seitens irgendeines Staates zu schaffen. Als Garant der Freien Stadt könnten in Westberlin symbolische Kontingente von Truppen der USA, Großbritanniens, Frankreichs und der Sowjetunion stationiert werden. … Der Status der Freien Stadt könnte in geeigneter Weise in den UN registriert. …werden. … Bei alledem müßte die West-Berlin-Regelung natürlich die Notwendigkeit der Achtung einer strengen Einhaltung der souveränen Rechte der Deutschen Demokratischen Republik berücksichtigen. ..”

Nur knapp drei Jahre vorher, am 27. November 1958, hatte die Sowjetunion in Noten an die drei Westmächte den Bannstrahl gegen West-Berlin gerichtet. Die Sowjetunion würde es für möglich halten, “die West-Berlin-Frage gegenwärtig durch die Umwandlung West-Berlins in eine selbständige politische Einheit – in eine Freie Stadt – zu lösen, in deren Leben sich kein Staat, auch keiner der beiden bestehenden deutschen Staaten einmischen dürfte.” Für diese Lösung stellte die Sowjetunion ein Ultimatum von sechs Monaten. In die Zeit des Ultimatums fiel der sowjetischen “Friedensvertrag-Entwurf” für Deutschland von 10. Januar 1959, ohne den die “Ostverträge” des Jahres 1970 nicht denkbar gewesen wären. Deutlicher kann der Erpressungscharakter dieser Verträge nicht aufgezeigt werden. 1959 lautete Artikel 25: „Bis zur Wiederherstellung der Einheit Deutschlands und der Bildung eines einheitlichen deutschen Staates erhält West-Berlin die Stellung einer entmilitarisierten Freien Stadt auf der Grundlage ihres besonderen Status.”

Der nächste Erpressungsversuch der Sowjetunion wurde nach dem Treffen in Wien eingeleitet, das zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt stattfand und einen geschwächten Präsidentender USA zeigte. Am 15. Juni 1961 antwortete der damalige 1. Sekretär der SED, Walter Ulbricht, auf die Frage eines Journalisten nach eventuellen Absperrungsmaßnahmen:

“Die Bauarbeiter unserer Hauptstadt beschäftigen sich hauptsächlich mit Wohnungsbau, und ihre Arbeitskraft wird voll dafür eingesetzt. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.”

Zwei Monate später war der Bau der “Mauer” bereits in vollem Gange. Ein kommunistisches System sah sich gezwungen, seine Bürger “einzumauern”, da es ihnen nicht die ersehnten Lebensbedingungen bieten konnte und ihnen die wichtigsten Grundrechte vorenthielt. Es wäre aber gefährlich, die “Mauer” in Berlin, deren Bau am 13. August 1961 um 2.00 Uhr begann, nur als eine Verzweiflungstat zu sehen. Kommunistische Strategen und Taktiker sahen in ihr ein Mittel, durch unvorstellbares Leid der betroffenen Menschen und ihrer Angehörigen die freie Wahl zu erpressen und vor allem die Bundesrepublik Deutschland zum Nachgeben zu zwingen. Ein politisches System, das auf Freiheit und Menschlichkeit gründet, ist von einem Regime, das jede Menschlichkeit mißachtet, aber propagandistisch an die Humanität appelliert, stets erpreßbar. Hier liegt die große Gefahr, die für die Bundesrepublik Deutschland mit der “Mauer” entstanden ist. Innerhalb von Stunden wurde eine Großstadt, die Hauptstadt Deutschlands, zerrissen.

Vor der Spaltung überschritten täglich 500 000 Berliner die Sektorengrenze zwischen Ost- und West-Berlin. Über 60 000 Ost-Berliner verloren ihren Arbeitsplatz in West-Berlin. Rund 1 100 Schüler und Studenten konnten ihre Schule oder die Universität nicht mehr besuchen. 10 000 West-Berliner verloren ihre Kleingärten und Grundstücke in Ost-Berlin, nachdem 1952 schon 40 000 an den Zonenrandgebieten ihr Eigentum verloren hatten. Kirchengemeinden wurden zerrissen und der Zugang zu Friedhöfen unmöglich gemacht. 70% aller Berliner haben irgendwelche persönliche Bindungen zu Menschen im anderen Teil der Stadt. Menschliches Leid der Berliner gab der Sowjetunion den Hebel für ihre Deutschlandpolitik in die Hand, den sie ab Ende 1969 mit direkter und indirekter Hilfe deutscher Politiker erfolgreich gegen die Einheit Deutschlands einsetzte. George Bailey, amerikanischer Journalist, traf 1973 in seinem Buch ” Auf der Suche nach Deutschland” den Kern:

“Die Mauer versetzte das ostdeutsche Regime, hinter dem die Sowjetunion stand, in die Lage, den Berliner Senat und damit in logischer Fortführung auch die westdeutsche Regierung zu erpressen. Die Erpressung war um so wirkungsvoller, als die Teilung einer Stadt, dieser höchsten sozilogischen Entwicklungsform, derer unsere Zivilisation fähig ist, etwas viel Brutaleres ist, als die Teilung eines Landes. Deutschland kennt beides. Die Mauer erzwang das Passierscheinabkommen. … “

Von Anfang an wurden für die Gewährung von ein wenig Menschlichkeit politische Zugeständnisse verlangt. So mußten die West-Berliner, welche nach 28 Monaten zum erstenmal wieder ihre nächsten Angehörigen in der Zeit vom 20. Dezember 1963 bis 5. Januar 1964 für einen Tag besuchen durften, einen “Antrag auf einen Passierschein für Bürger West-Berlins zum Betreten der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik” unterschreiben. 730 000 West-Berliner besuchten in dem zugebilligten Zeitraum den Ostsektor der Stadt. Deutlicher konnten die menschlichen Bindungen nicht unterstrichen werden. Die Verantwortlichen der “DDR” hatten ein Instrument in der Hand, aus dem sie politisches Kapital schlagen konnten. Obwohl zahlreiche politische Persönlichkeiten aus allen Teilen der Welt die Mauer entschieden verurteilten, bekannten sich die Kommunisten schon bald dazu. Am 29. Juni 1963, erklärte Chruschtschow:

“Mir gefällt sie außerordentlich.”

Zum Erstaunen der Teilnehmer an dem internationalen Hegel-Kongreß in Antwerpen am 29. August 1972 gab Alexander Abusch, Philosophie-Professor und Mitglied des ZK der SED folgendes Bekenntnis ab:

„Wir sind stolz auf die Mauer, die in Berlin die Grenzen unserer Deutschen Demokratischen Republik bildet, und die Mehrheit unserer Bevölkerung ist der Meinung, daß die Berliner Mauer schon viel früher hätte errichtet werden müsse.“

Wer kommunistisches politisches Handeln nur ein wenig kennt, der weiß, wie wichtig für Kommunisten historische Daten sind. So wählte die Sowjetunion sicherlich mit voller Absicht den 12. August 1970 zur Unterzeichnung des „Moskauer Vertrages“. Sehr klar erkannte der Vorsitzende des Politischen Ausschusses der Republikanischen Partei in den USA, Gordon Allott, am 28. August 1970 diesen Tatbestand: „Vielleicht ist ein Symbol daß der Vertrag einen Tag vor dem Jahrestag der Errichtung der Berliner Mauer unterzeichnet wurde.” Wie selbstverständlich werden heute am 12. August Grußbotschaften zwischen Bonn und Moskau ausgetauscht, während dem einschneidenden Ereignis vom 13. August wenig Beachtung zukommt.
Während um den “Moskauer Vertrag” gerungen wurde, handelten die vier für Berlin zuständigen Botschafter das „Berlin-Abkommen” vom 3. September 1971 aus, das sich nach kommunistischer Auffassung nur auf West-Berlin bezieht.

Noch immer scheint nicht wenigen Politikern der wahre Charakter dieses Abkommens verborgen zu sein. Größte Aufmerksamkeit hätte der Artikel von J. Roszkowski in der polnischen Wochenzeitung „Kultura” Nr. 38/1971 verdient, in dem es hieß: „Dies ist der Abschluß eines Prozesses, der sich über viele Jahre hinzog, und mit dem die Existenz der beiden deutschen Staaten – ,DDR’ und der BRD – als auch West-Berlin als einer unabhängigen politischen und staatlichen Einheit festgelegt wird. … Der gegenwärtige Stand der Dinge auf diesem Gebiet kennt nicht die Bezeichnung ,Deutschland’, eine Tatsache von großer Bedeutung. … Deutschland als solches existiert nicht. Es ist nunmehr eine ausschließlich historische Bezeichnung. …”

Ein weiterer Schritt auf diesem Wege war am 14. Juni 1981 die Wahl von 40 Abgeordneten Ost- Berlins in die „Volkskammer”, die erstmals im bewußten Verstoß gegen das Viermächte-Statut das volle Stimmrecht erhielten. Das ist das Ergebnis einer Politik, die ihr Streben fast nur noch auf menschliche Erleichterungen in Mitteldeutschland und Ost-Berlin setzt. Sie werden immer wieder teuer bezahlt, und die Erhöhung des Zwangsumtausches wird fast ratlos hingenommen. Am 11. Juni 1981 teilte die Bundesregierung mit, daß von 1970-1979 rund 3,6 Milliarden DM an die „DDR” überwiesen worden seien. Für 1981 sei mit über 1 Milliarde DM für die Transitpauschale und die Verbesserung des Transitverkehrs zu rechnen. Seit 1964 hat die Bundesregierung für 2 Milliarden DM politische Häftlinge freigekauft, die sie oft nicht mehr gezielt auswählen darf. Der Mensch in seiner Not wird zur politischen Ware erniedrigt.

Illusionsbeladene deutsche Politiker meinen mehr von der Sowjetunion und der „DDR” erreichen zu können, wenn sie sich anbiedern und geradezu um Begegnungen mit den verantwortlichen Politikern buhlen. Vielleicht lassen sie sich aber auch nur von nüchterner Angst leiten, die von ausländischen Kommunisten und deutschen „Friedensfreunden” geschürt wird. Moskau und Ost-Berlin werden zu immer neuen Erpressungen ermutigt. Hier muß ein ehernes Halt geboten werden. Es geht darum, der Weltöffentlichkeit unaufhörlich zu verkünden, daß „Entspannung”, Ruhe und Frieden in der Welt gefördert werden wenn allen Deutschen endlich die Möglichkeit gegeben wird in freier Wahl über ihre Zukunft zu entscheiden. Vor allem geht es darum, von deutschen Menschen die Entwürdigung zu nehmen, daß man ihnen das Recht auf Selbstbestimmung vorenthält, das sonst überall in der Welt gefeiert und propagiert wird. Zwanzig Jahr nach dem Bau der „Mauer” die tiefes Leid und Unrecht über Deutschland gebracht hat, sollte die Forderung nach einer Wiedervereinigung so laut erhoben werden, daß sie ” auch die hartnäckigsten Gegner Deutschlands nicht mehr überhören können.

Aus der Festschrift für Dr. Heinz Gehle zum 85. Geburtstag – “Für Christentum und Vaterland