4. Kreuzfahrer

Nach dem Aufruf Papst Urban II. zur gewaltsamen Befreiung der heiligen Stätten der Christenheit in Palestina aus der Herrschaft der Mohammedaner, war dies in vielerlei Hinsicht der Beginn eines neuen Zeitalters.

Zunächst bildeten sich für uns Heutige unvorstellbare Massenbewegungen bewaffneter Wallfahrten, die sich auf den Weg nach Jerusalem machten. Die Männer, die den Worten Urbans folgten, wurden – weil das Kreuz an ihrer Kleidung sie erkennen ließ – “Kreuzfahrer” genannt. Bewaffnete Wallfahrten ? Diesen Widerspruch zu Christus Worten: “Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen” , versuchte Bernhard von Clairvaux später zu lösen.

Der Begriff “militia Christi” war seit Paulus der Dienst und der Kampf für Christus mit den Waffen des Geistes. Die “milites Christi”waren zunächst  die Bekenner und Märtyrer, später konnten alle Mönche so bezeichnet werden. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, die Klosterreform, die  insbesondere mit dem Namen Cluny verbunden ist.

Cluny hat sich sehr darum bemüht, auf das Leben des Adels einzuwirken. Noch vor der Mitte des 10. Jahrhunderts verfaßt Abt Odo von Cluny seine”vita a Geralde Aureliacensis comitis” (Migne Pl. 133, col. 639-710, bes. 645 ff), mit der er ein neues Heiligenideal darstellte. Er wollte
dem Adel, dem er selbst entstammte, zeigen, daß auch “ein ritterlicher Herr ein heiliges Leben führen könne.” Diese Entwicklung vollzog sich im 11.  Jahrhundert. Das Reformpapsttum (Leo IX.) übernahm die Führung. Kriege sollten dem Sch utz des Glaubens und der Schwachen dienen.  Zunehmend – besonders durch Papst Gregor VII. wurden die Hemmungen abgebaut, die die Kirche ursprünglich von kriegerische mPredigen und  Handeln ferngehalten hat. Im Vordergrund stand der ritterliche Heidenkrieg ohne Kaiser und Könige, um den von den Muslims bedrängten  Christen des Orients Hilfe zu bringen. Der Schutz für das Heilige Grab und für die Pilger war die andere wichtige Aufgabe. (Während Erdmann den  Krieg als wichtigstes Ziel sieht, hebt dazu in Gegensatz Hans Eberhard Mayer. Geschichte der Kreuzzüge. (Urban-Taschenbücher 86.) Stuttgart  1965, 1980, S. 37, die Bedeutung der Pilgerreise hervor.)

Kreuzzug wurde eine bewaffnete Pilgerreise. Schwierige organisatorische und diplomatische Maßnahmen waren zur Vorbereitung nötig, ehe der   erste Kreuzzug unter der Führung verschiedener Fürsten vornehmlich aus Frankreich und dem sizilischen Normannenreich 1097 beginnen konnte. Der Erfolg wurde am 15. Juli 1099 mit der Eroberung der Stadt Jerusalem gekrönt. Nachdem Gottfried von Bouillon, der aus diplomatischen  Gründen zunächst nur den Titel eines Beschützers des Heiligen Grabes angenommen hatte, bereits ein Jahr später verstorben war, wurde sein Bruder Balduin von Boulogne als Balduin 1. erster König von Jerusalem.

In seiner Regierungszeit, bis 1118, festigte sich die Herrschaft sowohl gegenüber den Muslims als auch gegenüber den nördlich anschließenden Kreuzfahrerherrschaften. (Reinhold Röhricht: Geschichte des Königreiches Jerusalem 1100-1291. Innsbruck 1898. Ndr. Amsterdam 1966, – Joshua Prawer: Histoire du royaume latin de Jerusalem. 1-2. Paris 1069-1970, 1975.- Ders.: Latin Kingdom of Jerusalem. London 1972.) Das Ansehen des entstandenen Königreichs Jerusalem führte dazu, daß in vermehrter Zahl waffenlose Pilger aus dem Abendland in das Heilige Land kamen, um die  heiligen Stätten der Christenheit aufzusuchen. Der Weg von Jaffa nach Jerusalem war trotz der verhältnismäßig gefestigten Herrschaft keineswegs  gänzlich gesichert; denn immer wieder kam es zu Unfällen. Möglicherweise war es gerade der Überfall auf eine große Schar von Pilgern, die Ostern  1119 von Jerusalem an den Jordan gezogen waren, der die Gründung der Gemeinschaft anregte, die als “Militia Templi Hierosolymintani (Ritterschaft des Jerusalemer Tempels, kurz Tempelherren-Orden) in die Geschichte eingegangen ist. (Hans Prutz: Entwicklung und Untergang des  Tempelherrenordens. Berlin 1880. – Ders.: Die Geistlichen Ritterorden, Berlin 1908, Nefr.ebd.1967, S. 25-3 (als Gesamtdarstellung noch nicht  überholt). – Marie Luise Bulst- Thiele: Sacrae Domus Militiae Templi Hierosolymitani Magistri. (Abhandlungen d.Akademie d. Wissenschaften in  Göttingen,Philo1.-Hist.K1.3.Folge. 86.) Göttingen 1974, S. 19 vv. – Laurent Dailliez: Les Templiers, gouvernement et institutions. I. Nice 1980, S. 11  ff.)

Bereits um 1125, also sechs Jahre später, heißt es im erzählenden Teil einer Urkunde: “Durch ein wie großes Licht der Liebe und durch welche  Gnade zu löblicher Ehre die ergebenen Ritter des Jerusalemer Tempels überzufließen scheinen mögen , wissen und bezeugen die, die über weite Entfernungen des Meeres und des Landes aus frommer Eingebung das heilige Jerusalem und das Grab des Herrn beständig besuchen: und damit die imstande sind, sicher an die heiligsten Orte zu gehen, die wegen der körperlichen Anwesenheit unseres Herrn Jesus Christus geweiht sind, sind die genannten Ritter bereit, jene hin- und zurückzuführen: ihr ruhmreiches Ansehen ist überall frei in den Ländern verbreitet, ist vielen  wohlbekannt und ist jenen als Wohltat reichlich zu empfehlen. (Cartulaire general de l’Ordre du Temple (1119?-1150), hg. v. (Andre) Marquis  d’Albon. Paris 1913,Nr.4) Nach einer Überlieferung hat Hugo von Payns (de Paganis) mit seinem Waffengefährten Gottfried de Saint-Omer im  ersten Regierungsjahr König Bälduins II. von Jerusalem, der am 9. April 1118 seinem Vetter Balduin I. gefolgt war, den neuen Ritterorden  gegründet, um die Pilger auf dem Weg von und nach Jerusalem zu schützen. (Marion Melville: Les Debuts de l’Ordre du Temple , in : D.g.R.,S.23) Vielleicht liegt diese Gründung schon einige Jahre früher, denn Ivo von Chartres, der am 23. Dezember 1115 oder 1116 verstorben ist, erwähnt bereits eine “militia Christi” oder “militia evangelica”, als dieser dem Grafen Hugo der Champagne abriet, sofort der neuen “militia” beizutreten, da er noch verheiratet sei.(Bulst-Thiele S. 20 f.) Nach dem Vorwort der ersten Fassung der Regel, die in lateinischer Sprache geschrieben ist, haben  Hugo von Payns und seine ersten Mitbrüder ihre Gelübde vor dem Patriarchen von Jerusalem im Jahre 1119 abgelegt. Dieser Patriarch war bisher, dh. seit 1099, umgeben von dem Kanonikerorden vom Heiligen Grabe. (Ordo Canonicorum regularium S. Sepulcri  Dominici) (Kasper Elm: Kanoniker und Ritter vom Heiligen Grab, in D.g.R.,S. 141-169ff.) Dieser war das Kathedralkapitel von Jerusalem an der  Grabesbasilika.

Der neue Ritterorden stand zunächst äußerlich wie innerlich in enger Beziehung zu Patriarch und Kanonikern, er unterlag der Oboedienz des Patriarchen. Die Gründung des Hugo von Payns mochte dem Patriarchen sehr gelegen kommen, konnte ihn doch eine solche Korporation von seiner Dienstleistungspflicht gegenüber dem König entlasten. Sie konnte überhaupt die Macht des Patriarchen innerhalb des Königreichs Jerussl festigen oder verstärken.

Der Ordensgründer (Bulst-Thiele, S. 19-28. – Dailliez, S. 45-47.) stammte aus Champagne. Payns liegt in der Nähe von Troyes. Er war verheiratet und hatte einen Sohn, der später Abt eines Klosters in Troyes wurde. Die Familie war wahrscheinlich eine Seitenlinie der Grafen von Troyes. Diese Familie zählte zum mittleren Adel der Champagne wie die Familie der Mutter Bernhards von Clairvaux. Hier bestand vermutlich eine Verwandtschaft.

Hugo von Payns gehörte zum Gefolge des Grafen der Champagne. Mit ihm pilgerte er in das Heilige Land. Die Gründung des Ritterordens erfolgte möglicherweise schon in diesem Zusammenhang. Die spätere Chronik schrieb, daß dieser neue Orden – von 1118 an – neun Jahre lange nur neun Ritterbrüder gehabt habe. (Wilhelm von Tyrus: Histori arerumin partibus transmarinis gestarum ed. a. Willermo (Guillelmo) Tyrensi archiepiscopo. (Recueil des Historiens Farnborough, Hants., England S. 52 of. lb. 12 c.7. auch in : Migne PL 2=1 , col. 526 f.)

Wilhelm stand den Templern wie der Kreuzzugsbewegung überhaupt sehr kritisch gegenüber, vgl. Rainer Christoph Schwinges: Kreuzzugsideologie  und Toleranz. Studien zu Wilhelm von Tyrus. (Monographien zur Geschichte des Mittelalalters. 15.) Stuttgart 1977; kürzere Berichterstattung  zunächst in Saeculum 25.1974, S. 367-385, neu in: Ideologie S. 356-384.) Acht oder neun Gefolgsleute in einem Dezennium um sich zu scharen, läßt darauf schließen, daß Hugo von Payns sehr große Anfangsschwierigkeiten gehabt haben muß. Sie äußerten sich vor allem darin, daß die”pauperes  commilitiones Christi” – so nannten sich ursprünglich die Tempelritter – trotz der wohlwollenden Förderung durch König Balduin keinen rechten Zulauf fanden.