6. Bernhard von Clairvaux

Bernhard war schon zu seinen Lebzeiten ein im christlichen Abendland heiligmäßig verehrter Mann. Als Mönch und Abt von Clairvaux war er ein viel gefragter päpstlicher Berater, er war landauf, landab ein unermüdlicher und hinreißender Prediger; er war Kirchenlehrer und gern  gehörter Vertrauter von Königen und Fürsten. Es spricht für das lebensnahe Denken und Handeln Hugos von Payns, wenn er sich bemüht, seinen berühmten Verwandten für die Sache der “pauperes commilitones Christi templique Hierosolymitani” zu gewinnen. Wer war Bernhard von  Clairvaux, der vor nunmehr 900 Jahren geboren und als das “Gewissen seiner Zeit” bezeichnet wurde ?

Als er am 20. August 1153 morgens gegen neun Uhr starb, trug er die schmucklose weiße Wollkutte eines einfachen Zisterzienser-Mönches. Sein Gesicht war von den Strapazen und Entbehrungen eines Lebens als Asket und ruhelos reisender Prediger gezeichnet. Doch die Kunde von seinem Tod ließ die Menschen in ganz Europa bis hin zu den Königen und Päpsten, in Tränen ausbrechen: Bernhard von Clairvaux war mehr gewesen als ein einfacher Mönch.

Im Alter von 23 Jahren hatte Bernhard, der aus einer alten burgundischen Adelsfamilie stammte und dem  eine glänzende Zukunft als Heerführer, Bischof oder Gelehrter vorausgesagt wurde, gegen den erbitterten Widerstand seines Vaters zusammen mit einer Schar Gleichgesinnter an die Pforte des Klosters von Citeaux geklopft. Ein Leben vor Gott in absoluter Einfachheit wollte er führen, um ganz für andere dasein zu können. In Citeaux und dessen bald von Bernhard gegründeten Tochterkloster Clairvaux, dem sein Gründer als Abt bis zu seinem Tode vorstand,  schliefen die Mönche in kalten Schlafsälen, ernährten sich von Wurzeln, Wasser und Brot und arbeiteten in der Landwirtschaft.

Was er von sich selbst verlangte, das riet er auch den jungen Menschen, die erst zu Hunderten und dann zu Tausenden kamen, um seinem Beispiel zu folgen. Wenn auch euer Vater sich auf der Schwelle eurer Tür niederstreckte, euer kleiner Neffe die Arme um euren Hals schlingen  würde – 13 schreitet über den Leib eures Vaters hinweg und über den Leib eurer Mutter und wendet euch nicht um.” Solche Radikalität war anziehend. In kurzer Zeit machten die Predigen und das Beispiel Bernhards aus dem damals neu entstandenen Zisterzienserorden eine Bewegung,  die bei Bernhards Tod 160 Klöster von Schweden bis nach Spanien umfaßte.

Zisterzienser brachten den Bauern moderne Anbaumethoden bei und schufen mit ihren Kirchen und Klöstern einen eigenen Baustil, der noch heute bewundert wird. Sein Leben lang hatte Bernhard nur ein Thema – die Liebe. Von der Liebe Gottes zu den Menschen und davon, daß auch  die Menschen untereinander Frieden halten sollten, schrieb und predigte er, wohin man ihn auch rief. Die Macht seiner Worte war gewaltig: Bernhard schlichtete Streitigkeiten zwischen Königen und brachte – wie im Fall der Städte Genua und Pisa – jahrelange Fehden zu einem  unblutigen Ende.

In einem Streit, der ganz Europa in zwei Parteien spaltete – dem Papst -Schisma zwischen Innozenz Il. und dessen Widersacher Anaklet – gab sein Urteil für Innozenz den Ausschlag für die Beilegung. Und als in Mainz, Köln und Straßburg die Judenviertel brannten, weil junge Adelige hofften, dadurch von ihren Schulden loszukommen, war es die Macht der Predigt des an den Rhein geeilten Bernhard, die dem Blutvergießen ein Ende bereitete.  An Bernhard von Clairvaux schieden sich schon zu seinen Lebzeiten die Geister. Die Art und Weise, wie er seine Gegner –  zum Beispiel den wegen der Liebe zu seiner Schülerin Heloise bekannt gewordenen Theologen Abälard – bekämpfte, wurde von Zeitgenossen oft als unfein empfunden.

Und im Südwesten Deutschlands, auf der Rückkehr von seinem Besuch in Konstanz, gelang es ihm, auch den deutschen König Konrad III. zur Teilnahme am zweiten Kreuzzug zu überreden – einem Unternehmen, das nicht nur deswegen zu den dunklen Kapiteln der Kirchengeschichte zählt, weil es kläglich scheiterte. Bernhard war das moralische Gewissen seiner Zeit. Die kleinen Leute liebten ihn, weil er ohne Rücksicht auf die eigene Person auch Könige und Päpste mitunter hart angriff. Obwohl Bernhard sich oft gezwungen sah, in politischen Streitigkeiten zu  schlichten, blieb er doch in seinem Wesen ein Mönch. Seinen erhalten gebliebenen Predigten und Schriften merkt man an, daß Bernhard seine Kraft aus dem regelmäßigen Leben in der Zelle – mit den einander abwechselnden Zeiten der Meditation, der Arbeit und der Ruhe – schöpfte.

Häufig mußte Bernhard sein geliebtes, “helles Tal” verlassen – und tat es doch so ungern. Er fühle sich wie “ein kleiner V ogel mit zerrupften Federn, der immer wieder aus dem Nest gejagt wird”, schrieb er auf einer seiner Reisen. Die Hetze und Ruhelosigkeit, wie sie das 20. Jahrhundert bestimmen, waren dem Heiligen nicht unbekannt – und genau das macht ihn so modern. Seine Kraft war die Meditation. “Doctor Mellifluus” (honigfließender Lehrer) hat man ihn genannt, weil er nach außen von dem sprach, was er im Innern erfuhr. (5. Klusak, Köln 1990)

DAS LEBEN BERNHARDS IN CHRONOLOGISCHER ÜBERSICHT

1090:
Geburt Bernhards als Sohn des Tescelin von Fontaines-läs-Dijon und seiner Gattin, der sel. Aleth von Montbard.

1097:
Bernhard kommt in die Schule der Kanoniker von Saint-Vorles in Chäti llon-sur-Seine.

1111:
Auf dem Weg nach Crancey-Chäteau, wo seine Brüder an der der Belagerung der Burg teilnehmen, faßt Bernhard den Entschluß, Mönch zu werden. Er bewegt zahlreiche Verwandte dazu, sich ihm anzuschließen und sich in Chätil Ion auf den Klostereintritt vorzubereiten.

1113:
Bernhard und seine Verwandten beginnen ihr Noviziat in Citeaux.

1114:
April: Profeß vor dem hl. Stephan Harding, Abt. von Citeaux.

1115:
25.6.: Gründung von Clairvaux mit Bernhard als Abt. Abtsweihe (und gleichzeitige Priesterweihe?) durch Wilhelm von Campeaux , Bischhof von Ch älons-sur-Marne.

1116/1117:
Erster erhaltener Brief: Ep 441.

1118:
Eine schwere Magenerkrankung Bernhards veranlaßt Wilhelm von Champeaux, ihm jede Anstrengung und vor allem Askeseleistung zu untersagen.

1120:
Beginn der Freundschaft mit dem hl. Norbert von Xanten. Tod von Bernhards Vater Tescelin .

1124/1125:
In Abwesenheit des Abtes von Citeaux verhindert Bernhard die Aufgabe des Klosters Morimond, womit seine über Clairvaux hinausgehenden Aktivitäten beginnen.

1228:
Bernhard Sekretär des Konzils von Troyes, wo er dem Orden der Tempelherren zu allgemeiner Anerkennung verhilft und an dessen Regel mitwirkt. De gratia et Libero arbitrio. Ad milites Templi de laudibus novae militiae.

1129:
Bernhard beim Konzil in Chälons- sur-Marne.

1130:
Nach der Doppelwahl von Innozenz II. und Anaklet II. entscheidet sich Bernhard für ersteren und beeinflußt Ludwig VI. beim Konzil von Etampes in diesem Sinne. November: Bernhard beim Konzil von Clermont; Innozenz bannt den Gegenpapst.

1131:
Bernhard wendet sich gegen König Lotha III., der die bischöfliche Investitur wieder an sich bringen möchte. Erste theologische Kontroverse mit Peter Abaelard. Mai: Innozenz II. besucht Clairvaux. Bernhard auf dem Weg nach Reims.

1132:
Vergeblicher Versuch Bernhards, Herzog Wilhelm X. von Aquitanien in Poitiers zum Abfall vom Gegenpapst zu bringen. Bernhard begibt sicht nach Pisa zu Innozenz II.

1133:
Unter Vermittlung des Papstes und Bernhards Friedensschluß zwischen Pisa und Genua. Nach Predigten in Genua gelangt Bernhard im Gefolge des Papstes nach Rom. Anfang des Sommers befindet er sich in Blois, um mit päpstlicher Vollmacht die strittige Bischofswahl in Tours zu  entscheiden. Bischof Stephan von Senlis flüchtet zu Bernhard nach Clairvaux, als in seiner Umgebung ein Mord geschieht.

1234:
Bernhard beendet das aquitanische Schisma bei einem Treffen mit Herzog Wilhelm in Parthenay.

1135:
Frühjahr: Bernhard versöhnt in Bamberg die Hohenstaufen mit Kaiser Lothar. 28.5. – 6.6. Teilnahme am Konzil von Pisa und Eingriff in die zwiespältige Bischofswahl in Mailand. Bernhard wird dort triumphal empfangen, schlägt aber die ihm angebotene Bischofswürde ab. November: Rückkehr nach Clairvaux.

1137:
Berrhard reist nach LuDca, das er vor der Zerstörung durch das kaiserliche Heer rettete. Auf Wunsch des Papstes und des Kaisers begibt sich Bernhard nach Apulien, kann aber König Roger II. von Sizilien nicht von militärischen Interventionen zurückhalten.. Winter: Öffentliche  Diskussionen zwischen den Anhängern Innozenz’ und Anaklets in Salerno.

1138: 29.3.:
Der neue Gegenpapst ViktorlV. unterwirft sich in Rom Innozenz nach einem Gespräch mit Bernhard. Nach Frankreich zurückgekehrt, lehnt dieser das ihm angetragene Bistum Langres zugunsten seines Priors Gottfried ab.

1139:
April: Teilnahme am II. Laterankonzil. Bernhard lehnt das ihm angetragene Erzbistum Reims ab, kann aber auch durch sein persönliches Erscheinen die folgenden Differenzen zwischen den Bürgern und der Kirche nicht beheben. Der sel.Wilhelm von St. Thierry informiert Bernhard über Irrlehren Abaelards; Bernhard reagiert mit dem Tractatus contra capitula errorum Petri Abaelardi (Ep 190).

1140:
Juni: Auf Betreiben Bernhards verurteilt das Konzil von Sens die Lehren Abaelards.

1142/1143:
Vergebliche Versuche. König Ludwig VII. und Herzog Theobald von der Champagne zu versöhnen. Bernhard ruft zur Verurteilung Arnolds von Brescia auf.

1145:
Sommer. Bernhard predigt in Südfrankreich gegen den Ketzer Heinrich.

1146:
Auf Geheiß des sel. Papstes Eugen III. predigt Bernhard mit großem Erfolg den Kreuzzug in Frankreich, Flandern und Deutschland, lehnt aber die Führerschaft ab. Am 27.12. erreicht er die Teilnahme des lange widerstrebenden Königs Königs Konrad III.

1147: 16.-22.2.:
Teilnahme an den Kreuzzugsvorbereitungen in Etampes. 13.3.: Teilnahme am Reichstag in Frankfurt. 6.4.: Bernhard empfängt Eugen III. in Clairvaux. April/Juni: Bernhard beim Konzil von Paris; auf sein Betreiben erfolgt die Absetzung des hl. William Fitzherbert als Erzbischof von  York und die Einmtzung des Zisterziensers Heinrich Murdach.

1148: 7./9.4.:
Bernhard erreicht die Verurteilung der Trinitätslehre Bischof Gilberts von Poitiers. 24.-26.4.: Eugen III. in Clairvaux.

2.11.:
Der hl. Malachias, Erzbischof von Armagh, stirbt in Clairvaux.

1150: 7.5.:
Bernhard von einer Kirchenversammlung in Chartres zum Leiter eines neuen Kreuzzugsunternehmen bestellt. Reise in die Bretag ne und Normandie (7).

1152:
Versöhnung König Ludwigs VII. mit Bischof Heinrich von Beauvais und Herzog Gottfried von Anjou.

1153:
Frühjahr: Wiewohl ernstlich krank, begibt sich Bernhard nach Lothringen, um zwischen dem Bischof von Metz und mehreren Feudalherren Frieden zu stiften.

20.8.: Tod Bernhard in Clairvaux.

BERNHARD ERHEBT DAS TUN DER TEMPELHERREN ZUR IDEE

Der Abt von Clairvaux, Bernhard, folgte den drängenden Bitten Hugos von Payns, eine Ermutigungsschrift an ihn und seine Mitbrüder zu schicken. Er wußte, daß er einen neuen Weg beschreiten mußte, um dem Orden der Tempelherren Anerkennung zu verschaffen. Am Anfang des  Briefes verzichtet er auf die damalige Üblichkeit, ein “laudator temporis acti” zu sein; dies war auch nicht möglich, denn die Bruderschaft der Tempelherren war jung; weder über ihre Vergangenheit noch über die geistlichen Ritterorden war zu berichten. Wenn man im allgemeinen von  einem Kirchenheiligen spricht, geht man landläufig davon aus, es müsse sich seiner geistigen Ausrichtung nach um einen konservativen Menschen handeln. Bernhard war aber in seinem Handeln und auch in seinen Reden eher progressiv. Bisher war es undenkbar, daß ein Mönch oder  ein Mann, der nach den Evangelischen Räten lebt, eine Waffe in die Hand nahm. Bei den Tempelritter war das anders. Dieser Gegensatz des Bisherigen zum Neuen bereitete den Mönchsrittern erhebliche Schwierigkeiten. “Im Unterschied zum Alten, das im Sinne der Zeit sozusagen durch sich selbst gerechtfertigt war, bedurfte das Neue einer besonderen Legitimation, und es ist bezeichnend, daß Bernhard von Clairvaux, selbst Angehöriger und Haupt eines neuen Ordens, die Legitimation liefert und dabei als entschiedener Fürsprecher des Neuen in “Erscheinung tritt” (Fleckenstein: “Die geistlichen Ritterorden”, Sigmaringen 1980) Die Wiederkehr des neunhundertsten Geburtstages Bernhards von Clairvaux wird von allen Gemeinschaften, die sich der Traditionspflege historischer geistl icher Ritterorden widmen, zum Anlass genommen, auf die  Bedeutung Bernhards für ihren jeweiligen Orden hinzuweisen.

Wenn auch Bernhard mit seinem Traktat “De laude rpvae militiae” die wirksame Grundlage für die “Mönchsritter” geschaffen hat, darf nicht vergessen werden, daß seine Schrift ausschließlich für die Tempelherren bestimmt war. Der “Liber ad militum Templi” muß jedem, der sich für   diesen “Brief an die Tempelritter” interessiert, bekannt sein. Wir geben ihn deshalb an anderer Stelle in vollem Wortlaut wieder. Der eigentliche Gedanke für seine Schrift ist die Rechtfertigung der Tempelherren als Orden. Deshalb weist er immer wieder auf deren brüderliche Liebe, auf  ihren frommen Gehorsam und auf ihre freiwillige Armut hin. Die Verschmelzung von Rittertum und Mönchtum widersprach, wie bereits angedeutet, der gültigen Auffassung. Wenn auch die Tempelherren diese Verschmelzung tatsächlich herbeiführten und praktizierten, sie konnten  aber hinsichtlich ihrer Beweggründe immer nur auf ihre Aufgabe , den Schutz der Pilger im Heiligen Land, verweisen.

Das heißt mit anderen Worten, daß sie der bisherigen Regel, die sie mit ihrem Vorhaben und mit ihren Aufgaben durchbrachen, keine neue entgegenstellen konnten. Bernhard von Clairvaux überbrückte das Bisherige zu dem Jetzigen, indem er den Tempelherren eine neue Existenzform gab. Er identifizierte sie mit der “nova militia”. So wurde das Tun der Tempelherren zur Idee erhoben!

Fleckenstein stellt dazu fest:”in der “nova milita” hat die Idee des Ritterordens ihren ersten überzeugenden Ausdruck gefunden. Das aber bedeutet, daß Bernhard von Clairvaux, die religiöse Autorität der Zeit, dem Orden gleichsam zu einem höheren Selbst verholfen hat. Indem er die  Idee der “nova militia” als eine neue Norm begründet und verkündet hat, hat er den um ihre Existen zu ringenden Templern gegeben, was sie brauchten: die notwendige ideelle Legitimation.

Dann fährt Fleckenstein fort: “So markiert der Liber exhortationis in der Geschichte der Templer in der Tat einen Wendepunkt. Er schließt die Zeit der Anfangsnöte ab – man wird hier besser nicht von einer Krise sprechen, die erst eingetreten wäre, sondern von den Schwierigkeiten des  Beginns, die von Anfang an bestanden und jetzt erst überwunden wurden, als Bernhard von Clairvaux den Ritter-Brüdern mit der Idee der “nova militia” zur Hilfe kam, die sofort eine erstaunliche Zugkraft entfaltete!’ Es ist bekannt, daß Bernhard den Hochmeister Hugo de Payns auch  in seinen Bemühungen um die Erlangung einer eigenen Ordensregel unterstützt hat, die hier nur noch kurz erwähnt seien, weil sie in einem inneren Zusammenhang mit de mLiber de laude novae militiae stehen.

In dieser Zeit dürfte auch der Liber exhortationis, der die Regel nicht erwähnt, entstanden sein. Es ist die Zeit, in der der Aufstieg des Ordens beginnt. Als Hugo des Payns 1130 von seiner Reise zum Konzil, die er von Frankreich auf ganz Westeuropa ausgedehnt hatte,zurückkehrte,  führte er den wenigen wartenden Brüdern eine große Zahl neuer Ritter zu. Wilhelm von Tyrus gibt für die Zeit der Abfassung der Chronik – um 1144 – die Zahl von rund 300 Ordensrittern inJerusalem an. Kein Zweifel, daß die eigene Regel, die den Orden konstituiert, und der Liber  exhortationis, der ihm seine beflügelnde Idee gab, diesen Aufstieg eingeleitet haben.”