Pabst Benedikt V

Ein Monat Papst – am Rande der Welt

Pabst Benedikt VWer kennt Benedikt V., der in Hamburg starb?

Diakon Benedikt (*911 in Rom) wurde nach dem Tod des Pontifex Johannes XII. (im Mai 964) gegen den Willen des römisch-deutschen Kaisers Otto I. der Große (*912, †973, Kaiser ab 962) zu Papst Benedikt V. gewählt und geweiht.

Ottos Truppen marschierten bereits im Juni 965 in Rom ein und Benedikt wurde auf einer Synode im Lateran abgesetzt. Wegen des von Otto ausgeübten politischen wie militärischen Drucks währte sein Pontifikat daher nur einen einzigen Monat (22. Mai – 23. Juni 965), bevor der in der Kirchengeschichte hier erstmals erwähnte Hirtenstab über ihn zerbrochen wurde. Seine Amtszeit gehört damit zu den kürzesten der Papstgeschichte.

Otto degradierte nämlich Benedikt V. wieder zum Diakon (lat. Diener), Vorstufe des Priesters. Er wurde in die Verbannung nach Ham(ma)burg geschickt, den entferntesten Ort des Reiches und damit tiefste Provinz – die Siedlung mit nur 500 Bewohnern lag am Rande der christlichen Welt. Weder Dänen noch Sachsen hatten dem slawischen Stamm der Abodriten, der hier seit mehr als 150 Jahren lebte, die Eigenständigkeit nehmen können.

955 hatte Otto I. die verbündeten Slawenstämme besiegt. – „Ham“ deutet etymologisch (sprachgeschichtlich) auf eine an einer Flussbiegung gelegene Befestigung auf einer Landzunge hin. Im frühen 9. Jhdt. entstehenden Hammaburg (woraus später Hamburg wurde; die eigentliche Burg entstand um das Jahr 1000) sprach es sich rasch herum, dass Benedikt unter Aufsicht des Erzbischofs Adaldag (937 – 988, Erzbistum Bremen-Hamburg, *900, †988) steht.

Der 54-jährige, im schweren roten Umhang, beäugt neugierig seine neue Heimat. Kalt, klein und karg sieht Hamburg für den hochgebildeten Patriziersohn aus, der in Rom „Grammaticus“ genannt wird. Auch wenn Adaldag ihn sehr respektvoll behandelt, ist er ein gebrochener Mann, der nach vier Monaten Reise von den Norddeutschen bestaunt wird. Und es vergeht kein Tag, an dem er nicht sehnsuchtsvoll an seine Wahl zum Papst denkt. Wegen seiner untadeligen Lebensführung genießt er bald hohes Ansehen.

Vorgänger Leo VIII. war von den Römern aus der Stadt gejagt worden. Damit hatten sie den Zorn des Kaisers provoziert, der in die ewige Stadt kam und dessen Wiedereinsetzung forderte. In der Öffentlichkeit lässt Benedikt sich nur selten blicken, meist bleibt er im Wohntrakt für die Geistlichen, direkt neben dem Kloster, wo er sein kleines Domizil hat. Doch Redestoff gibt es genug, denn eine so kleine Ansiedlung ist ein Ort ohne Geheimnisse.

Der Stallmeister weiß zu berichten, dass „der Römer“ ständig nach Oliven, Orangen und toskanischen Wein fragt. Schon bald heißt es, dass Benedikt sehr krank sei und wohl vor Kummer sterben werde.

„Bei euch Hyperboreern kann kein italisch Herz warm werden“,

soll er gesagt haben.

So nannten die Griechen das kalte und windige Land weit im Norden. Doch bevor er für immer die Augen schließt, sagte er noch etwas, was viele Hammaburger zutiefst beunruhigt:

„Solange meine Gebeine hier ruhen, wird die Stadt zerstört werden und wilde Tiere in den Trümmern hausen.“

Er stirbt unerwartet am 4. Juli 965 und wird vor Ort in der Marienkirche (der Dom, im 11. Jhdt. zerstört) beigesetzt.

Die meisten Menschen vergessen bald diese Geschichte. Der Siedlung ergeht es in den nächsten Jahren nicht schlecht. Die streitbaren Wikinger hatte man seit 50 Jahren nicht mehr gesehen (außer als Kaufleute) und die Slawen waren besiegt. Dagegen hatte Kaiser Otto II. die Huld Gottes verloren, ein Sarazenenheer hatte ihn in Süditalien vernichtend geschlagen – die schlimmste Niederlage seit Menschengedenken, so sagte man allerorten. Die bösen Vorahnungen, die mancher hatte, wurden bald schlimme Realität, denn die Slawen nutzten die vermeintliche Schwäche des Reiches und erhoben sich.

Mistiwoj, ein Abroditenfürst, wütete im ganzen Norden und überfiel auch Hamburg. Die Stadt wurde zwar nicht völlig zerstört, aber es gab viele Tote. Trümmer und Verwüstung, war dies vielleicht der Fluch des Benedikt?

Die Hammaburger behoben die Schäden rasch, doch die Worte des Papstes gerieten nicht mehr in Vergessenheit. Für viele ist es daher der glücklichste Tag seit langem, als endlich im Jahr 999 (oder 988?) der neue Kaiser Otto III. die Gebeine Benedikts aus der Marienkirche holen lässt, um sie nach Rom zu bringen. Die Hamburger waren so dankbar, dass sie ihm ein Denkmal errichteten – nicht dem Kaiser, sondern Benedikt.

Obr. Hartmut Sandmann