Kreuz des Christusorden

Die Christusritter – Erben der Templer

Kreuz des Christusordens

Kreuz des Christusordens

Im Jahre 1307 ordnete Papst Clemens V. an, im Zusammenhang mit den Anklagen und Beschuldigungen gegen die Templer durch Philipp IV. den Schönen von Frankreich auf der Iberischen Halbinsel ein Konzil abzuhalten, um die Schuld oder Unschuld der Tempelritter in den iberischen Königreichen festzustellen. Das Konzil versammelte sich in Salamanca und stellte die Unschuld des Templerordens fest. Daraufhin schlossen im Jahre 1308 der portugiesische König Dionysius und Ferdinand IV. von Kastilien ein Abkommen, um die Templer in ihren Königreichen zu schützen und deren Güter vor jedem Zugriff zu bewahren. Dieser Übereinkunft schloß sich später auch der König von Aragon an. Ungeachtet dieser Vereinbarung sowie der Beschlüsse des Konzils von Salamanca ordnete Papst Clemens V. an, die Güter des Templerordens einzuziehen.

Der portugiesische König ließ das jedoch nicht zu. Er eröffnete vielmehr ein juristisches Verfahren, um diese Güter in das Eigentum der Krone überzuführen. Die weltlichen Gerichte beschieden den Antrag des portugiesischen Königs, die Güter der Templer in das Eigentum der Krone zu überführen, als rechtens, da es sich dabei um altes Königsland gehandelt habe, das den Templern nur zur Nutzung überlassen worden sei. In der päpstlichen Bulle Ad providam verfügte Papst Clemens V. dann am 2. Mai 1312, die Güter der Templer dem Johanniterorden, dem späteren Malteserorden, zu übereignen. Ausgenommen von dieser päpstlichen Anordnung waren ausdrücklich Portugal, Kastilien, Aragon und Mallorca.

Für den portugiesischen König bestand auf Grund der Streitigkeiten um den Templerorden die einmalige Gelegenheit, nicht nur einen “national-portugiesischen” Orden zu schaffen, der stark den Interessen des Königshauses unterworfen war, sondern auch die Abhängigkeiten der bestehenden Ritterorden vom Papst und den kastilischen Orden schrittweise zu lockern. Um die auf portugiesischem Territorium bereits zum Abschluß gekommene Reconquista in Nordafrika fortsetzen zu können, benötigte das portugiesische Königshaus eine militärisch schlagkräftige und auch ökonomisch starke Macht, die sie sich mit der Gründung der Christusritter sowie der Einbindung der anderen Ritterorden in die königliche Politik schuf.

Durch seine wichtigsten Vertreter beim Heiligen Stuhl hatte der portugiesische König Dinis 1317 und 1318 mehrfach Widerspruch gegen die Übergabe des Besitzes der Templer an die Johanniter in Portugal vorbringen und auf die Gründung eines eigenständigen portugiesischen Ritterordens hinwirken lassen.

Am 14. März 1319 erteilte Papst Johannes XXII. in der Bulle Ad ea ex quibus die Zustimmung zur Gründung des portugiesischen Christusordens. Als Gegenleistung übergab der portugiesische König unbefristet die an der Algarve gelegene königliche Burg von Castro Marim als zukünftigen Sitz des neuen Ordens. Des weiteren bestimmte der Papst, daß die Güter des Templerordens in Portugal an den neuen Orden übergehen. In der päpstlichen Bulle wurde weiterhin bestimmt, daß die Ritter des Ordens der Ritterschaft Jesu Christi nach der Regel des Ritterordens von Calatrava zu leben hatten. Als geistlicher Visitator für den neuen Orden wurde der Abt des in der Diözese von Lissabon gelegenen Zisterzienserklosters von Alcabaca bestimmt, der auch den Treueeid des jeweiligen Hochmeisters im Namen des Papstes abzunehmen sowie die Jurisdiktionsgewalt über die Christusritter hatte.

Wie andere Orden auch, legten die Mitglieder des Ordens der Ritterschaft Jesu Christi ein feierliches Gelübde ab und gelobten Armut, d.h. Verzicht auf persönliches Eigentum, Gehorsam, d.h. Verzicht auf selbständige Lebensplanung, Ehelosigkeit, d.h. Verzicht auf Bindung an eine Familie. Des weiteren gelobten sie, in strenger gemeinschaftlicher Klausur, meist in Ordensburgen, zu leben, den christlichen Glauben zu verbreiten und die Ungläubigen zu bekämpfen. Auch bei den portugiesischen Christusrittern legten drei verschiedene Gruppen das feierliche Gelübde ab: die adeligen Ritter, die hauptsächlich den Waffen- aber auch Pilgerdienst ausübten; die relativ kleine Gruppe der Ordenskapläne, die die geistliche Betreuung aller Ordensmitglieder versahen; die große Gruppe der Laienbrüder, die die materielle Versorgung des Ordens absicherten oder ein Handwerk ausübten, aber auch den Waffendienst übernahmen. Neben diesen eigentlichen Ordensmitgliedern, von denen wiederum nur eine relativ geringe Anzahl adelige Ordensritter waren, lebten auf den Ordensgütern eine Vielzahl von Bediensteten, Hörigen, abhängigen Bauern und Handwerkern sowie Menschen, die im Umfeld des Ordens in Kriegs- und Friedenszeiten ihr Brot verdienten.

Am 19. Dezember 1319 wurde in einem königlichen Schreiben die Übergabe der Güter der Templer an den neuen Orden bestätigt. Diese lagen vorrangig in Zentralportugal südlich des Mondego und zogen sich bis in die Region Beira Baixa hin. Der Orden wurde eine wichtige Stütze des portugiesischen Königshauses und erhielt im Laufe der Zeit dafür eine Vielzahl von Schenkungen wie Burgen, Kleinstädte, Dörfer, Weiler, sowie auch Rechte und Privilegien.

Hatten die Christusritter anfangs in Castro Marim an der Grenze zu Kastilien ihr Hauptquartier, so verlegten sie im Jahre 1357 den Hauptsitz in das 1157 vom ersten Ordensmeister der portugiesischen Templer gegründete Tomar. Hier, im 1168 von den Tempelrittern gegründeten Konvent, wurde der Convento de Christo errichtet. Tomar blieb fortan das Hauptquartier des Christusordens.

Der portugiesische König ließ nun Schritt für Schritt Angehörige des Königshauses in enger Abstimmung mit dem Papst in Führungspositionen des Christusordens wählen. So wurde Johann I. am 25. Mai 1420 in der päpstlichen Bulle In apostolice dignatis specula bestätigt, daß seinem Sohn Heinrich (später genannt der Seefahrer), Herzog von Viseu, der Titel eines Administrators bzw. Gouverneurs des Ordens der Christusritter auf Lebzeiten verliehen wurde. Da Heinrich die Weihen nicht erhalten hatte, war er “nur” der weltliche Führer des Ordens, obwohl er in der Literatur häufig als Großmeister angesprochen wird. Seit mit Heinrich weltliche Verwalter des Großmeisteramts eingesetzt wurden, nahm der Großprior des Ordens die geistliche Verwaltung des Großmeisteramts und somit die geistliche Jurisdiktionsgewalt wahr.

Gestützt auf die ökonomische und militärische Macht des Ordens wurde Heinrich der Seefahrer zum Protagonisten der sich an der afrikanischen Küste nach Süden entlang tastenden portugiesischen Expansion. Ein wichtiger Grund der Finanzierung und planmäßigen Aussendung von See-Expeditionen war die Suche nach dem sagenhaften Reich des Erzpriesters Johannes, das im “afrikanischen Indien” vermutet wurde. Gemeinsam mit den christlichen Truppen des Erzpriesters Johannes sollte dann der Kampf gegen die Mauren und den Islam nicht nur vom europäischen Norden, sondern auch vom afrikanischen Süden aus geführt werden. Während der Zeit der Entdeckungen hatte der Christusorden außerordentlichen Einfluß. Die Karavellen Heinrich des Seefahrers trugen das Emblem des Ordens, das rote Kreuz auf weißem Grund, auf ihren Segeln.

Am 13. März 1456 übertrug Papst Kalixt III. in seiner Bulle Inter cetera dem Christusorden die gesamte geistliche Gewalt über alle Gebiete südlich von Kap Bojador und Kap Nun, über Guinea bis zu den Indern sowie über die Inseln im Atlantik. Diese Bulle ist das auf die geistliche Jurisdiktion gerichtete Gegenstück zur Bulle Romanus pontifex vom 8. Januar 1455. In dieser hatte Papst Nikolaus V. dem portugiesischen König Alfons V., dessen Onkel Heinrich dem Seefahrer sowie ihren Nachfolgern bereits die Länder, Häfen, Inseln und Meere Afrikas samt Patronat über die Kirchen, das Handelsmetropol, außer den Handel mit Kriegsmaterial, das ausschließliche Recht der Schiffahrt in diesen Gewässern sowie das Recht, die Ungläubigen in die Sklaverei zu führen, übertragen. Das Patronat war ein Arrangement zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Königreich Portugal zur Missionierung neu eroberten Territoriums seitens der portugiesischen Krone. Um den Orden noch weiter zu stärken, übertrug ihm Heinrich der Seefahrer am 26. Dezember 1457 das Zwanzigstel aller Einkünfte aus dem afrikanischen Guinea-Handel.

In dieser Zeit entwickelte sich der Christusorden zu einer der vornehmsten Einrichtungen Portugals. Für adelige Familien galt es als eine große Ehre, wenn ihre zumeist nicht erbberechtigten jüngeren Söhne im Alter von 10 oder 12 Jahren als Novizen im Orden Aufnahme fanden. Um dieser stürmischen Entwicklung des Ordens Rechnung zu tragen, erteilte Papst Alexander VI. den Christusrittern im Jahre 1496 den Dispens vom Zölibat, 1505 erhielt der Orden den Dispens vom Gelübde der Armut.

Allgemein betrachtet man das Jahr 1522 als das Jahr, in dem die bis heute bestehende Trennung in zwei Zweige, einem religiösen, der Kurie unterstehenden, und einem weltlichen, von den portugiesischen Königen, bzw. deren republikanischen Nachfolgern dominierten Zweig, erfolgte.

Mit der am 30. Dezember 1551 durch Papst Julius III. erlassenen Bulle Praeclara charissimi wurden alle Meisterämter der Militär- und Ritterorden für immer in die portugiesische Krone inkorporiert. Der portugiesische König wurde damit Patronatsherr aller Kirchenprovinzen in den portugiesischen Gebieten in Übersee. Dies war ein entscheidender Schritt bei der Durchsetzung des Gewaltmonopols der Krone und des Zugangs zu Einkünften, Rechten und Privilegien, die es der Krone gestatten, die Vertreter unterschiedlichster Schichten an sich zu binden und für ihre Dienste angemessen zu entlohnen. Mit Billigung des heiligen Stuhls flossen so im Laufe der Zeit die Mehrzahl der Einkünfte in die Taschen immer weniger Familien des portugiesischen Hochadels sowie des Königshauses, das oft auch über viele Jahre Komtureien unbesetzt ließ, um die Einkünfte selbst zu nutzen. Auch die in den Konventen lebenden dienenden Brüder sowie Kleriker der verschiedenen Patronatskirchen bezogen viele ihrer Einkünfte aus dem Christusorden.

Im Jahre 1789 führte dann Maria I., bestätigt durch die päpstliche Bulle Pius´VI. Qualqunque a maioribus vom 18. August 1789, eine tiefgreifende Reform und Säkularisation der Ritterorden durch. Sie erließ eine neue differenzierte Hierarchie und bestimmte, daß der Christusorden zum neuen Verdienstorden für adelige Politiker, aber auch für die ausschließlich adeligen Inhaber hoher ziviler und militärischer Posten auszubauen sei.

Die liberale Revolution von 1834 löste wie alle Orden auch den Christusorden auf. Doch bereits kurze Zeit nach seiner Auflösung als Ritterorden wurde der Christusorden als eine Auszeichnung für verschiedene Verdienste neu begründet. Seit 1834 ist der Christusorden eine staatliche portugiesische Auszeichnung, die auch nach dem Sturz der Monarchie im Jahre 1910 von den nachfolgenden republikanischen Regierungen verliehen wurde.

Er ist nicht zu verwechseln mit dem durch Papst Pius X. im Jahr 1905 in seiner heutigen Form geschaffenen päpstlichen Christusorden, der höchsten Auszeichnung des Heiligen Stuhls.

(Stand 3.4.2017- Heinz-Jürgen Riechers)

=>Auszug aus NON NOBIS Heft 66 Dez 2017