Die Entdeckung des Heiligen Grals

Das Ende einer langen Suche

Beliebtestes Motiv der mittelalterlichen Literatur ist die legendäre Suche nach dem „Heiligen Gral“. Sie wurde zur ewigen Suche des Menschen nach dem Göttlichen, aber auch ein Symbol für den Sinn des Lebens und eine Mission, die es wert war, dafür zu leben und zu sterben. Diese Geschichte findet sich erstmals im dichterischen Werk des französischen Komponisten höfischer Lieder Chretien de Troyes (um 1150-1190). Sie veranlaßte den mittelhochdeutschen Dichter Wolfram von Eschenbach (um 1160-1220), in seinem Roman „Parzifal“ die Geschichte ausführlich zu erzählen. Das Werk umfaßt 25.000 paarweise gereimte Verse.

Es handelt von einem jungen Mann, dessen Mutter Herzeloyde ihren Mann, den Ritter Gahmuret, verloren hat und nun um jeden Preis verhindern will, daß ihren Sohn ein ähnliches Schicksal ereilt. So hält sie ihn gezielt unwissend und zieht ihm ein Narrengewand an. Sie bringt ihm bei, all das zu tun, was sich eigentlich nicht gehört oder was lächerlich wirkt. Doch wie das Schicksal es will, begegnet der junge Parzifal doch echten Rittern und schafft es, daß sie ihn zum Hof des mythischen Königs Artus mitnehmen. Um zu prüfen, ob er würdig ist, der legendären Tafelrunde beizutreten, schickt der König ihn auf mehrere Abenteuer. Schließlich darf er beim Ritter Gurnemanz in die Lehre gehen, der ihm höfische Manieren beibringt, ihm aber auch rät, keine unnötigen Fragen zu stellen.

Auf einer seiner Reisen überkommt den jungen Ritter das Heimweh. Auf dem langen Weg über die Pyrenäen gelangt er in einen entlegenen Wald und stößt auf einen See, an dessen Ufer er einem Fischer begegnet. Sofort lädt ihn der Fremde in sein Haus ein. Parzifal reitet in eine Schlucht, bis er vor dem Gipfel eines Hügels einen Turm und eine Halle findet; bei von Eschenbach reitet er bergab und sieht eine gut befestigte Burg zu Füßen einer Felswand. In beiden Versionen gelangt Parzifal in das Gemäuer und wird in die Halle gebracht, in der er dem todkranken König Anfortas begegnet. Während er mit ihm spricht, öffnet sich eine Tür, und eine Prozession tritt ein, die auf einem Silberteller (bei von Eschenbach einem Steingefäß) einen beeindruckenden „Gral“ (bei de Troyes ist es ein goldener Kelch) trägt, geschmückt mit Edelsteinen. Als sich der König zurückzieht, geht auch er schlafen. Am nächsten Morgen sind alle anderen bereits ausgeritten. So zieht auch er weiter und begegnet im Wald seiner jungen Cousine Sigune, die ihm sagt, daß er gerade auf der Gralsburg Munsalvaesche gewesen ist und mit einer einzigen Frage den leidenden Burgherrn hätte erlösen können, der nicht mehr liegen wollte und nicht sterben konnte.

Parzifal kehrt in das höfische Leben zurück. Wolfram von Eschenbach erzählt parallel die Geschichte des Ritters Gawan, bis ihn die häßliche Gralsbotin Kundrie aufsucht und verflucht, weil er es damals unterlassen habe, Anfortas zu erlösen. Doch Parzifal macht Gott für dieses Versagen verantwortlich und flüchtet in die Verlassenheit bis hin zum Gotteshaß. Und er begibt sich auch auf eine jahrelange, verzweifelte Suche nach dem Gral. Nach einem weiteren Exkurs über Gawan, der schließlich den Auftrag erhält, anstelle des Königs den Gral zu suchen, kommt von Eschenbach wieder auf Parzifal zu sprechen. An einem Karfreitag trifft er auf eine Reihe von Bußpilgern, die ihn zum Einsiedler Trevrizent führen, bei dem Parzifal, endlich reumütig und erleuchtet, eine Lebensbeichte ablegt.

Nach weiteren Ausführungen über Gawan, der in Klingsors Zauberschloß gelangt und ihm wieder entkommt, beschreibt von Eschenbach, wie Parzifal im Wald gegen seinen heidnischen, sprich mulimischen, Halbbruder „Feirefiz“ kämpft und Kundrie begegnet, die den Fluch von ihm nimmt. Jetzt ist Parzifal bereit, wieder nach Munsalvaesche zu gehen und den Gralskönig von seinem Fluch zu befreien.

Zum Lohn wir er nun selbst Gralskönig, tauft seinen Halbbruder Feirefiz in der Gralsquelle, heiratet die Tochter des Herzogs von Katelangen (Katalonien) und wird Vater eines Sohnes namens Loherangrin (Lohengrin)……

…Generationen haben nach ihm gesucht, Hunderte von Gelehrten stritten darüber, ob der Mythos vom „Heiligen Gral“ einen historischen Hintergrund hat. Unzählige Werke haben seit dem Mittelalter das Thema aufgegriffen – von den Ritterromanen des Mittelalters über Richard Wagners Oper „Parsifal“ bis hin zu neueren Hollywoodfilmen wie „Indiana Jones“ oder „Sakrileg“ des amerikanischen Autors Dan Brown, der jedoch voller historischer Unwahrheiten ist.

Wolfram von Eschenbach behauptete, daß sein Parzifal auf einer wahren Geschichte beruht. Er nennt als Quelle den Dichter Guiot de Provins (1140-1210), der auch die Vorlage für de Troyes´ Werk verfaßt hat. Vermutlich hat von Eschenbach ihn 1184 in Mainz auf einem Turnier kennengelernt, das Kaiser Friedrich Barbarossa seinerzeit ausrichten ließ. De Provins erfuhr die Geschichte im spanischen Toledo, wo sie ursprünglich in der arabischen Amtssprache verfaßt worden war. Er erwähnt sogar Graf Philipp von Flandern, in dessen Bibliothek Chretien de Troyes den Urtext zu seinem „Perceval“ entdeckt habe. In vielen Details liefert von Eschenbach eine anschauliche Beschreibung des Lebens im unter arabischer Herrschaft stehenden Spanien, seiner interreligiösen Konflikte und Freundschaften, der arabischen Wissenschaften und des höfischen Lebens im europäischen Mittelalter. Daß die Geschichte des Heiligen Grals tatsächlich ihren Ursprung in Spanien beziehungsweise in den Pyrenäen hat, ist schon der Tatsache geschuldet, daß der Grals-Begriff nur in den Sprachen Südfrankreichs und der iberischen Halbinsel geläufig ist.

König Alfonso I. von Aragon (1104-1134), genannt „El Batador“, war ein urwüchsiger Kreuzfahrerkönig, der gegen die Muslime kämpfte, die Spanien seit dem 8. Jahrhundert besetzt hielten. Er ist in die Geschichte eingegangen als Förderer des jungen Templerordens, mit dem er sich umgab und dem er ein Drittel seines Vermögens vermachte. Dies mag auch erklären, weshalb Wolfram von Eschenbach die Gralsritter als „Templeisen“ bezeichnet hat, dem okzitanischen Namen der Templer (Okzitan war die galloromanische Sprache im südlichen Drittel Frankreichs sowie im katalonischen Teil Spaniens). Alfono selbst hieß in der okzitanischen Landessprache „Anforts“; offensichtlich war er bei von Eschenbach der Gralskönig „Anfortas“. Wie in der Sage wurde auch der historische Anforts in der Schlacht von Fraga 1134, als die muslimischen Berber die Christen besiegten, wohl durch einen vergifteten Speer schwer verwundet, bevor man ihn nach San Juan de la Pena brachte, wo er sieben Wochen später verstarb. Doch im Volksglauben lebte er weiter, und es hielt sich die Mär, er würde eines Tages wiederkommen. So entstand die Legende vom siechenden König Anforts, der, bewacht von den Templern, in Gegenwart des Grals auf die Erlösung harrt…

Stets bezeichnet der Gral ein Trinkgefäß, also eine Schüssel, einen Mörser oder einen Kelch. Die offensichtliche eucharistische (Wiederholung des letzten Abendmahls Jesu vor der Kreuzigung) Symbolik erklärt, weshalb Robert de Boron, ein weiterer Dichter des 12. Jahrhunderts, den Gral als Reliquie des Abendmahlkelchs von Jesus Christus bezeichnete. Tatsache ist auch, daß im 12. Jahrhundert, als Guiot de Provins die Gralssage geschrieben hat, in Spanien ein Kelch aus Achat (ein mörserförmiger Becher aus dem 1. Jahrhundert vor Christus) als Symbol des letzten Abendmahls verehrt wurde. Das war in der nordspanischen Pyrenäenregion, im Benediktinerkloster San Juan de la Pena im Königreich Aragon, wo er als Reliquie „Calix Domini Jesu Christi“ verehrt wurde, was auch durch Dokumente von 1134 beziehungsweise 1698 untermauert wird.

Im Jahr 1399 erbat König Martin „El Humano“ von Aragon den Heiligen Kelch von den Mönchen und ließ ihn in seine eigene Kapelle im Palast Aljaferia in Zaragossa bringen. Von dort wurde er 1410 nach Barcelona in den königlichen Palast gebracht und kam 1416 schließlich nach Valencia, etwa 320 Kilometer südöstlich von Madrid.

Im Jahr 1437 wurde dann dieser Kelch, also der „Heilige Gral“, dem Domherrn der valencianischen Kathedrale (im 13. Jahrhundert auf den Grundmauern einer alten Moschee errichtet) anvertraut, wo er noch heute als „Santo Caliz“ verehrt wird. Die „Entdeckung“ des Grals ist tatsächlich seine Identifizierung mit dem „Santo Caliz von Valencia“ und die „Dechiffrierung“ der Gralssage als Schlüsselroman vor dem Hintergrund der historischen Begebenheiten im Spanien des 12. Jahrhunderts zu sehen. Er braucht tatsächlich nicht mehr gesucht zu werden, denn er befindet sich seit einem halben Jahrtausend in einer eigenen Kapelle im Seitenflügel der Kathedrale von Valencia.

Was übrigbleibt ist eine klassische menschliche Entwicklungsgeschichte, mit der Kernaussage, daß es nicht genügt nur in der materiellen Lebenswelt zu bestehen, sondern daß auch die geistig-mystische Seite des Lebens beachtet werden muß, um wirklich „edel“ zu werden. Ein Ideal, um das auch wir heutigen Tempelritter uns auf einem meist langen und anstrengenden Weg bemühen.

Zusammenfassung: Michael Hesemann (Buchautor und Historiker), Obr. Hartmut Sandmann, Obr. Heinz-Jürgen Riechers

Erstveröffentlichung: NON NOBIS Jahrgang 32, Heft 65, Dezember 2016.