Die Kreuzritter und ihre Hilfstruppen im Heiligen Land

veröffentlicht in der Non Nobis 62
Gemäß unserer Ordensregel gehört es zu den Aufgaben eines Ordensbruders sich mit der Geschichte des Templerordens zu befassen. Nun stellt sich dem militärisch Interessierten die Frage, wie die historischen Tempelritter über immerhin zwei Jahrhunderte ihren gefährlichen Dienst im Heiligen Land überhaupt leisten konnten. Der normale Alltag bestand zum überwiegenden Teil im Patrouille reiten, Wach- und Geleitdienst mit Auswüchsen in vereinzelten Scharmützeln. Auch unter den gegebenen klimatischen und hygienischen Verhältnissen ein zermürbendes Leben.

Zum besseren Verständnis hier ein kurzer Blick wie alles begann: Schon kurz nach dem Tode Mohammeds tobte der Islam wie ein Wüstensturm über die Christenheit. In kurzer Zeit gingen so zwei Drittel der christlichen Gebiete verloren. Als dann auch noch die Heiligen Stätten der Christenheit in muselmanische Hände fielen, drang ein Hilferuf aus Byzanz nach Rom. Im Jahre 1095 war es dann soweit, mit den Worten “Deus vult” rief der Papst das Abendland zum Kampf gegen die Mohammedaner auf.

Die Zeit der Kreuzzüge und der Ritterorden begann. Eine neue, unabhängige Ritterschaft, die Ordensritter, entwickelte sich. Sie stellten sich die Aufgabe, inmitten von Gewalt, Rohheit, Grausamkeit und Skrupellosigkeit, den Gedanken des Rechts und der Gerechtigkeit in besonders unruhigen Zeiten zu verkörpern. In diesen Rahmen fügte sich der ehrgeizige Plan, Krieger und Christ in einem gleichsam idealen Wesen zu verschmelzen. Dies brachte einen Lebensstil hervor, der außerordentlich fruchtbar war. Als die Kirche die Feldzüge gegen die Ungläubigen segnete, öffnete sie damit ein Ventil für den Betätigungsdrang von harten und entschlossenen Männern, die dem Mystizismus zuneigten.

Der Ordensritter, der durch ergreifende Zeremonien seine Weihe erhielt, stieg zu dem legendären Helden auf, als der er in unserem Bewußtsein noch heute lebendig ist.

Das unabhängige Ordensrittertum besaß eine eigene Hierarchie. Es bildeten sich brüderlich verbündete Gemeinschaften mit hohem Ethos. Die militärischen Abteilungen der verschiedenen Orden ergaben ein regelrechtes, ständiges, kirchliches Heer.

Die persönliche Schutzausrüstung dieser Kämpfer bestand in der Hauptsache aus dem Ringelpanzer. Dieser Körperschutz aus ineinander verschlungenen Ringen war schon zu gallisch-römischer Zeit bekannt, doch durch die Umwälzungen der Völkerwanderungszeit war diese schwierige Herstellungstechnik in Vergessenheit geraten und fast völlig verloren gegangen. Da sie so rar geworden war, wurde sie zu einem Gut das nur dem Begüterten zugänglich war.

Als nun im 13. Jahrhundert das Drahtziehen erfunden worden war und dadurch die Herstellung des Kettengliedes einfacher wurde, wurde der Ringelpanzer dann Allgemeingut und auch für den einfachen Kämpfer erreichbar. Seine Struktur bot außerdem den gewaltigen Vorteil, daß man ihn leicht reparieren und den jeweiligen Körpermaßen durch Hinzufügen oder Weglassen einer Anzahl von Ringen anpassen konnte. Doch blieb er gegen heftige Stöße, die mit der Spitze der blanken Waffe geführt wurden, gegen den Pfeil des großen Bogens und vor allem gegen den gefürchteten Bolzen der Armbrust verwundbar.

Die Kreuzritter jedenfalls bevorzugten diesen Körperschutz, weil die Kampfweise des Feindes es auch zuließ, denn dort waren massive Angriffe mit der schweren Lanze und der nachfolgende Nahkampf Mann gegen Mann mit dem Schwert der Franken unbekannt. Auch die relativ leichte und vor allem luftdurchlässige Machart war unter der glühenden Sonne des Orients von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Der Experimentalhistoriker R. Haduwolff konnte in diesem Falle nachweisen, daß das von der Sonne stark erhitzte Kettenhemd die Verdunstung bei dem völlig durchgeschwitzten Unterzeug beschleunigte und verstärkte und somit, für den Laien sicher erstaunlich, zur Kühlung des Ritters beitrug. Der über dem Panzer getragene weiße Ordensmantel tat sein übriges, indem er einen Teil der Sonnenstrahlung reflektierte.

Dennoch war das Tragen einer Rüstung und auch der verschwitzten Kleidung darunter auf Dauer unter den vorherrschenden mangelhaften hygienischen Bedingungen im Einsatz oder auch in den befestigten Anlagen im Heiligen Land, für die Gesundheit nicht förderlich. Dauerndes Wundgescheuertsein bis hin zu Hautkrankheiten, auch ekelerregender Art, waren nicht selten. So ist es verständlich, daß auch der Lazarusorden, der aussätzig gewordene oder als aussätzig geltende, aber noch kampffähige Kreuzritter aufnahm, über Nachschub nicht zu klagen hatte.

Der elementarste Selbsterhaltungstrieb gebot von jeher jedem Krieger seinen Kopf zu schützen, da dieser besonders gefährdet und Schlägen ausgesetzt war. Zur Zeit der Kreuzzüge war der Topfhelm gebräuchlich. Dies war ein konisches, faßartiges Gebilde, das den Kopf rundum bedeckte und an dem ein mit Atemloch und Sehschlitzen versehenes Visier angenietet war. Er wurde auf einer Art gepolsterten Kapuze, einer Helmhaube oder auch auf einer ledernen oder metallenen Hirnhaube getragen. Dies war für den Träger unter levantinischen Bedingungen sicher der Ausrüstungsteil mit dem höchsten Selbstgefährdungspotential. Des Öfteren wird in zeitgenössischen Berichten erwähnt, daß Ritter ohne Feindeinwirkung bewußtlos oder gar tot vom Pferd fielen. Luftmangel bei Anstrengung war sicher eine Ursache, die andere bestimmt Hitzschlag.

Hierzu konnte der Experimentalhistoriker R. Haduwolff unter vergleichbaren Bedingungen Helminnentemperaturen von bis zu 80 Grad Celsius nachweisen.

Alles in allem setzte der Waffendienst als Kreuzritter, neben starker religiöser Überzeugtheit, auch besondere körperliche Robustheit und Leidensfähigkeit voraus.

Aus militärischer Sicht stellt es eine riesige Leistung dar, fast 200 Jahre lang eine derartige Dauerbesetzung des Heiligen Landes aufrecht zu erhalten. Material, Verpflegung, Menschen, alles mußte unablässig von außen zugeführt werden. Unter den gegebenen Umständen der Zeit, aber auch durch den mönchischen Charakter der Kreuzritter war es nicht möglich eine staatstragende Bevölkerung oder auch nur größere einflußreiche Sippen zu begründen, so wurden aber doch über viele Jahrzehnte feindliche Kräfte vor Ort gebunden und damit vom Abendland ferngehalten.

In der Heimat bildeten in einer Kommende, bzw. Komturei oftmals nur drei oder wenig mehr Ritter einen Konvent, dem zahlreiche dienende Brüder angegliedert waren und so diese Rittergüter, z.B. der Templer, erst zu wohlfunktionierenden Wirtschaftseinheiten machten.

Ähnlich dürfte es im Heiligen Land, an der Front, im Normalfall gewesen sein. Nach einem Feldzug verblieben meist nur wenige hundert Ritter in outremer stationiert, die schon von der Anzahl her zu schwach gewesen sein dürften ihrer Aufgabe allein gerecht zu werden. Sie mußten also auf Hilfsmannschaften zurückgreifen können, die militärisch, aber auch wirtschaftlich eine nicht unwesentliche Unterstützung darstellten.

Bereits während des ersten Kreuzzuges kämpften mit den Kreuzrittern sogenannte Turkopolen als Abordnungen aus dem byzantinischen Heer. Der Begriff Turkopole leitet sich aus dem griechischen –turkopoulai- ab und bedeutet Söhne der Türken. Diese Truppenteile rekrutierten sich aus Nachkommen gemischter griechisch-türkischer Familien und waren im Normalfall Christen, manche aber auch praktizierende Moslems. Mit den byzantinischen Turkopolen machte man während des ersten Kreuzzuges gute Erfahrungen und so wurden konsequenterweise in Folge in den Kreuzfahrerstaaten einheimische Hilfstruppen als leichte Kavallerie aufgestellt.  Das gelang auch deshalb schon, da die moslemischen Gegner der Kreuzritter selbst Eroberer und Fremdherrscher in Palästina waren und viele Einwohner diese ablehnten. So richtete sich auch der Widerstand der Assassinen zum überwiegenden Teil gegen moslemische Potentaten und hie und da gab es sogar Bündnisse zwischen Assassinen und Kreuzfahrern, auch wenn das begreiflicherweise immer unberechenbare Gebilde blieben.

Es war kein Volkskrieg im Heiligen Land und so sind beim Templerorden Turkopolen seit Mitte des 12. Jahrhunderts belegt. Die dabei eingesetzten Männer waren nicht unbedingt türkisch oder gemischtrassig, aber viele wurden aus den Reihen der einheimischen christlichen Bevölkerung, christlichen Seldschukenfamilien und syrisch-orthodoxen Kreisen in den Kreuzfahrerstaaten rekrutiert, d.h. es mußte zumindest ein Elternteil christlich sein. In späteren Jahren wurde diese Regelung aber zunehmend aufgegeben. Diese als Kavallerie eingesetzten Turkopolenverbände waren leichter bewaffnet als die Ritter und anderen europäischen Reiter, mit Lanze und Bogen und ihre Kampfweise glich der leichten, sehr beweglichen muslimischen Reiterei, die den Gegner beständig mit Pfeilen überschüttete und einer direkten Auseinandersetzung im Nahkampf auszuweichen versuchte. Eingesetzt waren sie vornehmlich im Geleitdienst, als Kundschafter und Bogenschützen, und in der Schlacht als zweite Reihe, um den Rücken der Hauptstreitmacht der Ritter freizuhalten.

Turkopolen hatten leichtere und schnellere Pferde als die Ritter und trugen leichtere Waffen, sowie als Rüstung lediglich einen Helm. Die Turkopolen wurden von einem Turkopolier befehligt, der z.B. in der Templerhierarchie gleich in der Nähe des Großmeisters angesiedelt war. Die Männer selber standen im Rang unterhalb der Kreuzritter und aßen auch an anderen Tischen als der Rest der berittenen Kämpfer.

Ein immerwährendes Problem für die Kreuzfahrerstaaten war der Mangel an Rittern, Pferden und Waffen. Eine erfolgversprechende Abhilfe konnte nur durch den Einsatz von vor Ort Rekrutierten erreicht werden, die einheimische Pferde ritten und die gleichen Waffen wie ihre Gegner benutzten, sowie die Kampfweise kannten. So wurde ein nicht unerheblicher Teil der aus Europa bezogenen Gelder der Kreuzritter zum Bezahlen dieser Söldner eingesetzt.

Obgleich in der Berichterstattung eher eine Randnotiz, ging die Kopfzahl der Turkopolen in die Tausende und überstieg zeitweise die Zahl der Ritter um ein Vielfaches. So war es nicht nur bei den Templern, bei den anderen Ritterorden war es ähnlich. So nannte der Deutsche Ritterorden seine aus Einheimischen rekrutierten leichten Kavallerieeinheiten ebenfalls Turkopolen. (Hier sei ein kleiner Hinweis erlaubt: Im französischen Kolonialheer in Algerien hießen die farbigen Fußsoldaten bis in die 1960er Jahre “Turkos”.)

Gefangene Turkopolen wurden von den Moslems als Verräter und Abtrünnige eingestuft und grundsätzlich getötet.

In diesem Zusammenhang muß nun eine Lanze gebrochen werden für den militärischen Ritterorden der historischen Templer. Ihm wurde zum Vorwurf gemacht, Idole zu verherrlichen, daß Einzelne Hinterteile oder Genitalien von Oberen küssen mußten, oder gar das Kruzifix hätten bespucken müssen.

Jeder der die Uniform des Soldaten und vielleicht sogar einer Eliteeinheit getragen hat, wird sich hier hineindenken können. “Platzhirschverhalten” mit Zurechtweisung durch Erniedrigung oder Zwang zu unerlaubten Handlungen als Zugehörigkeitsbeweis sind tragende Elemente eingeschworener Einheiten. Jeder gute Truppenführer weiß davon und wird sie bis zu einem gewissen Grad “übersehen”. Es ist eine Gradwanderung die ganz klar nicht von der gängigen Dienstvorschrift gedeckt wird, aber sie macht die Truppe erst gut. Man kennt ähnliches bis in die heutige Zeit, z.B. als Stuben- oder Kantinenzauber, Unteroffizierstreffen oder auch als Herrenabend in Offizierskasinos. Hier findet das Zusammenschweißen statt, und der historisch überlieferte Ausspruch -Saufen wie die Templer- gibt dazu wichtiges Zeugnis.

So brauchbar und einsatzfähig eine Einheit dadurch auch wird, sie wird eben auch angreifbar durch außenstehende Neider, spätestens dann, wenn sie ihrer eigentlichen Aufgabe verlustig gegangen ist. Und eben das passierte dann auch dem historischen Templerorden in den Jahren nach dem Fall Jerusalems und später Akkons, nach 1291.

Vom christlichen Glauben abgefallen waren die historischen Templer jedoch nie. Ihre religiöse Überzeugung und ihr Glaube an Jesus Christus den Herrn waren immer so stark, daß sie mit dem Schlachtruf “NON NOBIS, DOMINE”  immer als erste in den Kampf stürzten und als letzte die Wallstatt verließen. Ihr todesverachtender Einsatzwille, aber auch ihr hoher Blutzoll sind historisch mannigfaltig belegt.

Diese Haltung zeugt von tiefster innerer Identifizierung mit der Kreuzzugsidee. Welcher Zweifler oder Abtrünnige würde so weit gehen?

 

Heinz-Jürgen Riechers – Stand 17.6.2013