Eine abenteuerliche Seereise

oder

ein maritimer Jakobsweg ?

Wie alles anfing kann ich gar nicht mehr genau sagen, die Idee an sich stand schon länger immer wieder mal vage im Raum, aber Ende des Jahres 2015 als der neue Törnplan rauskam, schien plötzlich alles zu stimmen und das Projekt -Eine Reise ins Abenteuer- nahm Fahrt auf.

 

Bilder zur See

Ein Ordensbruder und ich hatten schon des Öfteren darüber gesprochen mit unseren Töchtern mal eine Segelreise zu machen. Jetzt gab es einen passenden Törn in den Osterferien, von Cadiz nach La Coruna. Auch die Mädchen waren mit 15 Jahren nun alt genug zum Mitfahren.

Unser Schiff war die “Alexander von Humboldt II”, eine 3-Mast-Bark mit grünen Segeln, und der Verfasser dieser Zeilen gehört seit über zwei Jahrzehnten als Technischer Schiffsoffizier zur Stammbesatzung.

Es handelt sich um einen Windjammer für die Jugend. Betrieben wird er von der Deutschen Stiftung Sail Training (DSST) in Bremerhaven, um vornehmlich jungen Menschen ein außergewöhnliches Erlebnis unter Segeln zu bieten. Dabei steht nicht die professionelle Ausbildung im Vordergrund, sondern das Training interessierter Mädchen und Jungen auf Seglern, als freiwillige Übung zur Verbesserung körperlicher, seelischer und sozialer Funktionen. Die Idee der Erziehung durch die See basiert unter anderem auf den Erkenntnissen des Pädagogen Kurt Hahn, daß die unmittelbare Begegnung mit den Naturgewalten an Bord eines Segelschiffes, wie nirgendwo sonst, verblüffende Einsichten vermittelt in die Notwendigkeiten eines gedeihlichen Zusammenlebens und Zusammenwirkens von Menschen, die aufeinander angewiesen sind. Das beste Schiff ist nur so gut wie die Besatzung, die es fährt. Jeder an Bord hat sich den Anforderungen zu stellen, damit das gemeinsame Ziel sicher erreicht werden kann. Fehler werden sofort einsichtig, es gibt kein Entrinnen. Das erfordert Selbstdisziplin und Rücksichtnahme unter fordernden Verhältnissen zu üben sowie Verantwortung für sich selbst, für andere und für das Schiff zu übernehmen. So mancher hat dabei erstmalig erfahren, was er zu leisten vermag und wie wertvoll die Hilfe eines anderen in kritischen Situationen sein kann. Und das Erlebnis, als Teil einer Mannschaft am Gelingen der gemeinsamen Unternehmung freiwillig beigetragen zu haben, gibt gerade jungen Menschen das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und das Bewußtsein, als Teil einer Lebensgemeinschaft etwas geleistet zu haben.

Das Schiff ist das größte dieser Art das völlig ohne feste Besatzung fährt, d.h. auch Kapitän, Schiffsoffiziere und sonstige “Stammbesatzung”, insgesamt 25 Köpfe, sind im dauernd wechselnden Einsatz. Den Rest der Schiffsbesatzung bilden bis zu 55 Trainees, d.h. zahlende Mitsegler, die aber keine klassische Urlaubsreise machen, sondern in Wachen eingeteilt unter Anleitung normalen Schiffsdienst leisten.

So wurde unter Zuhilfenahme eines Reisebüros eine generalstabsmäßige Planung aufgelegt: 4 Flüge nach Jerez de la Frontera, Taxi nach Cadiz, 2 Doppelzimmer in Cadiz – natürlich die Schiffspassagen- Taxi von La Coruna nach Santiago de Compostela, von dort Taxi zum Flughafen und 4 Rückflüge nach Düsseldorf – ein dichtgedrängtes Programm (das auch wirklich so geklappt hat!).

Am Gründonnerstag war dann der allgemeine Aufbruch, mit dicken Taschen und großer innerer Spannung. Abflug von Düsseldorf, Landung in Jerez, Taxi, Einchecken im Hotel. Bei einem abendlichen Rundgang durch die Altstadt von Cadiz konnten wir einen Eindruck von den Veranstaltungen während der berühmten spanischen Semana Santa gewinnen, die Stadt war voller Menschen und Prozessionen – aber auch den Schiffsliegeplatz konnten wir ausfindig machen und mit einigen Besatzungsmitgliedern sprechen. Das beruhigte schon mal aufs Erste. Ein schmackhafter Abendimbiß unter freiem Himmel, eine ruhige Nacht im Hotelbett, ein üppiges Frühstücksbüffet im Hotel, um 10 Uhr mußte ich als Leitender Ingenieur an Bord ablösen, die Besatzung, sprich die Trainees, kommen ab 16 Uhr nach.

So ein Anreisetag verläuft im gewohnt-freundlichen Durcheinander, einige kommen, einige gehen, nachmittags sind die meisten Mitglieder der neuen Besatzung anwesend, so daß zur Proviantübernahme reichlich Helfer vorhanden sind. Zum Abendessen ist dann die vorherige Crew von Bord und die neue komplett. Nach dem Essen wird die Besatzung vom Kapitän begrüßt und die Trainees bekommen wachweise von ihren Toppsmatrosen ihre Einweisung. Wegen der schlechten Wetterlage wird beschlossen, bereits morgens um 4 Uhr auszulaufen.

Als um 7 Uhr das allgemeine Wecken stattfindet, ist das Schiff schon in See.

Diese ist ruhig, wir fahren unter Maschine und die Wachen können ihre Einweisungen fortsetzen. Erste Stagsegel werden zur Übung gesetzt und wieder geborgen. Im Laufe des Tages findet dann auch die Riggeinweisung statt. Die Crewmitglieder lernen sich kennen und unsere Töchter bewähren sich als Kletterkünstler in luftiger Höhe – alle Achtung.

In der Nacht auf Sonntag geschehen merkwürdige Dinge. Wie der Osterhase an Bord gekommen ist und ungesehen (und ungebraten) wieder verschwinden konnte, ist bislang ungeklärt. Er hat uns Schokoladentäfelchen auf die Frühstücksteller gelegt und bunte Ostereier in gebackenen Eierbechern auf den Tisch gestellt. Später schickt er auch noch die Sonne vorbei. Wir fahren weiterhin noch unter Maschine um Strecke zu machen, ohne Wind aber gegen eine 2 bis 4 Meter höhe Dünung, die dafür sorgt, daß die Wachen immer kleiner werden. Es wird viel über die Reling oder in die Toiletten geopfert. Rasmus dürfte zufrieden sein.

Zum Mittagessen gibt es drei Gänge, Koch und Kochsmaat geben sich alle Mühe die Besatzung zu verwöhnen. Auch der Osterstuten am Nachmittag kommt bei denen, die Appetit haben, gut an. Trotz ausgedünnter Besatzung an Deck können nachmittags die unteren Stagsegel gesetzt werden, nach dem Abendbrot ruft die 4-8 Wache alle verfügbaren Crewmitglieder zum Brassen der Rahen und anschließendem Setzen der Marssegel an Deck.

Ostermontagmorgen erwartet uns ein grauer Himmel, das Schiff bewegt sich weiterhin so stark, daß mit reduzierten Wachen gefahren werden muß. Die Seekrankheit hat noch viele im Griff. Morgens um 3:30 Uhr wird die Maschine abgestellt, wir segeln und können kurz nach 8 Uhr das Großsegel setzen. An Backbord und Steuerbord begleiten uns Delphine.

Wir segeln unverdrossen bei starker Südwest-Dünung mit ungefähr 6 Knoten die portugiesische Küste hoch, um dem angekündigten Sturm zu entgehen. Am Dienstag erwischt uns dann leider ein Tief, es regnet fast ununterbrochen. Dafür gibt es an Deck viel zu sehen: gleich drei Wale zeigen sich, auch Delphine sind um uns herum zu sehen. Als das Wetter aufklart, hält der Kapitän eine Ansprache an Oberdeck und läßt eine Flasche Sherry kreisen. Laut hört man um uns herum die Wale blasen und die Photoapparate kommen nicht zur Ruhe. Wir sind uns nicht sicher, ob es Pilot- oder Grindwale sind. Seekrank ist jetzt keiner mehr.

Um Mitternacht, in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch passieren wir Kap Finisterre und laufen jetzt, immer noch bei starker Südwest-Dünung, Richtung Osten. Mit den unteren Stagsegeln und den Untermarsen versuchen wir auf 44 Grad Nord dem Regen davonzusegeln. Die Luft hat ungemütliche 7 Grad Celsius und die Maschinisten nehmen im Schiff die Heizung in Betrieb. Die Köche versuchen mit gutem Essen die allgemeine Laune zu heben.

Im ruhigen Wachrhythmus segeln wir durch die Nacht und den folgenden Tag. Der Höhepunkt des Abends ist das traditionelle Captain´s Dinner, bei dem die Stammbesatzung die Trainees in der festlich geschmückten Schiffsmesse bedient. Die Köche zauberten wieder in ihrer Kombüse und der Kochsmaat Josef jodelt dazu in den hellsten Tönen. Auch sonst gibt es zwischen den Gängen lustige Wort- und Gesangseinlagen. Ein gelungener Abend.

Frühmorgens beginnt dann das Einlaufen nach La Coruna, gegen 13 Uhr liegen wir fest an der Pier. Großreinschiff ist angesagt, die ersten Taschen werden gepackt, Müll geht von Bord, neuer Proviant kommt und 20.000 Liter Gasöl laufen in die Schiffstanks.

Abends bleibt die Küche kalt, wachweise verteilt sich die Besatzung in die umliegenden Lokale. Unser spanischer Seefahrtsschüler Ignacio kennt gute einheimische Adressen. Die Nacht wird für viele kurz.

Dann morgens überschlagen sich die Ereignisse: Kojen abziehen, letzte Sachen packen, Adressen austauschen, Umarmungen, Abschiedstränen – das volle Programm. Die Schiffspapiere sind endlich fertig, die ersten Ablöser der Stammbesatzung kommen an Bord, jetzt heißt es – aussteigen, Taxi, abhauen bevor noch etwas dazwischenkommt…!

Nach rund 75 km läuft der letzte Punkt auf unserem Reiseplan an, der Besuch der Kathedrale von Santiago de Compostela. Im Mittelalter war Santiago de Compostela nach Rom und Jerusalem der wichtigste Wallfahrtsort der Christenheit. Die Überlieferung behauptet, dort befinde sich das Grab des Apostels Jakobus. Und seit über tausend Jahren begeben sich Menschen aus aller Herren Länder in diese Stadt im spanischen Galicien, um besagtes Grab zu besuchen. Gerade in der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben Pilgerreisen nach Santiago de Compostela wieder einen ungeahnten Aufschwung genommen. Auch die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. waren da. Dabei fasziniert die meisten Pilger weniger das Grab, als vielmehr der Weg, der dorthin führt. Traditionell ist der Weg zu Fuß zurückzulegen. Auch Menschen, die eigentlich mit Religion wenig im Sinn haben, fühlen sich von ihm angezogen. Manche sprechen sogar von einer beinahe mystischen Erfahrung.

Viele halten das für keinen Zufall. Sie sind der festen Überzeugung, daß der Jakobsweg von vornherein als eine Art Einweihung gedacht war, eine Reise zu sich selbst, daß verschiedene bewußt eingebaute Komponenten dafür sorgten, daß dem Pilger im Laufe seiner Reise immer neue Aspekte erschlossen wurden. Es sieht ganz so aus, als seinen den Gestaltern des Jakobsweges bestimmte Erkenntnisse der modernen Psychologie recht geläufig gewesen. So die Lehre, daß man mittels bestimmter Symbole bestimmte Saiten der menschlichen Seele anschlagen kann. Solcherlei findet sich nämlich auf dem Jakobsweg wieder. Sie lassen seine wechselvolle Geschichte, seine Querverbindungen zu Templern, zu Freimaurern, zur Alchemie und dem Opus Dei erahnen.

Auch ein weiteres starkes Thema bleibt nicht unberührt, der Heilige Gral. Denn es gibt genügend Hinweise, daß sich die Gralslegenden in Wirklichkeit auf spanischem Boden abspielten, und zwar im Einzugsgebiet des Jakobsweges.

Nun, den strapaziösen Fußweg sind wir nicht gegangen, wohl aber kamen wir über See nach einer immerhin 733 Seemeilen oder 1300 km langen Seereise, auch strapaziös, voller blauer Flecken, Seekrankheit, schlechtem Schlaf, Weinen und Lachen in Santiago de Compostela an. Sicher, unsere Töchter waren noch so prall voll mit Eindrücken, sie nahmen wohl eher alte Steine wahr, aber speziell für mich war es der Glanzpunkt der Reise, und voller Zufriedenheit habe ich später zu Hause eine Jakobsmuschel an die Wand gehängt.

Die Kathedrale von Santiago de Compostela ist zu Kunst gewordener Stein. Besonders ins Auge stechend ist die Obradoiro-Fassade, das universelle Wahrzeichen der Stadt. Hier stiegen wir aus dem Taxi und den ersten Menschen den wir wahrnahmen, war unser Kochsmaat Josef, der vor dem Heimflug wohl die gleiche Idee hatte wie wir.

Doch bevor man den Innenraum der Kathedrale betritt, empfiehlt es sich sehr, sie komplett zu umrunden, um die Tore, die sich in allen Fassaden zu eindrucksvollen Plätzen hin öffnen, in ihrer ganzen Herrlichkeit zu bewundern. Der Rundgang beginnt an der Hauptfassade am Plaza de Obradoiro, führt dann die Calle de Fonseca entlang zum Plaza de las Platerias (Platz der Silberschiede) mit dem gleichnamigen Portikus, von dort zum Plaza de la Quintana mit dem Portico Real und dem Puerta Santa (Heiliges Tor) und weiter zum Plaza de la Immaculada mit der Azabacheria-Fassade. Auch interessante Türme sind zu bewundern, so der Uhrenturm, der Torre del Reloj, mit der Uhr die nur einen Zeiger besitzt. Tritt man jetzt hier seitlich in den Kirchenraum ein, überraschen eine auf den ersten Blick schmucklose Halle, in die mehrere Seitenkapellen münden und ein gigantischer, alles beherrschender Altar.

Unter seiner üppigen Barockverkleidung, die im unübersehbaren Kontrast zum schlichten und harmonischen romanischen Rahmen der Kathedrale steht, bewahrt der Altarraum seine ursprüngliche architektonische Struktur aus einer Doppelreihe übereinandergesetzter Arkaden, die sich zum Chorumgang und zum Triforium öffnen. Das Zentrum des Altarraums wird vom Schrein eingenommen, in dem eine steinerne Statue des Apostels verehrt wird, die sich seit der Einsegnung der Basilika im Jahre 1211 dort befindet. Unter ihr liegt das Apostelgrab. Vom Chorumgang aus kann man an den Schrein gelangen, um den Apostel der Tradition entsprechend zu umarmen, oder über eine andere kleine Treppe in die Krypta des Altarraums hinabsteigen, um die Reliquien des Apostels und seiner Schüler Theodorus und Athanasius zu ehren, die in einer reich verzierten Silberurne aufbewahrt werden.

All die sprachlos machenden Kunstwerke zu beschreiben füllte Bände und so soll hier nur noch der von der Decke herabhängende und über einen Flaschenzug schwenkbare „botafumeiro“, das größte Weihrauchfaß der Welt, erwähnt werden, wobei sich auch die Frage aufdrängt, was die Geschichte des Ortes ist.

Der Überlieferung zufolge beobachtete der Eremit Paio im Jahr 813 einige seltsame, sternförmige Lichter über einer Anhöhe. Man unterrichtete den Bischof von dem ungewöhnlichen Phänomen und er entdeckte am Ort des Geschehens eine Grabstätte mit drei Leichnamen, von denen einer enthauptet worden war. An gleicher Stelle fand sich eine Inschrift, die lautete: „Hier liegt Jakobus, Sohn des Zebedäus und der Salome“. Bei den beiden anderen Toten handelte es sich um seine Schüler Theodorus und Athanasius. Als König Alfons II. von Asturien und Galicien, nach Entdeckung der Grabstätte befahl, am Fundort ein Sanktuar zu errichten, ließen sich in der Umgebung dieser im Jahr 899 geweihten Kirche Benediktinermönche und andere Siedler nieder und allmählich entstand aus diesen ersten Siedlungskernen eine neue Stadt.

Dann waren die entstehende Stadt und das Gotteshaus, das für die christliche Welt so wichtig geworden war, Ziel eines verheerenden Angriffs der Truppen Al-Mansurs, die im Sommer des Jahres 997 die Kirchen, die Paläste und alles, was sie sonst in Compostela vorfanden, zerstörten. Mit dem Wiederaufbau des Sanktuars und der Stadt wurde allerdings sofort danach wieder begonnen. Gegen Mitte des 11. Jahrhunderts gaben die günstigen politischen Bedingungen in den christlichen Königreichen der Pyrenäenhalbinsel –Alfons VI. hatte Leon, Kastilien und Galicien vereinigt, während der Zerfall des Kalifats von Cordoba verschiedene Rückeroberungsfeldzüge ermöglicht hatte- und die immer umfangreicheren Pilgerzüge den Anstoß zum Bau eines größeren Gotteshauses, der im Jahr 1075 begann. Dies war die Geburtsstunde des großartigen romanischen Bauwerks, freilich über die Jahrhunderte erweitert und ausgeschmückt, das wir heute bewundert haben.

Dann stiegen wir in ein Taxi Richtung Flughafen. Der Heimflug über Madrid nach Düsseldorf lief weiter nach Plan. Völlig erledigt trafen wir dann gegen Mitternacht bei unseren Frauen, bzw. Müttern ein. Den Sonntag noch etwas ausspannen, viel erzählen, früh schlafen gehen. Der Montag sah uns schon wieder am Arbeitsplatz oder in der Schule. Allerdings, dieser Törn wird noch eine ganze Weile in uns “nachklingen”.

Heinz-Jürgen Riechers, 6.4.2016