Gedanken, Hinweise, Fragen – Der Versuch einer Antwort – Kapitel II

Information/Dokumentation des Ordo MilitÆ Crucis Templi – OMCT Tempelherren-Orden, Deutsches Priorat e.V.

Als Manuskript gedruckt und herausgegeben von der Komturei Düsseldorf des OMCT im März 1981.
Bearbeitung: Obr. Prof. Kramberg

Kapitel II

Warum nimmt der “Ordo militiae crucis templi” den historischen Mönchsritterorden der Templer zum Vorbild und warum setzt er dessen Tradition in zeitgermässer Form fort?

Man mag Geschichte beurteilen, wie immer man will, jede Zeit weist in ihrer Art eine ge wisse Parallelität mit einem Abschnitt der Vergangenheit auf.

Ist nun die Zeit der Kreuzzüge mit dem Ende des 2o. Jahrhunderts zu vergleichen? Ganz sicher nicht! Doch in der Konfrontation der Machtbildungen, der weltanschaulichen und politischen Auseinandersetzungen sind gewisse Parallelen nicht gänzlich auszuschliessen.

Die Kreuzzüge werden von Historikern sehr unterschiedlich – je nach Einstellung des Geschichtsschreibers oder der augenblicklichen Mode – beurteilt. Diese zum Teil willkürliche Beurteilung mag einen Grund darin haben, daß man im allgemeinen schneller bereit ist zu verurteile , als zu verstehen. Die Tempelherren (OMCT) bemühen sich jede Epoche zu verstehen, und es ist deshalb eine ihrer wesentlichen Aufgaben, sich mit der Erforschung des historischen “Templerordens” zu befassen.

Die Zeit der “Kreuzzüge” wird erst verständ lich, wenn man sich in das Mittelalter zu­ rückversetzt, wenn man sich eine Gesellschaft vorstellt, in der jeder, abgesehen an seltenen Ausnahmen, gläubig war. Dieser christliche Glaube, der im byzantinischen Morgenland wie im Abendland herrschte, ging nicht so sehr von einer äusseren Autorität aus; er war vielmehr im Innersten der Menschen selbst verankert.

Man kann die herrlichen Kathedralen ebenso- wenig wie die “Kreuzzüge” verstehen, wenn man nicht zuvor diese Tatsache begriffen hat.

Die “Kreuzzüge” – eine noch relativ junge Bezeichnung – waren tatsächlich zu ihrer Zeit “der Weg nach Jerusalem”, “die Überfahrt”, “die Reise”, “die Pilgerfahrt”!

Die historischen Templer waren also zunächst und vor allem Pilger.

Aus den Umständen der Zeit wurden sie neben Pilgern Beschützer der Pilger und wieder den Umständen und den der Zeit folgend: Ritter, Mönche, Kaufleute, Seefahrer und Baumeister der die Zeiten überdauernden Kathedralen.

Sie waren auch Samariter, doch diese Aufgabe nahmen sie “nur am Rande” wahr, da ihnen zur Seite die Orden der “Hospitaliter” stan­den, deren Hauptaufgabe zunächst die Be­treuung der Pilger und die Pflege der Kranken war.

Wenn wir die Tradition des historischen Ordens der “Tempelritter” pflegen und aufrecht erhalten wollen, müssen wir uns auch dem Urteilsvermögen der Gegenwart stellen.

Dazu ein vielleicht charakteristisches Bei­spiel:
Vor einigen Jahren wurden von einem Marktforschungsinstitut in einer Repräsentativumfrage 125o Großstadtbürger – Mindestbildung Abitur – u.a. gefragt: “Welche Vorstellungen verbinden sie mit dem Wort “Kreuzzüge”?”

Ergebnis:
80 % erinnerten sich aus der Schul­zeit nur sehr vage. Z.B. an die Gedichtzeile aus Uhlands “Schwabenstück”: Als Kaiser Friedrich lobesam ins Heilige Land gezogen kam …” oder an die geschichtliche Tatsache, daß Barbarossa in dem Fluß Saleph ertrunken war.

In der Beurteilung der Motive, die zur “Kreuz­zugsbewegung” geführt haben mochten, war die Meinung der Befragten geteilt. Etwa die Hälfte war davon überzeugt, daß die Gier nach welt­lichen Dingen die Triebfeder der Ritter gewesen sei, während ebensoviele Personen “tiefen religiösen Glauben” für denkbar hielten. Etwa 6 % der Befragten erging sich in anti­ klerikaen Anschuldigungen.

Wir weisen auf diese Meinungsumfrage hin, weil sie im Prinzip mit der Auffassung der west- und mitteleuropäischen Historiker übereinstimmt: Auch die Gelehrten sehen in den “Kreuzzügen”, je nachdem, wo sie weltanschaulich und politisch stehen, die “reinste Form der religiös geprägten Ge­dankenwelt des Rittertums” oder die”größten Raubzüge der westeuropäischen Feudalherren im Mittelalter:”.

Zwei Beispiele aus Enzyklopädien:
Die Historiker der “Encyclopädia Britannica” schreiben in der Ausgabe von 1964:
“Die Kreuzzüge sind … eine Serie von Krie­gen, die die Christen Westeuropas mit der Billigung des Papstes unternahmen mit dem Ziel, das Heilige Grab zu erobern und es gegen die Moslems zu verteidigen.”

Ganz anders die “Große Sowjetische Enzyklo­pädie” in ihrer Ausgabe 1955. Sie gibt den Standpunkt des historischen Materialismus wieder:
“Diese Raubzüge der Feudalherren fanden unter dem Deckmantel religiöser Losungen (“Befreiung des Grabes des Herrn von den Ungläubigen”) statt …
Die katholische Kirche, welche die Kreuzzüge ideologisch und zum Teil auch organisatorisch leitete, handelte im Interesse der herrschen­den Klasse und wollte ihre eigene Lage als Grundbesitzer festigen …”

Wer die politische Gegenwart aufmerksam ver­ folgt, dem bleiben Vergleiche zwischen dem “Damals” und dem “Heute”nicht verborgen.

Selbst verbal werden die Begriffe vermengt. Nicht nur im Nahen Osten ist der Begriff “Kreuzzug” noch lebendige Tradition. Politiker des 20. Jahrhunderts greifen häufig zu dem Begriff “Kreuzzug”, um ihren Handlungen reine, idealistisch-romantische Beweggründe zu unterlegen.

Was immer auch die “Kreuzfahrer” gewesen sein mögen, eins darf man gewiß nicht: sie mit den Maßstäben der Gegenwart messen.

Nur durch ihre Taten sprechen sie zu uns, lassen uns in die ihre Gedankenwelt eindringen. Die Motivation der “Kreuzfahrer” ruhte an sich auf festem Boden. Sie konnten sich auf ein Wort der Bibel berufen, auf ein Wort, das als Leitmotiv in fast allen uns bekannten Kreuzfahrer-Predigten wiederkehrt: “Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, jeden Tag nehme ers ein Kreuz auf sich und folge mir”. (Luk. 9/23, Math. 10/38).

Nicht Massenmedien unserer Zeit, sondern diese wenigen Worte, vorgetragen und interpretiert von vielen wortgewaltigen und genialen geistlichen und Wanderpredigern der Kreuzzugszeit, bewirkten, die jungen Nationen Europas zu ersten und für Jahr­hunderte einmalige Massenbewegungen ihrer Geschichte zusammenzuschliessen.

Wenn wir von Massenbewegungen wissen, so wissen wir auch, daß sie von wenigen Menschen, von einer geistigen Elite, geführt wurden. Wir wissen auch, daß die Kraft des Geistes zu führen, aber auch zu verführen mag.

Deshalb fühlen wir Tempelherren (OMCT) uns den wenigen historischen Tempelrittern verbunden, die den ersten Mönchs-Ritterorden gründeten und ihn über zwei Jahrhunderte hinweg zu einer Elite auszubilden vermochten. Sie waren von ihrer Mission über­zeugte Christen, sie wurdern Heerführer, sie sahen ihre Umwelt in für sie ungewohnten Regionen und wurden Diplomaten und Kauf leute, sie erkannten die Hochkultur ihrer Gegner und lernten von ihnen: sie wurden Mathematiker, Ärzte und Philosophen. Sie sahen die Pracht der orientalischen Bauten und wurden Baumeister jener für uns Heutigen noch bewundernswerten Sakralbauten: den Kathedralen! Die Begegnung der euro päischen Völker durch die “Kreuzzüge” mit der islamischen Welt hat bleibende Werte geschaffen. Die islamische Kultur erlebte seinerzeit eine Hochblüte, wenn­ gleich parallel dazu der politische Niedergang verläuft.

Von den Errungenschaften der kulturellen Hochblüt des vorderen Orients übernahm Europa viele Erkenntnisse und Erfahrungen. Für uns, die Tempelherren (OMCT) von heute, ist vor allem die politische Bedeutung des historischen Ordens der Templer wichtig. Dieser geistliche Ritterorden war – neben dem Orden der Hospitaliter – von Anfang an durch seinen internationalen Charakter bestimmt worden. International war nämlich nicht nur die Kirche, unter deren Autorität er sich in den Dienst des Heiligen Landes als Ziel der Pilger und Kreuzfahrer aller Nationen stellte: dieser Verkehr trug ein ausgesprochen internationales Gepräge und ist dadurch von höchster Bedeutung für die Entwicklung der gesamten abendländischen Kultur geworden.

Wenn die Hospitaliter die großen Ideen der Nächstenliebe und der praktischen Barmherzig­ keit in einer Zeit und unter Umständen praktizierten, die für derartige Bestre­bungen kaum reif waren und keinen rechten Raum boten und also den Versuch gemacht haben zu dem, was man heute unter dem weiten Begriff der Sozialstaatlichkeit zu­sammenzufassen pflegt, so stehen die Templer für den wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritt ein, der sich während der Kreuzzüge vollzog. Ihr Orden hat nicht bloß den regsten Anteil daran genommen, sondern ist einer seiner vornehmsten Träger gewesen.