Schmerzensmaria St. Gangolf

Gedanken zur Marienverehrung der Templer

Pfarrkirche St. Gangolf in Amorbach - Schmerzensaltar der Gottesmutter Maria

Pfarrkirche St. Gangolf in Amorbach – Schmerzensaltar der Gottesmutter Maria

Beim Lesen von Literatur, aber auch in Filmen über die Templer vor allem in neuerer Zeit wird zwar nicht die Verehrung von Maria durch die Templer in Frage gestellt, doch durch die vermehrte Einbindung von Maria von Magdala könnten Irritationen aufkommen, welche Maria denn nun von den Templern wirklich so verehrt worden ist.

Im Wettstreit stehen da heutzutage  die Gottesmutter Maria, oft dargestellt als Mater Dolorosa, als die leidende, schmerzensreiche Muttergottes, mit von sieben Schwertern durchbohrtem Herzen als Sinnbild der sieben Schmerzen Mariens (Weissagung des Simeon, Flucht nach Ägypten, Suche nach dem 12-jährigen Jesus, Gefangennahme Christi, Kreuzigung, Kreuzabnahme, Grablegung), und Maria Magdalena, die besonders in Teilen Südfrankreichs traditionell als einst dort tätige Missionarin verehrt wurde. Diese wird im Neuen Testament als eine aus Galiläa stammende Frau beschrieben die von Jesus geheilt wurde und zu seinen frühesten Anhängerinnen zählte. Sie wird nicht als junge Frau bezeichnet, kann also auch schon älter gewesen sein. Vielleicht erkennt sie, daß vieles in ihrem Leben bisher falsch gelaufen ist, aber Jesus verurteilt sie nicht und so schließt sie sich ihm in großer Dankbarkeit an. Sie sah nach dem Evangelium nach Johannes als erste Frau Christus nach seiner Auferstehung und wurde in der mittelalterlichen Legende mit Maria von Bethanien, der Schwester der Marta und des Lazarus, und der reuigen Sünderin zu einer Person verwoben. Sicher stand sie in besonderer Beziehung zu Jesus, aber wohl nicht mit der Gottesmutter auf einer Stufe. Bezeichnend dafür und bekräftigend dazu kann sein, daß Jesus sich noch am Kreuz eben um seine Mutter kümmerte, als er zu ihr sagte: Frau, sieh das ist Dein Sohn, und zu Johannes: Sieh das ist Deine Mutter….und kein Wort zu Maria Magdalena, die auch unter dem Kreuz stand…

Will man nun weitere Einsichten erhalten, erscheint es angebracht, sich mit dem im Mittelhochdeutschen “Minne” genannten Thema zu befassen. Bedeutete das Wort ursprünglich “Gemeinsinn”, war es dann im Lehnswesen die Bezeichnung für das gegenseitige Treueverhältnis zwischen Lehnsherrn und Lehnsmann. Dieser Begriff wurde nun im 12. Jahrhundert auf das Liebesverhältnis zwischen Ritter und Dame übertragen. In der Hohen Minne erscheint die Frau, die sozial viel höher gestellt ist, als idealisiertes Wesen, das eine lebenssteigernde, sittliche Kraft ausübt und den Ritter durch Unerreichbarkeit im Sinne der höfischen Kultur erzieht und läutert.

Diese platonische Frauenverehrung geht zurück bis in die Anfänge des Rittertums und eine besondere Beziehung bestand schon da oft zur Königsmutter, vielfach bereits Witwe. Diese galt für alle, auch gegensätzliche Parteien, gemeinsam als besonders verehrenswürdig. (Siehe hierzu die Königsmutter der Nibelungen Frau Ute).

Allein aus diesen Überlegungen, verbunden mit den Personalbeschreibungen im Neuen Testament und den Überlieferungen der Kirche, kann man zu dem Schluß kommen, daß bei den Templern nur die Gottesmutter Maria und nicht die Maria Magdalena Mittelpunkt ihrer Verehrung einer Hohen Frau, ihrer Marienverehrung war. Zudem war Bernhard von Clairvaux, der die Ordensregeln schuf und den geistigen Überbau vorgab, ein glühender Verehrer der Gottesmutter Maria – auch das hatte sicher großen Einfluß auf die Ausrichtung der Templer diesbezüglich.

Mit ihrer Form der Verehrung einer Hohen Frau waren die Ordensritter, als vollwertige Mitglieder des Ritterstandes, trotz ihrer Lebensweise als Mönchsritter ganz in die gesellschaftlichen Strömungen ihrer Zeit eingebunden. So wurden sie nicht als Fremdkörper empfunden, sondern haben auch dadurch zum späteren Idealbild des Ritters beigetragen.

Ausdruck des Minne-Empfindens, das neben der Hohen Minne auch die Niedere Minne, die Liebe zwischen einem Ritter und einem Mädchen aus dem Volk ohne das erzieherische Moment der Hohen Minne kennt, ist die höfische Dichtung, die Dichtung des Hochmittelalters, die von den an den Fürstenhöfen lebenden Rittern gepflegt wurde. Zentralbegriffe der höfischen Dichtung sind eben die Minne und das von der ganzen Gesellschaft getragene freudige Lebensgefühl, der “hohe muot”. Ihre Formen sind in der Lyrik der Minnesang, das Kreuzlied, mit besonderem Bezug auf einen Kreuzzug, der Spruch und in der Epik das Ritterepos.

Der Minnesang ist die zusammenfassende Bezeichnung für die mittelhochdeutsche Liebeslyrik von der Mitte des 12. Jahrhunderts bis zum Ende des 14. Jahrhunderts. Beeinflußt wurde der Minnesang von der Vagantendichtung und der provencalischen Liebeslyrik der Troubadoure. Die Texte sind seit dem 13. Jahrhundert aufgezeichnet worden und in zum Teil prunkvoll illustrierten Handschriften erhalten, wie der Großen Heidelberger Liederhandschrift (Manessische Handschrift), der Jenaer Liederhandschrift und der Weingartner Liederhandschrift. Der Hohe Minnesang, um 1170 bis 1190, gestaltet ein fiktives Dienstverhältnis zu einer idealen Frauengestalt, die dem Werbenden entzogen ist, teilweise wird das Leiden an der Liebe zum Selbstzweck.

Die epische Großform der höfischen Dichtung war das Ritterepos. Es verwendete alte Sagenstoffe, die der durch die Kreuzzüge geweiteten höfischen Kultur entsprechend, aus keltischen, antiken und orientalischen Quellen genommen wurden. Das Ritterepos gibt ein idealisiertes Bild der höfischen Lebenswelt. Der Inhalt ist meist eine Reihe von Abenteuern, die der Ritter zur Ehre der geliebten Dame vollbringt. Die Entwicklung des Ritterepos begann in Frankreich mit den Epen um König Artus. Der Meister des französischen Ritterepos war Chretien de Troyes. Aus deutschsprachigem Gebiet stammt das erste  Ritterepos von Heinrich von Veldeke (“Eneide”, entstanden zwischen 1170 und 1190 nach einer französischen Bearbeitung von Vergils “Aeneis”).

Neben Hartmann von Aue (“Erec” 1180, “Iwein” 1202) und Gottfried von Straßburg (“Tristan”, zwischen 1200 und 1210) steht Wolfram von Eschenbach mit seinem Gralsepos “Parzival”, um 1200 bis 1210. Hierin werden die Templeisen als die Gralsritter beschrieben und das unterstreicht einmal mehr, wie sehr die Tempelritter in die Welt des Rittertums eingebunden waren und welch hohes Ansehen sie dabei besaßen. Ebenso dürfte das das Empfinden der Templer selbst gewesen sein und ihr Denken und Fühlen beeinflußt haben, das stets nach dem Besten und Höchsten ausgerichtet war, auch bei der Verehrung der Hohen Frau, der Gottesmutter Maria.

(Heinz-Jürgen Riechers, 12.4.2017)