Hartes Ringen um Ökumene – der Vatikan und die Piusbruderschaft

veröffentlicht in der Non Nobis 61

Im April 2012 stellt ein Bericht der Katholischen Nachrichten-Agentur in der Kirchenzeitung des Erzbistums Köln die Frage: Bringt Benedikt XVI. als Papst die Einigung mit den Traditionalisten zustande, die er als Kardinal nicht erreicht hat? Die Frist, die der Vatikan den Piusbrüdern für eine definitive Antwort zu den jüngsten Einigungsbemühungen gesetzt hat, ist seit kurzem abgelaufen. Die Kernfrage lautet: Unterschreiben die Piusbrüder die „lehrmäßige Präambel“, die der Vatikan zur Bedingung für eine Kircheneinigung gemacht hat, und in der er die Anerkennung des kirchlichen Lehramts – einschließlich des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) – zur Grundvoraussetzung macht?

Diese Präambel hatte die römische Glaubenskongregation der „Priesterbruderschaft St. Pius X.“ am 14. September 2011 zum Abschluß einer eineinhalbjährigen theologischen Dialogrunde überreicht. Zwei erste Antworten der Traditionalisten waren im Vatikan als unzureichend zurückgewiesen worden. Offenkundig enthielten sie nicht das erwartete klare Ja oder Nein, sondern setzten auf weitere Verhandlungen und Modifizierungen. Falls der Traditionalistenobere Bernard Fellay seine Unterschrift unter die Präambel setzt – deren Inhalt erst nach Abschluß der Verhandlungen veröffentlicht werden soll – wäre das Schisma von 1988 repariert.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, daß der Urgrund für diese Entwicklung am 9.8.1903 gelegt wurde. Pius X. heißt der neue Papst. Nach dem Tod von Papst Leo XIII. (seit 1878 im Amt) steht die Amtszeit von Papst Pius X. (bis 1914) unter dem Vorzeichen der religiösen Erneuerung und des Kampfes gegen demokratische Tendenzen in Kirche und Staat. Am 8.9.1907 dann erläßt Papst Pius X. eine Enzyklika, in der er gegen den Modernismus antritt. Diese Reformbewegung vertritt eine liberale, wissenschaftlich kritische Richtung innerhalb der katholischen Kirche. Diese Strömung konnte sich aber weitgehend im II. Vatikanischen Konzil durchsetzen, auch um die Ökumene zu erleichtern.

Das Zweite Vatikanische Konzil 1962-65 wurde von Papst Johannes XXIII. in den Vatikan einberufen und von Papst Paul VI. weitergeführt zur zeitgemäßen Erneuerung der katholischen Kirche und zur Wiederannäherung der christlichen Kirchen. Verabschiedet wurden 4 Konstitutionen; über die Liturgie (Zulassung der Nationalsprachen), die Kirche, die Offenbarung (Einheit von Heiliger Schrift, Tradition und kirchlichem Lehramt), die Kirche in der Welt von heute; 9 Dekrete: über die Hirtenaufgabe der Bischöfe, Ökumenismus, katholische Ostkirchen, Dienst und Leben der Priester, Ausbildung der Priester, Ordensleben, Mission, Laienapostolat, Massenmedien; 3 Erklärungen über Religionsfreiheit, nichtchristliche Religionen und christliche Erziehung.

Marcel Lefebvre, französischer katholischer Geistlicher, geboren am 29.11.1905 in Tourcoing in Nordfrankreich und gestorben am 25.3.1991 in Martigny im Wallis; 1929 Priesterweihe, 1932 Eintritt in den Missionsorden „Vater vom Heiligen Geist“, 1932 bis 1945 Missionstätigkeit in Gabun, 1947 Bischofsweihe, 1955 Erzbischof, wurde 1960 von Papst Johannes XXIII. in die Vorbereitungskommission für das 2. Vatikanische Konzil berufen; als konservativer Gegner der dort beschlossenen Neuerungen gründete er 1970 die traditionalistische Priesterbruderschaft St. Pius X.; Fraternitas Sacerdotis Sancti Pii decimi (FSSPX). Die nach Papst Pius X. benannte traditionalistisch-konservative katholische Priestergemeinschaft wendet sich gegen die kirchenreformerischen Beschlüsse des 2. Vatikanischen Konzils indem sie die Gleichstellung der Religionen und die Ökumene ablehnt und die Messe „versus altare“ (vom Volk abgewandt) in lateinischer Sprache abhält. Die geistlichen Führer der von der römisch-katholischen Kirche nicht anerkannten Gruppierung wurden 1988 exkommuniziert, nachdem Bischof Lefebvre ohne Zustimmung der Kurie vier (gültige) Priesterweihen vorgenommen hatte. Die Bruderschaft unterhält Priesterseminare u. a. in der Schweiz, Deutschland und Frankreich, sowie eigene Privatschulen. Der Kirchenbann gegen die exkommunizierten Geistlichen wurde 2009 von Papst Benedikt XVI. aufgehoben.

Im August 2012 äußerte sich der Kölner Kardinal Meisner unmißverständlich in der Kirchenzeitung des Erzbistums Köln und pochte darauf, daß die Piusbrüderschaft das Lehramt des Papstes und das Zweite Vatikanische Konzil voll anerkennt. Dazu gehörten auch die Dekrete über die Religionsfreiheit, das Verhältnis zu den Juden sowie die heutige Form der Liturgie. Eine Rückkehr der Piusbruderschaft in die Gemeinschaft der katholischen Kirche setze zudem voraus, daß sie ihre Vorwürfe gegen den Papst zurücknehme, er sei nicht recht-gläubig.
„Wer lehramtliche Aussagen ganz oder teilweise ablehnt, kann nicht in der vollen Gemeinschaft der Kirche stehen“, betont der dem Papst sehr nahestehende Kardinal. Er weist auch darauf hin, daß Papst Benedikt XVI. wiederholt seine Wertschätzung für den jüdischen Glauben und die Wichtigkeit des Dialogs zwischen Christen und Juden zum Ausdruck gebracht habe.

Der Ausgang des Disputs ist weiterhin offen. Der Papst in seinem ernstgenommenen Ökumeneanliegen ist weit auf die Piusbruderschaft zugegangen. Diese hat die Entscheidung der Dinge nun in der Hand.

Heinz-Jürgen Riechers, Stand 10. Sept. 2012