Abbild eines Ritters des Tempelherren-Ordens in der Temple-Kirche in London

Historische Templerstätte in London

Margret Stetter

Die Autorin des folgenden Beitrags aus dem Jahr 2002 ist die Gattin unseres verstorbenen Ordensbruders Hermann Daniel Stetter. Beide waren über 10 Jahre für die Ausgestaltung unserer Ordenszeitschrift NON NOBIS zuständig. In dieser Zeit unternahmen sie viele Reisen, auch zu historischen Templerstätten.

Reisewege zu historischen Templerstätten

Abbild eines Ritters des Tempelherren-Ordens in der Temple-Kirche in London

Abbild eines Ritters des Tempelherren-Ordens in der Temple-Kirche in London

Der beeindruckende Temple-Bezirk in London liegt im Herzen der City of London. Von der Fleet Street aus, der Straße der Print-Medien, führt ein kleiner Torbogen in den „Middle“- und „Inner“ Temple. Im 12. und 13. Jahrhundert war der „Temple“ Hauptsitz des englischen Templerordens. Zwei U-Bahnlinien führen zu der Station „Temple“ in unmittelbarer Nähe der Themse. In der großen Halle des „Inner Temple“ stehen Standbilder von Rittern des Templer- und Johanniterordens. Als 1307 aufgrund falscher Beschuldigungen und Intrigen des französischen Königs Philipp IV. die Templer verhaftet und unter dem Druck des Königs der Orden von Papst Clemens V. 1312 aufgehoben wurde, befolgte auch England das Papst-Dekret. König Edward II. übernahm die Kontrolle über den riesigen Besitz in London und vermachte alles dem Grafen von Pembroke. Nach dessen Tod jedoch fiel das Vermögen an den Johanniter- Hospitaliterorden. Der Johanniterorden wiederum überließ die Anlagen 1346 einer Gemeinschaft von Rechtsgelehrten. Heute sind in den neueren, gregorianisch anmutenden Gebäuden, die beiden großen Londoner Rechtsanwaltsschulen „Middle“- und „Inner Temple“ untergebracht. Der legendäre englische König Heinrich VIII. hob 1540 den Orden der Hospitaliter auf und konfiszierte seinerseits den gesamten Besitz. Der „Temple“ gehörte nun wieder der englischen Krone. Heinrich VIII. oblag es, einen Priester für die Templer-Kirche zu bestellen. Er gab ihm den Titel „Master oft the temple“ (Meister des Tempels).

Im Garten der „Templeanlage“ steht eine hohe Bronzestatue. Sie zeigt zwei Ritter, die von einem Pferd getragen werden. Mathew Paris, Mönch von St. Albans erklärte die zwei Ritter auf einem Pferd so, daß diese Figur die armen Anfänge der Ritterschaft symbolisieren sollte. Im 16. Jahrhundert allerdings definiert der Historiker Stow das Templer-Symbol anders: Stow sah darin eher ein Zeichen von Güte und Barmherzigkeit: Der Ritter auf einem Pferd rettet einen Christen aus Gefahren. Vielleicht, so mutmaßte der englische Historiker, ist auch ein Stück Romantik mit dem Symbol verknüpft. Laut Ordensregel standen jedem Ritter drei Pferde und ein Knappe zur Verfügung.

Originaleingang der Temple-Kirche in London

Originaleingang der Temple-Kirche in London

Herzstück des Temple-Bezirks ist die gut erhaltene Temple Kirche, eines der schönsten und historisch bedeutendsten Gotteshäuser in London. Die erste in England gebaute Kirche der Templer stand im Londoner Stadtteil Holborn. Sie wurde ca. 1160 errichtet. Gleichsam wie in allen europäischen Ländern gewannen die Templer auch in England rasch an Einfluß. Sie nahmen mit der Administration des Königs Kontakt auf, besonders mit dessen Schatzmeister. Der Schatzmeister wußte, daß ein religiöser und militärischer Orden eine „sichere Bank“ für ihn war. Große Mengen Land wurde dem Orden im Süden der Stadt zur Verfügung gestellt. Die Ritter bauten die große Templer Kirche, die 1185 von Heraclius, Patriarch von Jerusalem, in Anwesenheit von König Heinrich II. aus dem Hause Anjou-Plantagenant, eingeweiht wurde.

Aufgrund enger Verbindungen der englischen Krone und dem Bistum von Ely setzte sich im Jahr 1257 der amtierende Bischof mit einer Klage durch, wonach dem Bischofssitz auch Wohnrecht in dem „Haus des Meisters“ zusteht, einschließlich aller Hausrechte für die Halle und alle anderen Gebäude des Temple-Bezirks. Dieses Recht ist seit altersher geblieben. Der „Meister“ in London war der Oberste des Templerordens in England. Er unterstand allerdings dem Großmeister in Übersee („Grand Master in Outremer“ = lat. ultra mar).

Die Gebäude des Klosters – dem jetzigen Klostergarten – waren seinerzeit rund um die Kirche angeordnet. Die neuen Gebäude tragen noch immer die Bezeichnung „Kloster“. Und die Tradition hat in England Bestand: Alle Priester in der Templerkirche werden auch heute noch „Meister“ (The Master) genannt. Ihr offizieller Titel lautet „Hochwürden und Heldenhafter“ (The Reverend and Valiant).

Die Templerkirche

Die "Temple-Kirche" in London

Die “Temple-Kirche” in London

Die Kirche besteht aus der ursprünglich normannischen, der Grabeskirche von Jerusalem nachempfundenen Rundkirche und einem 1240 angebauten Altarraum. Jerusalem war Zentrum aller mittelalterlichen Landkarten. Jerusalem war der emotionale Ort aller Kreuzritter, der heiligste Platz im Heiligen Land. Sie vor allen Feinden dieser Erde zu verteidigen war Ziel eines jeden Pilgers. In einer von Kreuzrittern gebauten Kirche beerdigt zu werden war das Höchste, was man sich damals in großer Frömmigkeit wünschte, gleichsam als sei man in Jerusalem selbst bestattet.

König Heinrich III. galt als großer Förderer der Templer. Es war sein Wunsch, in der Templer Kirche beerdigt zu werden. Der Chor der Kirche wurde eingerissen und ein weit größerer Chor gebaut, der am Himmelfahrtstag 1240 in Anwesenheit des Königs eingeweiht wurde. Als König Heinrich starb, entdeckte man allerdings, daß er sein Testament geändert hatte. Er wurde wie alle englischen Könige in der Westminster Abbey beerdigt.

Große Kostbarkeiten der Temple Kirche sind die neun Grabfiguren von Tempelrittern. Die Figuren in der Mitte des Kirchenbaus entstanden im 12. Und 13. Jahrhundert. Die Tempelritter liegen majestätisch angeordnet im Kirchenrund. Sie sind porträtiert im Alter um die Dreißig, dem Alter in dem Jesus Christus gestorben war. Eine der Figuren trägt eine mit einem Blattrelief verzierte Platte unter dem Kopfpolster. Sie zeigt angeblich William Marshal, Earl of Pembroke (+1219) und Schwager König Johanns, Regent während der Minderjährigkeit von Heinrich II. William Marshal nahm erst im hohen Alter das Kreuz der Tempelritter. Er gilt als einer der bedeutendsten Ritter des Templerordens in England.

Dem Betrachter scheinen die Grabfiguren wie zu Stein gefroren. Aber ihre Augen sind geöffnet. Ihre eindrucksvolle Haltung zeigt, daß sie eine Schlacht geschlagen haben, eine Schlacht die vor 700 Jahren endete.

(Quelle: The Honourable Society oft the Middle Temple, London)