8. Gliederung und Inhalt des LIBER AD MUTES TEMPLI

“Sucht man nach einer Gliederung, so wird man der Schrift am ehesten gerecht, wenn man sie in drei etwa gleich lange Abschnitte (A, B, C) teilt, denen die beiden letzten Kapitel lose angehängt sind. Es ergibt sich folgender Aufbau:

Prolog

A) Kapitel I-IV: Die neue Ritterschaft
(I: Schwert und Zingulum; II: Ritter auf Abwegen; III: Rechtfertigung des Kampfes; IV: Lobenswerte Lebensweise)

B) Kapitel V-X: Heilige Stätten
(V: Jerusalem und sein Tempel; VI: Betlehem; VII: Nazaret; VIII: Ölberg und Joschafat-Tal; IX: Jordan; X: Golgata)

C) Kapitel XI: Erlösungslehre
(Das Heilige Grab als Rahmen)

Gemäß dieser Gliederung lassen sich inhaltliche Aussagen in ein Dreier-Schema fassen:

A) Kapitel I-IV: Die neue Ritterschaft

Die Aussagen der ersten Kapitel gruppieren sich um die gelebte Synthese von Ritter- und Mönchtum,Zeichen des einen ist das Schwert, Zeichen des anderen das Zingulum.Bernhard spricht in aller Deutlichkeit von einem “novum militiae genus”. Im Unterschied zum Alten, das im Sinne der Zeit sozusagen durch sich selbst gerechtfertigt war, bedurfte das Neue einer besonderen Legitimation,und es ist bezeichnend, daß Bernhard … als ein entschiedener Fürsprecher des Neuen in Erscheinung tritt. Dabei ist für die Aussage Bernhards zweierlei kennzeichnend, nämlich einerseits ein geradezu funktionales, ständig die Effizienz anvisierendes Verständnis des Rittertums, andererseits eine radikale Motivationsanalyse, was die subjektive Einstellung des einzelnen Ritters betrifft. Sowohl in der Motivation als auch in der Effizienz sind die Templer, von Bernhard “milites” oder “equites Christi” genannt (Prol.;4;7), eindeutig der sonstigen Ritterschaft überlegen.

Während nämlich bei den weltlichen Rittern pompöse Aufmachung ihrcr Hauptaufgabe, dem Kampf “höchst abträglich ist”, leben die Templer unter Verzicht auf jeden selbstherrlichen Zierat einzig und allein ihren ritterlichen Pfichten, sei es im Felde, sei es zu Hause. Was nicht den strengen Kriterien militärischer Zweckmäßigkeit entspricht, wird in der Körperpflege genauso wie in der Ausrüstung strikt abgelehnt.

In der Motivationsfrage ergreift Bernhard ebenfalls die Partei der Templer. Im Gegensatz zu den weltlichen Rittern, die sich von Wut, Rachsucht und Besitzgier treiben lassen, haben die Templer – gehorsam, arm und ehelos, wie sie sind – allein die Sache Christi im Auge, ohne für sich selbst etwas zu wollen.

Der Einsatz des Schwertes bedarf, so selbstverständlich er sonst gewesen sein mag, im Falle der Templer einer eigenen Rechtfertigung. Dazu zieht Bernhard wie üblich die Bibel heran. Markante Beispiele seiner biblischen Rechtfertigung sind die bekannte Stelle von der Bestrafung der  Übeltäter nach 1 Petr.2,l4, dann die an Soldaten gerichtete Passage aus der Bußpredigt Johannes des Täufers (Lk 3,14) und schließlich als Höhepunkt die Tempelreinigung Jesu (Mk 11,15 ff). Man beachte in diesem Zusammenhang, daß Bernhards Rechtfertigungsversuch auf eine  Eingrenzung des Schwertgebrauchs hinausläuft. So wird z.B. der Tötung der Heiden eine Grenze gezogen, indem die Zulässigkeit auf den Fall beschränkt wird, daß die Heiden “nicht auf andere Weise an der Bedrohung und Unterdrückung der Gläubigen gehindert werden können”. Trotzdem wirken die Aufforderung zum Kampf und die Garantie seiner Gottgefälligkeit im Munde Bernhards für heutige Leser befremdend:

Wenn der Templer die Muslime tötet, dann darf er dies mit gutem Gewissen tun, es ist für ihn ruhmvoll, und er erwirbt dadurch Christus. Hier scheint das zu Tragen zu kommen, was Friedrich Heer pointiert so formuliert hat:
“Noch bis in die Vollendung seines geistig-seelischen Lebenswerkes hinein – in den Predigten über das Hohe Lied, die er im engsten Kreis seiner Brüder hält, verfolgt ihn das schrecklich große Bild der Majestas Domini, des Gottesherrn, der machtvoll zu Gericht fährt..!’ .

B) Kapitel V-X: Heilige Stätten

Der zweite Teil des Traktates behandelt in unerwarteter Wendung einen ganz anderen Themenbereich:
Bernhard führt den Hörer und Leser in eine Art geistlicher Pilgerschaft an die einzelnen durch Christi Leben und Sterben geweihten Stätten. Wie es aber der bis in die christliche Antike zurückreichende Auslegungstradition entspricht, darf der Exeget nicht auf der Ebene der als  scheinhaft beurteilten Wirklichkeit des “historischen” oder “buchstäblichen” Schriftsinnes stehen bleiben: vielmehr muß er den “tieferen Sinn” (sensus penitior) des Textes vor allem auch den allegorischen Sinn zu erkennen suchen. Das ist für Bernhard im wesentlichen das Drama der Begegnung der Seele mit Christus. Letztlich reflektiert er theologisch, auch mit Hilfe von im Mittelalter geläufigen, freilich teilweise sehr willkürlichen Etymologien, über das Geheimnis der Erlösung. So unterscheidet er z.B. ausgehend von der Wortbedeutung Bethlehems als Haus des  Brotes zwischen dem Brot des Fleisches, d.h.Jesus in seiner menschlichen Gestalt, und dem Brot des Wortes. Diese Unterscheidung wird weitergeführt und auf den Vollkommenheitsstand der Empfänger des Brotes angewandt: Den Glaubensanfängern werden die Vollkommenen  gegenübergestellt, die im Unterschied zu ersteren bereits dem “fleischlichen”Brot entwachsen und imstande sind, allein das Brot des Wortes in sich aufzunehmen.

Unverkennbar verläuft eine Bruchlinie zwischen den Teilen A und B. Der Zusammenhang zwischen dem Traktat des “Laudators” eines asketischen und damit auch kriegerisch erfolgversprechenden Rittertum einerseits und der Abhandlung des Pedigers einer inneren spirituellen  Erneuerung andererseits ist zunächst nicht leicht zu erfassen. Als Bindeglied für beide Teile dient die Betrachtung über den “Tempel”, in der der Ritterorden als eschatologische Heilsgemeinschaft geschildert wird. Bernhard weiß in seinem Innersten: Das “himmlische Jerusalem” steigt nicht auf das “irdische Jerusalem” im Heiligen Land herab, es wird vielmehr erbaut in jeder Seele, die zum Himmelreich wird,wenn sie den neuen “König der Ehren”, den Seelenbräutigam, aufnimmt. Es hieße allerdings, Bernhard mißzuverstehen, wenn man seine Position auf einen  bloßen Spiritualismus reduzieren wollte.

Einem solchen versucht er entschieden vorzubeugen, indem er auch auf die Sakramente, insbesondere auf das der Buße, verweist und gleich einem Schlußakkord mit Gedanken über den Gehomm seine Schrift beendet. Standesspiritualität bedeutet demnach für Bernhard nichts anderes als eine bestimmte Adaption der allgemeinen Erlösungslehre des Christentums, was auch an anderer Stelle – z.B. in seinem Traktat über das Amt der Bischöfe – ersichtlich wird.

C) Kapitel XI: Erlösungslehre

Eine dritte und letzte Gruppe von Aussagen kreist um die Erlösung. Den Einstieg und schließlich auch wieder den Ausstieg bietet das Heilige Grab. Dieses zieht Bernhard allen anderen Stätten vor, denn es läßt ihn über Christi Kreuzestod nachsinnen. Während die meisten seiner  Heiltumsmeditationen in geschliffenen literarischen Kurzformen geistliche Themen eher leicht verständlich und erbaulich behandelt, verwendet Bernhard im Abschnitt über das Grab in auf fallendem Wechsel eine traktathafte Langform, die etwa ein Drittel der ganzen Schrift  umfaßt. Darin entwickelt er, offensichtlich als zentrales Anliegen, eine spekulative Erlösungslehre von außerordentlicher Eloquenz und denkerischer Originalität. Augenscheinlich vergaß der Heilige dabei freilich, daß die meisten seiner Adressaten “illiterari” waren und ganz gewiß seinen theologischen Gedankengängen nur schwer gefolgt sind.

In der hier entwickelten ausführlichen Erlösungslehre geht Bernhard von der Erbsünde aus, unterscheidet den Tod der Seele als reatus culpae (der Sache, nicht dem Worte nach) von demjenigen des Leibes als reatus poenae und begreift Christi Erlösungstod als umfassende  Wiedergutmachung für alle Menschen. Die Lösung der Seele vom Leib im irdischen Tod ist für Bernhard nur Zeichen und Folge für die fundamentale Dissoziation der Menschen von Gott durch die Ursünde. Der Tod Christi bewirkt “objektive” Erlösung der Schuldigen, weil er, der Unschuldige, mit der genannten Dissoziation nichts zu tun hatte. Diese vorgegebene Erlösung bedarf freilich der subjektiven Aneignung im dankbaren Gedenken. Bernhard macht deutlich, daß eben das Andenken an den Tod und die Auferstehung Christi das Mittel ist, um an seinen Tod und seiner Auferstehung teilzuhaben, durch die er uns von der Sünde erlöst hat.

Die liebevolle Betrachtung der übrigen Stationen des Lebens Jesu sind auch wichtig im Prozeß der persönlichen Aneignung der Erlösung, bleiben aber der eigentlichen Passionsbetrachtung untergeordnet wie die imitatio humilitatis der imitatio caritatis.”