Mit Pferd und Wagen unterwegs in Luthers Land

(Eine etwas andere Annäherung an Luther und das Reformationsgedächtnis 2017)

veröffentlicht in der Non Nobis 63

Was macht man, wenn man eine pferdebegeisterte Tochter hat, sich als Vater auch zu Reitübungen hat anstecken lassen und die eher zurückhaltende Mama mit einbinden möchte? Da die Ferien natürlich etwas mit Pferden zu tun haben sollten, ein kultureller Anteil aber auch dazugehört, sucht man nach einem Ausweg, in diesem Falle auf elektronischem Wege im Weltnetz, und bleibt plötzlich an einem Planwagenangebot hängen. Kurzer Abgleich unter den Betroffenen, toll – das ist was für uns, Mama mach´ das klar für die Osterferien.

So fanden wir drei uns dann am Karsamstag nach fast 600 Kilometern Anreise in Sachsen-Anhalt im Ort Seegrehna wieder. Weite Landschaft, riesige Felder, die dünn gesäten kleinen Ortschaften menschenleer wirkend aber sauber, kaum Läden, nur noch hie und da Häuser- und Gebäuderuinen aus sozialistischem Erbe. Für die Nacht sollten wir in dem toll hergerichteten Kastanienhof unterkommen und die herzliche Hauswirtin Astrid weckte auch gleich die Dorfgaststätte aus ihrem Dornröschenschlaf, wo wir mit etwas Vorlaufzeit dann auch schmackhaft und reichlich verköstigt wurden. Die Zeit bis es soweit war, nutzten wir zur Kontaktaufnahme auf dem Pferdehof, wo wir mit Andreas und Peggy auch wieder sehr offene und herzliche Menschen kennenlernten. Das direkte Du der Menschen hier schaffte sofort Nähe, mag es noch aus der Genossenzeit stammen oder sogar landestypisch sein, jedenfalls ist man sofort mittendrin. Später kam mir in den Sinn, ob in dieser Art schon eine Wurzel des Einwirkens Luthers auf das einfache Volk zu suchen sein könnte, zumindest in den Frauen kann ich mir das Wesen der Katharina von Bora, Luthers Frau, schon gut vorstellen.

Nach ruhiger Nacht und gutem Frühstück erfolgte die etwa 4-stündige gründliche Einweisung, das Ein- und Abschirren, das An- und Ausspannen von unserem neuen Gefährten, dem mächtigen 800 kg schweren Wallach namens Veith, einem Altmärker Kaltblut, mit anschließender Probefahrt, um die Umgangsformen des Pferdes zu erfahren. Der Planwagen, als Gespann gute 9 Meter lang, bietet Schlafmöglichkeit für bis zu 5 Personen auf engstem Raum, ohne Klo, Wasser wird in Kanistern mitgeführt. Im hinteren Teil können Tisch und Bänke schnell zu einem großen Bett umgebaut werden, im vorderen Teil befindet sich die Küchenzeile und gegenüber eine weitere Schlafmöglichkeit. Das 12-jährige Pferd war ein verläßliches, ruhiges und sicheres Tier, hatte genug Erfahrung mit Menschen und dem üblichen Straßenverkehr, Traktor, Mähdrescher, LKW oder Motorrad. Die Touren von 15 bis 20 Kilometern pro Tag, in 3 bis 5 Stunden zu schaffen, waren einschließlich der Rast- und Übernachtungsplätze sorgfältig ausgearbeitet und wurden anhand der Landkarte und der Tageswegpläne abgesprochen.

Dann konnte es losgehen, auf eine ganz andere Art die natürlich schöne Gegend kennenzulernen mit ihrer einzigartigen Lage am Rande des Biosphärenreservats Mittelelbe, der Dübener Heide, des Dessau-Wörlitzer Gartenreichs, in naher Nachbarschaft zum Dessauer Bauhaus und den Luther-Gedenkstätten. Wie mag wohl Martin Luther (1483-1546) seinerzeit die Wege bewältigt haben? So lassen wir uns in das Tempo (rund 5 km/h) der vergangenen Zeit mit 1 PS versetzen. Der Puls, von Streß und Hektik der Arbeit beschleunigt, wird heruntergefahren. Man wird offen für neue Eindrücke und Gedanken.

Etwa 20.000 Kilometer sind es, so hat man errechnet, die Luther, der Wittenberger Theologe, zu Pferde, zu Wagen, aber auch zu Fuß, auf seiner Lebensreise zurückgelegt hat. Oftmals sogar waren seine Reisen äußerst beschwerlich, man denke nur an den Fußmarsch des jungen Mönchs von Erfurt über die Alpen nach Rom und zurück in knapp bemessener Zeit oder an die zahlreichen Fahrten Luthers in seinem kleinen Rollwägelchen über die holprigen Straßen, bei denen ihm sein übles Steinleiden oftmals fast unerträgliche Schmerzen bereitete.

Und, wenn Luther reiste, so geschah dies nicht zum Vergnügen oder studienhalber, sondern in der Regel von Amts oder Kaisers wegen. Seine Wittenberger Thesenaktion vom Herbst 1517 hatte viel Staub aufgewirbelt. Und so machte sich Luther denn auf und reiste, nach Heidelberg, nach Augsburg und zu Kaiser und Reich, nach Worms. So war er viel unterwegs, zur Ruhe kam er kaum.

Wichtige Ereignisse seines Lebens trafen Luther “unterwegs”: Als sich der 21-jährige Jurastudent mitten im Semester auf dem Weg von Mansfeld nach Erfurt befand, ereilte ihn das so bedrückend-bedeutungsvolle Gewittererlebnis bei Stotternheim, das in ihm die Entscheidung auslöste, in das Schwarze Kloster der Augustiner-Eremiten einzutreten. Mehr als fünfzehn Jahre danach geschah eine “Heimsuchung” anderer Art ebenfalls “unterwegs”: Wenn nicht sein weiser Landesherr den in Worms Geächteten durch einen fingierten Überfall für einige Zeit aus dem Verkehr gezogen und auf die Wartburg verbracht hätte, wäre es um das Leben des aufrührerischen Augustiners wohl geschehen gewesen. Später dann, als Luther im Amt und noch mehr in Würden war, gehörte das Unterwegssein sozusagen zu seinem Dienstgeschäft. War er schon vor 1517 als klösterlicher Distriktvikar in geistlicher Aufsichtsfunktion vielerorts tätig gewesen, so stellte erst recht die Sache der Reformation hohe Ansprüche auch an seine physische Beweglichkeit. Denn man erwartete, daß er nicht nur in Wittenberg blieb und lehrte, sondern inmitten der religiösen und auch politischen Wirren an vielen Orten zu mancherlei Disputen und Verhandlungen zugegen war.

Die Straße war damals etwas anderes als heute. Aus der Klosterstille trat Luther in eine ungeheuer bunte, auch gefährliche, wilde Welt hinaus. Auf der Straße wurde damals Politik gemacht; in den Städten, wo jeder jeden kannte, hielt man sich meist vorsichtiger zurück. Aus Gesprächen auf der Landstraße, zwischen einem Bauern und einem Edelmann oder einem Bettelmönch und einem Abt hoch zu Roß, einem Hurenwirt und einem hochgelehrten Magister, sind die Brandschriften und Dialoge erwachsen, die den Tumult der Zeit weit besser widerspiegeln als die lahmen Reichstagsakten. Hier hat Luther sprichwörtlich “dem  Volk aufs Maul geschaut”.

Ruhig und folgsam läuft unser Pferd. Langsam wird man selbst ruhiger. Genau nach mitgegebenem Tagesplan zuckelt der Planwagen durch die einsame Landschaft. Rechts Wald, links Feld, an der einsamen großen Eiche mit Bank davor rechts ab in den Wald hinein, immer geradeaus bis zum Schotterweg, Pferd motivieren, so lauten die Anweisungen auf dem Papier. Dann endlich einige Häuser, unser Tagesziel ist erreicht – die Lamaweide, die wir uns mit vier Lamas teilten. Der freundliche Bauer hatte schon Wasser und Futter fürs Pferd vorbereitet, Trinkwasser konnten wir in die Kanister füllen. Gewöhnungsbedürftig, vor allem für die Damen, war das mit Spinnweben reich verzierte Plumpsklohäuschen mitten auf der Weide. Aber das Pferd hatte es gut, stundenlang bekam es die Winterhaare aus dem Fell gestriegelt und genoß das sichtlich. Die Lamas beäugten das alles höchst erstaunt.

Nach kargem Abendessen und ruhiger Nacht, kurzes Frühstück, Einschirren, Anspannen und los nach Tagesplan. Vor bis zur Hauptstraße, Pferd über die Kreuzung führen, dann links bis hinter Ortsschild wieder links ab auf Feldweg, links Wald, rechts Feld, vor bis zum Deich, Pferd motivieren, nach Deichüberquerung Wagenbremse betätigen, vor bis Weggabelung, dann rechts abbiegen Richtung kleine Baumgruppe. So rollten wir nach Vorgabe bei gutem Reisewetter einsam durch Wald und Feld. Ab und zu mal ein Pferd auf der Weide, von unserem Veith mit lautem Wiehern begrüßt, sonst außer zahlreichen Greifvögeln am Himmel nichts als menschenleere Natur. So gelangten wir ans nächste Etappenziel, den Rehsener See. Wilde, einsame Gegend, das Kiosk saisonbedingt noch geschlossen, unsere Verpflegungssituation dadurch weiter angespannt, aber dem Pferd geht´s gut. Mit mitgeführtem Material wird, wie eingeübt, eine Weidekoppel 10m x 15m abgesteckt, die Batterie an den Zaun geklemmt, eimerweise Wasser fürs Pferd aus dem See geholt -und dann ging´s los. Rauher Wind kam auf, eine bedrohlich-dunkle Wolkenwand verhängte den Himmel und ein mächtiger, langanhaltender Hagelschauer hämmerte hernieder. Der Planwagen wurde so durchgeschüttelt, daß wir uns alle auf eine Seite setzten, in der Hoffnung, ihn so vorm Umstürzen zu sichern. Alles ging gut, das schmale Abendbrot schmeckte, unser Pferd graste als wäre nichts gewesen. Die Nacht war ruhig, schweinekalt, aber das Bettzeug hielt uns schön warm. Am anderen Morgen liefen die Handgriffe schon wie lange einstudiert, das machte froh. Tolle Sache. Weiter nach Tagesplan, über Feldweg bis zur Kreuzung, rechts über Schotterweg bis vor zu den Bäumen, dann rechts in den Wald einbiegen, immer geradeaus, so führte uns die Wegbeschreibung kreuz und quer durch die Wildnis. Am Tagesziel, Rosenwische, wieder die jetzt völlig eingespielten Handgriffe, Ausspannen, Abschirren, 2 Schippen Hafer, Weidekoppel abstecken, Pferd versorgen und tränken – aber kein Abendbrot, endgültig alles verbraucht. Der Pizzamann muß helfen. Auf dem Mobiltelefon kaum noch Akkuanzeige, aber es klappt noch. Eine Riesenbestellung, damit er auch ja rauskommt. Gar nicht so einfach bis er uns in der Einsamkeit findet. Ein fürchterlicher Wolkenbruch mit spontaner Dunkelheit machte es nicht einfacher. Dann war er da, wieder so ein unverwüstlich freundlicher Einheimischer, er betreibt mit seiner Frau den mobilen Imbiß. Der Abend war gerettet, das kommende Frühstück auch. Aber es blieb naß und wurde erbärmlich kalt. Selbst das tolle Bettzeug wärmte diesmal nur unzulänglich. Die Gasflamme vom Herd muß spärliche Wärme verbreiten. Die Nacht wird nicht toll. Morgens ist die Plane innen und außen komplett vereist, der Kutschbock eine Eisbahn, nur unser treuer Veith gibt sich völlig unbeeindruckt mit einer Schicht Rauhreif auf dem breiten Rücken. Die Morgentoilette gestaltet sich äußerst ungemütlich. Bei Frost und mit dem Klappspaten bewaffnet überlegt man sich, wie lange die letzte Wehrübung zurückliegt. Ganz in der Nähe hört man dabei im Unterholz Wildschweine grunzen.

Zügig waren wir zur Abfahrt klar, der Himmel riß auf, die Sonne zeigte sich, noch während der Fahrt konnten wir den Wagen durchlüften und trocknen. Frohgemut und doch auch irgendwie traurig, vor allem bei der Tochter rollten später noch die Tränen, ging es teils in flottem Trab an der Elbe entlang wieder der Zivilisation entgegen.

Nach den Tagen auf dem Planwagen doch schon etwas verwildert und abgerissen, machten wir dann per Auto den kurzen Sprung in die Lutherstadt Wittenberg. Dort quartierten wir uns in der in dem ehemaligen Amtshaus direkt an der Schloßkirche untergebrachten Jugendherberge ein. Hier veranstalteten wir drei erstmal eine “Duschparty”. Dann ging es unverzüglich raus auf die Straße, die Kulturmeile, wie man sie in Wittenberg auch bezeichnen muß. Vom Schloßplatz bis zur Luthereiche reicht diese halbe Stunde Weges, in einer Stadt die sich rausgeputzt hat und noch weiter herausputzt. Auch verstärkt durch das jetzt tolle Wetter, eine Augenweide. Der durch Historie zu Begeisternde kommt hier voll auf seine Kosten. Am Anfang und am Ende der Meile, dort also, wo Luther die 95 Thesen anschlug, bzw. an der Stelle, an der er die päpstliche Bannandrohungsbulle verbrannte, umgibt den Besucher bald, durch den mitteilsamen Stadtführer, in historischer Tracht Luther nicht unähnlich, angefacht, bisweilen selbst ein Abglanz des reformatorischen Kämpfergeistes, oder zumindest dessen, was jener dafür hielt. So betreten wir also die Meile von Wittenberg, neugierig nicht nur auf das reformatorische Erbe, sondern auch auf das Wittenberg nach der Wende, am Schloßplatz, dort wo in der Nähe die Reisebusse halten und die Fußgängerzone beginnt, und treffen uns, auf dem Platz vor dem Tourismusbüro, direkt an der Thesentür.

Mit dem 31. Oktober 1517, dem Reformationstag, darf man es historisch nicht so genau nehmen. Denn im Jahr 1961 hat man den Tag des Thesenanschlags, dieses geheiligte Symbol des Protestantismus, von katholischer Seite, und gar nicht einmal ganz zu Unrecht, angezweifelt, ja den Anschlag selbst in das Reich der Legende verwiesen. Man ging davon aus, daß Luther selbst nie ausdrücklich von einem “Anschlag” seiner Lehrsätze gesprochen habe und das “Reformationsdatum” erst nach Luthers Tod von dessen Freund Melanchthon, der sich aber im Jahr 1517 noch gar nicht in Wittenberg aufgehalten habe und deshalb als Augenzeuge nicht in Frage komme, festgelegt worden sei. Auch vermutet man, daß in Luthers Erinnerung der 31. Oktober oder auch der 1. November als der Tag seiner Anti-Ablaß-Aktion lebendig geblieben ist, selbst wenn an diesem Tag der Anschlag nicht wirklich erfolgt sein sollte.

Bleibt die genaue Datierung letztlich im Unklaren, so läßt sich an der Tatsache, daß die zunächst handschriftlich gefertigten Thesen nach üblichem Muster an das Schwarze Brett der Universität, und das war die Tür der Schloßkirche, angeschlagen wurden, allerdings kaum zweifeln.

Wenn man nun, solches bedenkend, die Thesentür betrachtet, das schwere Bronzeportal mit dem lateinischen Text der Thesen, erkennen wir sofort, daß diese hehre Pforte natürlich auch nicht die echte, ursprüngliche ist. Anno 1760, während des Siebenjährigen Krieges, wurde die Kirche beschossen und brannte bis auf die Grundmauern nieder. Auch die alte hölzerne Thesentür wurde ein Raub der Flammen. Zum 375. Geburtstag Luthers, im Jahre 1858, schuf man das neue Portal.

Doch mit solchen Verlusten muß man leben. Sie sind nicht das was zählt, was bleibt. Dem Mönch von 1517, der immerhin auch schon Distriktsvikar des Augustinerordens, Universitätsprofessor und Stadtkirchenprediger in einem war, ging es allein ums Prinzip. Um die allein selig machende Gnade Gottes und um die rechte Reue des umkehrwilligen Sünders.

Im Inneren der Schloßkirche dann die üblichen Reisegruppen, aber alles verhüllt, weil Großbaustelle, teils mit großflächigen Photographien aufgelockert. Zugänglich aber die Gräber von Luther und Melanchthon. Liegt Luthers Leichnam wirklich dort unten? Eine Grabung am 14. Februar 1892 brachte Klarheit. Unter der Leitung von zwei Bausachverständigen stießen Arbeiter in zwei Metern Tiefe auf einen Zinksarg, der an einigen Stellen eingebrochen war. Dadurch aber konnte man die noch gut erhaltenen Gebeine Luthers erkennen, und alle Zweifel waren beseitigt.

Luft! Sonne, die scheint! Kaffee und Kuchen statt Luther und Melanchthon! Am Ende des Schloßplatzes, Richtung Markt, wartet ein wohlplaziertes Cafe´. Wittenberg wäre ohne seine Meile ein langweiliges Provinznest. Aber sie hat es in sich, diese Meile. Fast an jeder Ecke Vergangenheit, teils auch sehr schmackhafte, innovationsfreudige Einzelunternehmer, schicke Boutiquen und überall ein kommerziell integriertes Bemühen um ein mehr oder minder echt restauriertes Mittelalter vermitteln dem Besucher ein insgesamt sehr positives, nun wirklich der Zukunft zugewandtes Bild der Stadt.

Die Arbeitslosigkeit, einige triste Trümmerfassaden, sie können den Eindruck nicht mindern, daß Aufbruchstimmung überwiegt. Im Haus der Geschichte der DDR läßt sich der Vergleich gut ziehen wie es früher war.

Wir schlendern die Schloßstraße hinunter und schauen kurz in den Cranach-Hof hinein.  Lucas Cranach d. Ä. (1472-1553), im Jahre 1504 durch Friedrich den Weisen an den kursächsischen Hof nach Wittenberg berufen, Freund Luthers und Melanchthons, war ein wohlhabender Mann. Sein Vermögen hat er indes weniger durch seine Malerei, sondern vor allem als Kaufmann erworben. Er handelte mit Farben, Gewürzen und vornehmlich mit Wein. Und nachdem er 1520 das Apothekerprivileg erlangt hatte, gab es bald nichts mehr, was man mit seiner Hilfe in Wittenberg nicht hätte bekommen können.

Bevor wir die Collegienstraße, in welche die Schloßstraße mündet, und damit den engeren Geschäftsbereich Wittenbergs betreten, überqueren wir den Markt mit seinen schon von weitem sichtbaren Denkmälern Luthers und Melanchthons und halten auf die Stadtkirche St. Marien zu, Luthers eigentliche Predigtstätte.

Auf dem Kirchplatz bei St. Marien grüßt Bugenhagen, auch ein Freund Luthers und Stadtpfarrer zu der Zeit, als Kaiser Karl V. in St. Marien Einlaß begehrte, vom Sockel. Das Gotteshaus, eine dreischiffige gotische Hallenkirche mit zwei spätgotischen Türmen, wurde in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts errichtet. Sie ist das älteste erhaltene Bauwerk Wittenbergs. Hier wetterte Luther im Frühjahr 1522 acht Tage lang gegen die allzu radikalen Reformer unter der Führung des Theologieprofessors Karlstadt.

Ein weiteres beeindruckendes Gebäude, die alte Universität Leucorea, zu deutsch Weißenberg, hat einen neuen Anstrich bekommen. Wenn man denn so recht wüßte, was man mit dem ehrwürdigen Gebäude rechts hinter dem Stadtgraben heute anfangen soll, nachdem unter preußischer Herrschaft der Komplex als Kaserne genutzt und in den zwanziger Jahren dort Wohnungen eingerichtet wurden. Eine Erinnerungstafel informiert, daß u.a. Ulrich von Hutten, Zinzendorf und Novalis hier studiert haben. Damals, zur Zeit des Reformators Luther und des Humanisten Melanchthon, platzte die Leucorea aus allen Nähten, barsten förmlich die Hörsäle. Jedermann wollte die beiden berühmtesten Lehrer Deutschlands, wenn nicht Europas, leibhaftig vor Augen haben. Wenn Luther las, drängten sich bis zu 400 Studenten in dem 22m x 8m großen Raum, so hat man gezählt und gemessen. So ist die Leucorea die berühmteste Universität Deutschlands geworden, bekannt weit über die Grenzen hinaus, so daß selbst Shakespeare seinen Hamlet, Prince of Denmark, in Wittenberg studieren läßt.

Solcherart meditierend und räsonierend spazieren wir dem nur wenige Meter entfernten Melanchthonhaus zu. Kurfürst Johann Friedrich ließ es 1536, ein nobles Geschenk gewiß, für seinen berühmten Professor errichten, nachdem er zuvor dessen Jahresgehalt auf 300 Gulden erhöht hatte. Undenkbar Luthers Bibelübersetzung ohne die profunden Kenntnisse des Freundes, vorbildlich dessen Verdienste im Bereich schulischer und universitärer Neuerungen.

Wer des Treibens etwas müde geworden ist und, voll der Eindrücke, kurz innehalten möchte, findet dazu im Gartengeviert des Lutherhauses Gelegenheit. Nur wenige Meter von Melanchthons Domizil entfernt, bietet sich für den gestreßten Spaziergänger im Lutherhof ein beinahe idyllisches Plätzchen der Ruhe. Gerne würden wir seine Mönchszelle ausfindig machen, in der ihm das berühmte “Turmerlebnis” zuteil wurde, also die reformatorische Erkenntnis, daß der Mensch nicht aufgrund seiner guten Werke, sondern allein aus Gnade von Gott angenommen wird. Doch wegen der im Laufe der Jahrhunderte durchgeführten zahlreichen Umbauten läßt sich die ursprüngliche Form des Hauses kaum noch rekonstruieren. 38 Jahre lang, bis zum Tode Luthers 1546, war dieses Haus im unmittelbaren Sinn Ursprung und Zentrum der Reformation.

Das Ende unseres Wittenberger Spazierganges führt uns wieder zu den Anfängen. Nicht, daß man meine, die Luthereiche sei der Originalbaum, unter oder neben dem der Mönch die päpstliche Bannandrohungsbulle dem Feuer übergab. Kein Echtheitszertifikat also, weder für die Thesentür noch für die Eiche. Doch im Gegensatz zu den umstrittenen Umständen des Thesenanschlags sind Tag und Stunde der Einäscherung des päpstlichen Papiers exakt verbürgt.

Lutherstadt Wittenberg. Hier verbrachte der Reformator die meiste Zeit seines Lebens, hier profilierte er sich als Gelehrter und Vorkämpfer der neuen Ideen. In dieser Stadt avancierte er vom Mönch zum Ehemann und Familienvater, vom zölibatären Theologieprofessor zum populären Kämpfer und Streiter, hier hatte er, nach langen Jahren als Mönch und akademischer Lehrer, ab 1521 seinen festen Wohnsitz.

Und in Wittenberg nahm eine Entwicklung ihren Anfang, die sich schon sehr bald über den ganzen deutschen Sprachraum hin ausdehnte, rasch über dessen Grenzen hinauswuchs und sich bereits sehr früh in vielem von dem unterschied, was der Augustiner mit seinen 95 Thesen beabsichtigt hatte.

Hierzu drängt sich zu guter Letzt eine Aussage unseres historienbewanderten Stadtführers ins Gedächtnis, die sinngemäß so lautet: Vielleicht richtet man den Blick zu sehr auf Luther, der eher der grobe Klotz der Reformation war und vernachlässigt dabei Melanchthon. Dieser war der gelehrte Sämann der Reformation. Ohne ihn wäre die Reformation wohl eine rein deutsche (Ketzer-) Angelegenheit geblieben und vielleicht irgendwann vertrocknet.

So gedankenvoll endete unser Ausflug. Ein sehr gutes Abendessen in einem historischen Gasthaus, eine letzte Nacht in den historischen Gemäuern der Jugendherberge und eine abenteuerliche, aber auch gelehrig-schöne Zeit lag hinter uns, als wir uns anderntags wieder auf die 600 Kilometer lange Rückfahrt Richtung Westen machten.

(Heinz-Jürgen Riechers – 7.5.2014)