Dr. Edmund Sawall

Qualität des Lebens oder Lebensqualität

Dr. Edmund Sawall

Autor: Dr. Edmund Sawall

Der Begriff Qualität [1] beinhaltet eine wertende Aussage. Die Qualität ist also immer in Verbindung mit Gegenständen oder Ereignissen zu sehen, welche einer Beurteilung und Wertung unterworfen werden. Qualität muß meßbar sein, zumindest im Vergleich mit Vergleichbarem beurteilbar sein. Dies aber setzt objektive, d. h. feste Maßstäbe für einen Vergleich mit anderen Werten voraus.

Nun kann man die Frage nach der Qualität ebenso auf Dinge wie auf Gedanken beziehen. D. h. die Qualität einer Sache bezeichnet das was sie ist und welche Eigenschaften sie besitzt. Darin kann durchaus auch die Relativität und Veränderlichkeit derselben zu der Frage nach ihrem wahren Wesen führen, das nicht nur von den erkennbaren Erscheinungen und den veränderlichen Bedingungen abhängig ist. Die Qualität eines Begriffes ist gleich seinem Inhalt; sie bezeichnet das, was in einem Begriff gedacht wird. Die Qualität eines Urteils nennt die Logik der Entscheidung über die Gültigkeit oder Ungültigkeit desselben.

Auf den Menschen bezogen heißt dies einmal, ihn in seinem Wesen als göttliches Geschöpf zu erkennen und zum anderen ihn nach seinen Anlagen, Eignungen, Fähigkeiten und Leistungen zu beurteilen. Sprechen wir von „Qualität des Lebens“, so ist damit der Wert des Lebens an sich angesprochen. Wir fragen nach dem Wert des Lebens in seinen verschiedenen Erscheinungsformen in der für uns erkennbaren irdischen Welt. Qualität des Lebens ist nicht die Fülle der Möglichkeiten der Lebensführung, sondern die Fähigkeit und die Möglichkeit zur schöpferischen Mitgestaltung des Lebens.
Fragen wir nach der „Lebensqualität“ des Menschen, so meinen wir die Art und Weise seiner Lebensführung.

Schöpfung und Auftrag

Christen berufen sich auf die Schöpfungsgeschichte der Bibel, denn für sie ist vor allem die tiefere Sicht Gottes, des Menschen und des Lebens in der Gemeinschaft ihres irdischen Daseins maßgeblich.
Im 1. Buch Moses über die Erschaffung des Menschen und seinen Auftrag steht in Vers 1, 26:

Dann sprach Gott: Laß uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Lande“

Und wie zur einprägsamen Wiederholung heißt es gleich anschließend in Vers 1, 27:

„Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.“

und in Vers 1, 28:

„Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar, und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch, und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.“

Dann folgt in Vers 1, 29 bis 1, 31 die exakte Vorgabe der Rangordnung der Lebewesen auf Erden.

Die unterschiedlichen Lebensformen, die wir heute auf Erden kennen, finden bereits in der Genesis ihre Bezeichnung und Rangordnung – die Materie, die Pflanzen, die Tiere und die Menschen. Haben nun diese verschiedenen Lebensformen im Vergleich verschiedene Werte, d. h. unterschiedliche Qualität?
Wir sagen alles Leben auf Erden ist zu schützen und die Bibel sagt uns „…gehet hin und macht Euch die Welt untertan…“. Gott gestattet uns, andere Lebensformen für unsere Bedürfnisse zu nutzen.

Leben vernichtet Leben. Pflanzen als die unterste Lebensform wachsen und gedeihen und werden als Nahrungsquelle von Tieren und Menschen genutzt. Tiere als nächst höhere Lebensform verzehren Pflanzen und nutzen schwächere Tierarten als Nahrungsquelle, nicht jedoch den Menschen, von seltenen Ausnahmefällen einmal abgesehen. Gleiche Tierarten vernichten sich in der Regel auch nicht gegenseitig, es sei denn, sie bringen sich gegenseitig in existenzieller Not um. Menschen als höchste Lebensform verzehren Pflanzen und Tiere aller Art, nicht jedoch sich selbst nach Überwindung des Kannibalismus und krankhafter Extremfälle.

Ist mit dieser Nahrungskette eine Wertskala aufgestellt? Haben also die unterschiedlichen Lebensformen unterschiedliche Qualitäten? Was bestimmt die Werteskala? Etwa ihre natürliche Fähigkeit sich untereinander und gegenseitig durchzusetzen und zu überwinden? Gilt danach das Gesetz des Stärkeren gegenüber dem Schwächeren als göttliches Naturgesetz? Wenn menschliches Leben einer höheren Qualität als tierisches und pflanzliches Leben entspricht, gibt es dann innerhalb der Spezies Mensch auch unterschiedliche Qualitäten? Hat etwa der große, starke, überlegene gegenüber dem kleinen, schwachen, unterlegenen eine höhere Qualität; besteht zwischen dem kranken und gesunden, dem geborenen und ungeborenen, dem jungen und alten, dem produktiven und unproduktiven Menschen ein Qualitätsunterschied? Was bestimmt somit die Qualität einer Lebensform und wie kann man sie bewerten?

Nur eine Lebensform, die die Fähigkeit hat, zwischen den in unserer irdischen Welt für sie vorhandenen Gestaltungsmöglichkeiten auszuwählen, ist in der Lage, die eigene Lebensqualität zu bestimmen, d. h. selbstbestimmt zu gestalten und zu verändern. Lebensqualität wird bestimmt durch die Entscheidungsfreiheit in der Auswahl aus der Fülle der Möglichkeiten sein Leben nach eigenen Kriterien zu gestalten.
Diese Entscheidungsfreiheit ist offensichtlich nur uns Menschen in einem umfassenden Rahmen nach Zeit, Ort und Art gegeben. Alle anderen Lebensformen sind von Natur aus in sehr engen Grenzen von Zeit, Ort und Art gebunden. Pflanzen haben keinen eigenen Gestaltungsspielraum. Sie unterliegen in ihrem Entstehen, Wachsen und Absterben den von der Natur vorgegebenen Begrenzungen. Tiere haben einen Mobilitätsspielraum, d. h. sie können sich nach Zeit und Ort verändern. Schon dieser Spielraum kann sehr begrenzt sein. Fische sind an bestimmte Gewässer gebunden. Landtiere haben in der Regel vorgegebene geographische Lebensräume, d. h. ihre Wanderungsbewegungen sind von der Fähigkeit zur Überwindung geologischer Hindernisse und den Ernährungsmöglichkeiten abhängig.

Der Grad der Möglichkeiten des Menschen, sein Leben nach zeitlichen, örtlichen und inhaltlichen Parametern zu bestimmen und zu gestalten, erschließt ihm die selbstverantwortliche Lebensqualität. „Die Vernunftfähigkeit des Menschen“ [2] hebt ihn gemäß dem göttlichen Schöpfungsgedanken über alle anderen Lebewesen hinaus.

Die Entwicklung der geistigen schöpferischen Fähigkeiten des menschlichen Individuums findet zwar in einem sozialen Umfeld statt, aber die kreativen Prozesse, womit ein einzelner Mensch praktisch gültige Entdeckungen hervorzubringen vermag, sind Vorgänge der Gedankenerzeugung, die sich nachweisbar gänzlich im Inneren jedes Menschen vollziehen. Daher sind diese schöpferischen Fähigkeiten jedes Menschen souveräne Fähigkeiten jedes einzelnen Menschen, in dem dieser göttliche Funke schöpferischer Vernunftbegabung entwickelt wird.
Die Hauptbedeutung dieser schöpferischen Vernunftbegabung liegt ebenso in den schöpferischen wissenschaftlichen und entsprechender künstlerischen Entwicklungen, wie in der praktischen Gestaltung unseres Lebens und ist damit eine unverzichtbare Voraussetzung zur Erfüllung des dem Menschen in der Schöpfungsgeschichte auferlegten Gebotes.

Dieses schöpferische Denken im Gegensatz zum puren Nachdenken, Überlegen und Verstehen bildet die Grundlage unseres irdischen Daseins und erhebt den Menschen über alle anderen Gattungen und Arten von Lebewesen. Es ist also falsch den letzen Frosch als dem Menschen gleichberechtigtes Wesen zu betrachten, womit allerdings auch nicht seine sinnlose Vernichtung gerechtfertigt werden kann. Als die Menschen die Tiere noch als Teil ihrer Existenz betrachteten, kannten sie das Gebot: „Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie Du den Schmerz“. Sie gingen pfleglich mit der Tierwelt um, was sich bis zum heutigen Tage als ethische und wirtschaftliche Grundlage für das Jagdgewerbe erhalten hat.

Nur wenn das Verhalten der menschlichen Gesellschaft durch die Gabe der schöpferischen Vernunft gelenkt wird, kann die menschliche Gattung überhaupt existieren, ist sie fähig als „Abbild Gottes“ zu überleben. Durch die schöpferische Vernunft, die Gott dem Menschen verliehen hat, sind wir Menschen zur Teilhabe an seiner unendlichen Schöpfungstätigkeit berufen. Ja, wird sind in dem uns zugewiesenen Bereich zur Mitwirkung aufgerufen. Eine fortdauernde Mitwirkung und Weiterentwicklung im Schöpfungsprozeß stellen die ungezählten genialen Entdeckungen in den Naturwissenschaften und der Technik sowie die unvergleichlichen kulturellen Leistungen in Dichtung, Musik und Malerei dar. Diese aus schöpferischer Vernunft hervorgegangenen Leistungen zeigen aber auch, daß die zugrundeliegenden naturgesetzlichen Prozesse vom Menschen zwar entdeckt, aber niemals erschaffen werden können. Was Naturwissenschaft und Technik vermag ist zwar sehr viel, aber immer nur eine Kombination oder Variation von in der Natur vorgegebener Gesetzmäßigkeiten.

Insofern sind wir zwar Gottes Mitschöpfer, aber immer nur in Abhängigkeit von ihm. Kündigt der Mensch diese Abhängigkeit auf, so führt dies zwangsläufig zu Verzerrungen, Irrwegen und immer in eine Sackgasse.
Nun erkennen wir auch, daß Gottes Auftrag „macht Euch die Erde untertan“ ohne die schöpferische Vernunft nicht möglich wäre. In der Erfüllung dieses Auftrages hat der Mensch große Fortschritte gemacht. Die Herausforderung und unsere Aufgabe ist es, die Leistungen der schöpferischen Vernunft als Gaben Gottes zu sehen und uns ihrer zu bedienen.

Papst Johannes Paul II. schreibt bereits 1981 in seiner Enzyklika LABOREM EXERCENS: Wir brauchen „eine Beziehung zur Technik, zu jener Welt der Mechanismen und Maschinen, die Frucht der Verstandesarbeit des Menschen und eine geschichtliche Bestätigung seiner Herrschaft über die Natur sind.“

Das Recht des Menschen auf schöpferische Arbeit ist ein Naturrecht. Es impliziert aber auch gleichzeitig die Pflicht zur Arbeit, d. h. im Rahmen der individuellen Leistungsfähigkeit auch eine entsprechende Leistungsbereitschaft aufzubringen.
Das Naturrecht im Sinne des christlichen Humanismus steht im Gegensatz zum säkularen Humanismus und beinhaltet das Recht der Menschen und Nationen auf die Früchte ihrer schöpferischen Arbeit. Dabei entsteht wahrer Reichtum nicht oder allenfalls vorübergehend in der Hervorbringung vergänglicher Güter, welche verbraucht werden oder aus der Mode kommen, sondern in dem Potential mit welchem eine Gesellschaft ihre Leistungen pro Kopf und m² für die künftigen Generationen vergrößern kann. Diese schöpferische Leistungskraft erst schafft die Grundlage für die Erfüllung des Schöpfungsauftrages, einer stetig wachsenden Bevölkerung ein Leben in Freiheit, Frieden, Recht und Wohlstand zu garantieren.

Nun, der säkularisierte Mensch hat aus dem Schöpfungsgedanken „…als Abbild Gottes..“ „…sich die Welt untertan…“ zu machen, abgeleitet, er sei Gott gleich und damit von Gott unabhängig, ja letztlich sei er Gott selbst. Hans Graf Huyn hat in seinem sehr beachtenswerten Buch „Ihr werdet sein wie Gott“ den furchtbaren Irrtum des modernen Menschen von der Aufklärung über die Französische Revolution bis heute nachgezeichnet. Die Loslösung des Einzelnen, des Staates und der Völker aus der Verbindung zu Gott und den religiösen Bindungen zur Kirche, die Verweltlichung des Menschen, seine ausschließliche Hinwendung zu einem irdischen Diesseits haben zur geistigen Säkularisation geführt, mit den verheerenden Folgen des 20. Jahrhunderts.

Von der Gestaltung eines Lebens in Freiheit, Frieden, Recht und Wohlstand sind wir auf dieser Welt noch weit entfernt und werden es auch niemals schaffen, wenn wir in unserem Denken nicht zurückfinden zu dem Ursprung unseres Daseins und seinem Schöpfungsauftrag. Wenn wir es aber nicht schaffen, wird ein Überleben der Gattung Mensch nicht möglich sein und dies ist die apokalyptische Dimension, der nur durch eine Erneuerung in christlich – abendländischer Verantwortung begegnet werden kann.

Selbstbestimmte Lebensqualität

Seit Urzeiten haben Menschen sich darum bemüht, ihre Situation in dieser irdischen Welt zu erfassen und zu gestalten. Dabei war der Mensch in allen Lebensbereichen stetigen Veränderungen unterworfen.
Die Entstehung bodenständiger Bevölkerungsschichten und der Übergang zu städtischen Kulturen, die Ablösung handwerklicher, ständischer Gemeinschaften und die Umschichtung vorindustrieller zu industriellen Gesellschaftsstrukturen und schließlich zu modernen Informationsgesellschaften, sind Entwicklungslinien zu unseren heutigen Wirtschafts- und Sozialstrukturen, die uns in eine scheinbare Ausweglosigkeit geführt haben.

Der Übergang vom Nomadendasein zur seßhaften Landbebauung brachte in der Menschheitsgeschichte eine kulturrevolutionäre Inovationswelle der Agrarwirtschaft, die vergleichbar ist der Zivilisationswelle, welche durch die industriellen Revolution ab dem 17. Jahrhundert ausgelöst wurde. Dabei ist es für die historischen Entwicklungslinien gleichgültig, wo genau die unter Historikern umstrittenen Ursprünge der einzelnen Zivilisationswellen begannen.

Sicher ist, daß mit dem Entstehen der ,,exakten Naturwissenschaften” vor etwa dreihundert Jahren eine technische Inovationswelle in Gang gesetzt wurde, die von ,,geistigen Wenden” begleitet, einen Zivilisationsschub auslösten, der über die Aufklärung und Säkularisation zu einem materialistischen, sozialistisch – liberalistischen und atheistischen Weltbild führte, welches schließlich in unserer Zeit in einer geistigen Sackgasse endete.

Das System welches wir heute als ,,Massengesellschaft” mit einer ,,Massenproduktion” für einen ,,Massenkonsum” von ,,Massenmedien” gesteuert, nicht mehr beherrschen, ist durch einen souveränen Willen der „Volksmasse“ und nicht mehr von transzendenten, religiösen Mächten bestimmt.

Diese Entwicklung findet auch ihren Niederschlag in der Veränderung der Gemeinschaftsstrukturen von der altertümlichen Sippe (Großfamilie) über die mittelalterliche, bäuerliche Mehrgenerationen – Familie zur neuzeitlichen Kleinfamilie mit maximal zwei Kindern, bzw. einer kinderlosen Ehe – Familie, zu ,,Alleinerziehenden” mit einem Kind und schließlich zur künftigen familienlosen „Single“ – Gesellschaft.

Wohnbevölkerung Deutschland

Abb. 1: Gesamtverteilung der Wohnbevölkerung in Deutschland nach Familienform und Haushalten in v.H. der Gesamtbevölkerung
Quelle: Staatistisches Bundesamt 1998; Stand April 1997 (Mikrosensus)

In der heutigen Zeit finden die Veränderung in einem Umfange und mit einer Geschwindigkeit statt, die den Menschen zu überfordern drohen und ihn nur noch durch lebenslanges Lernen und Anpassen zum selbständigen Gestalter dieser Veränderungen befähigen.

Dabei wird die Homogenität der ersten und zweiten Zivilisationswelle durch die Heterogenität der aufkommenden dritten Zivilisationswelle abgelöst. Dies geschieht, gestützt auf eine unbegrenzte Mobilität, im Rahmen einer auf Globalisierung ausgerichtet Wirtschafts- und Finanzwelt. Die hoch technisierte Mobilität der Neuzeit hat die Menschen wieder zu heimatlosen Nomaden, bzw. zu „Weltvagabunden“ gemacht.

Die Beurteilung dessen was zur Bestimmung der Lebensqualität gehört, unterliegt dem Wandel des Zeitgeistes und ist abhängig von dem Bild welches wir uns vom Leben machen. Komplizierte und unüberschaubare Vorstellungen vom „richtigen“ und „erfüllten“ Leben sind so zahlreich wie die kulturellen Entfaltungen auf dieser Erde. Sie wurden vor allem durch theologische, philosophische und soziologische Ideologien geprägt. Dabei spielten die Fragen nach dem Sinn des Lebens eine entscheidende Rolle.

In der Moderne hat sich der Begriff der Lebensqualität vom erkennen des Sinnes des eigenen Lebens, seiner Verinnerlichung und dem ständigen sich selbst fordern zu seiner Verbesserung, zu einer Forderung nach immer höherem Lebensstandard gewandelt. Wir haben es immer weniger mit einer höher Qualifizierung des Menschenbildes durch Bildung der Menschlichkeit an einem ganzheitlich verstandenen Humanismus und immer mehr mit einer säkularisierten Auffassung von einer materiellen Befriedigung tatsächlicher oder vermeintlicher Lebensbedürfnisse zu tun. Man spricht daher auch gerne von einer „Neuen Lebensqualität“, d. h. von Sozialkonzepten die mehr nach dem Prinzip der Solidarität als Subsidiarität entwickelt werden. Lebensqualität wird nicht mehr von dem, von der Natur her abgeleiteten Sinn des Lebens definiert und in die Lebenswirklichkeit umgesetzt, sondern von den Veränderungen materieller Lebensbedingungen.
Die Ursachen sind in den Veränderungen in den Einstellungen und Überzeugungen, dem Wandel der Werte und Prinzipien zu finden.
„Die kulturrevolutionären Auseinandersetzungen seit Ende der 60er Jahre mit ihrer Werterevision und Werteerosion hat in zwei relevanten … Ethikkrisen, nämlich in

  • einem Anspruchsdenken und in
  • einer niedrigen Hemmschwelle für Betrug ihren Niederschlag gefunden.“ [3]

Was Not tut, was wir zuerst und am allernotwendigsten brauchen, sind Verpflichtungen auf Grundwerte, die Leitlinien für grundsätzliches wie tägliches Tun und Lassen sind. Ein bewußter Versuch, Werte selbst zu schaffen, ein selbstgemachtes Wertesystem aufzubauen, wird entweder wegen mangelnder Konsensfähigkeit scheitern oder aber allenfalls für eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten Gültigkeit erlangen.

Wenn wir aber auf die Werte- und Ordnungssysteme zurückgreifen, die uns im Verlauf der Schöpfungs- und Heilsgeschichte enthüllt wurden und die wir in einer zweitausendjährigen christlich – abendländischen Geschichte entwickelt haben, werden wir uns zumindest auf eine höhere Autorität berufen dürfen. Es ist kein von Menschen gemachtes soziologisches Gebäude, das auf einer künstlich konstruierten Wirklichkeit aufbaut, sondern ein Bezugssystem, das uns von Gott in der Bibel vermittelt wurde, welches eine von der Schöpfungsgeschichte vorgegebene Grundlage hat. Wenn wir universal verbindliche Werte haben wollen, müssen wir uns an die von Gott gegebene Ordnung halten.

Und wie geht es nun weiter?

Dies scheint die entscheidende Frage zu sein, die heute mehr Menschen in unserem Lande bewegt, als dies noch vor Jahren der Fall war. In welche Richtung wird sich die Entwicklung unter den neuen politischen Machtverhältnissen bewegen und welche Möglichkeiten einer Beeinflussung der Politik im Interesse und zum Wohle des deutschen Volkes bestehen noch? Politische Wendepunkte waren auch immer wirtschaftlich Wendepunkte und vice versa. Sie haben auch immer zu kulturellen Veränderungen geführt. Dies kann an einer Reihe von herausragenden Problemfeldern deutlich gemacht werden.

1. Überbevölkerung, demographischer Wandel und Migration.

a) Das auf Robert Malthus (1766 – 1834) zurückgehende Gesetz der Bevölkerung in Beziehung zur künftigen Gestaltung der Gesellschaft besagt, daß die Menschheit die Tendenz habe, sich in geometrischer Reihe in der Generationenfolge zu verdoppeln, wohingegen die Nahrungsquellen sich in den gleichen Zeiträumen allenfalls in arithmetischer Reihe vermehren können. Daraus leitet sich der Gegensatz zwischen Bedürfnissen und Mitteln zu ihrer Befriedung ab, d. h. die Erde verliert eines Tages die Fähigkeit eine Überbevölkerung zu ernähren und zu erhalten. Die Welt droht unter einer Überbevölkerung zu ersticken. Aus dieser Argumentationskette speisen sich alle modernen Theorien über die Grenzen des Wachstum und ihre ökologischen Folgen.In der Tat ist in den letzten 250 Jahren, also im Verlauf von rd. 10 Generationen, die Bevölkerung zwar nicht gemäß der geometrischen Reihe von Malthus gewachsen, sie hat sich aber immerhin von rd. 1 Milliarde auf 6 Milliarden vermehrt. Dies muß nach statistischen Angabe etwa Mitte 1999 eingetreten sein, ohne daß man es mit besonderen Feierlichkeiten zur Begrüßung des 6milliardsten Erdenbürgers zu Kenntnis genommen hätte.

Zur Verdoppelung der ersten Milliarde hat es ca. 150 Jahre bis 1930 gedauert. Dann folgte im Abstand von 30 Jahren bis 1960 die dritte Milliarde, in weiteren 15 Jahren bis 1975 die vierten Milliarde, und dann in 12 Jahren bis 1987 die fünfte Milliarde und schließlich wieder in zwölf Jahren bis 1999 die sechste Milliarden. Nach UN – Schätzungen soll die siebte Milliarde etwa 2013 und die achte Milliarde im Jahre 2033 voll werden. Rekapituliere wir:

  • für die erste Verdoppelung von 1 auf 2 Milliarden = 150 Jahre
  • für die zweite Verdoppelung von 2 auf 4 Milliarden = 45 Jahre
  • für die dritte Verdoppelung von 4 auf 8 Milliarden = 58 Jahre

Der Kulminationspunkt scheint also überschritten und die Intervalle werden wieder länger. Auf keinen Fall fand die Verdoppelung im Generationenrythmus von 25 Jahren statt. Hätte Malthus recht behalten, müßten wir heute rd. 1 Billion Menschen auf dieser Erde ernähren.

Wenngleich ungezählte revolutionäre und kriegerische Auseinandersetzungen mit ihren ebenso ungezählten Millionen von Toten einen gewissen Anteil an dem reduzierten Bevölkerungswachstum haben, sind die entscheidenden Faktoren die wirtschaftlichen und medizinischen Rahmenbedingungen, warum es einhundertundfünfzig Jahren gedauert hat, bis die erste Verdoppelung der Bevölkerung eingetreten ist.

Erst mit der sprunghaften technologischen Verbesserung der Lebensbedingungen und Lebenserwartungen ist es zu einem ebenso sprunghaften Wachstum der Menschheit gekommen. Das inzwischen langsamere Wachstum entsteht vor allem in den sogenannten reichen Industrienationen, wo der Wohlstandsanspruch in Verbindung mit entsprechenden Möglichkeiten der Empfängnisverhütung und einer millionenfachen Abtreibungspraxis abgesichert werden, während in den Armutsländern nach wie vor von einem hohen Bevölkerungswachstum ausgegangen werden muß. Diesem wollen die sozialistischen wie liberalistischen Weltverbesserer mit einer zunehmenden Politik der Geburtenkontrolle begegnen.

b) Wenn man die Entwicklung einmal umgekehrt betrachtet, d. h. die Malthusianische Theorie gewissermaßen auf den Kopf stellt und annimmt, daß die Weltbevölkerung sich insgesamt auf die Reproduktionsrate der Industrienationen, also auf unter zwei Kinder pro Elternpaar einstellt, dann könnte man ebenso mathematisch ausrechnen, wann die Menschheit auf ein nicht mehr überlebensfähiges Niveau geschrumpft sein würde. Dies ist keine rein theoretische Annahme, denn sie ist bereits heute für Deutschland und die meisten Industriestaaten nachweisbar.Gemäß der Bundestags – Enquête – Kommission leben 1999 in der Bundesrepublik 83,6 Millionen Menschen, davon 72,0 Million Deutsche und 13,6 Millionen Ausländer. Für das Jahr 2050 wird ein Schrumpfen der Bevölkerung auf 69,0 Millionen prognostiziert, d. h. rd. 15 Millionen oder 18 % weniger, wobei die Deutschen Stammbevölkerung auf 42,0 Millionen oder um 41,7 % abnehmen, während die Ausländer auf 27,0 Millionen ansteigend, d. h. praktisch verdoppeln werden.

Bevölkerungsprognose in Deutschland

Bevölkerungsprognose für Deutschland bis 2050 getrennt nach deutscher Stammbevölkerung und ausländischem Bevölkerungsanteil.

Quelle: Alois Mitterer, Abschied von Deutschland, Zum Scheitern der Enquête – Kommission “Demographischer Wandel” des Deutschen Bundestages. [4]

Trotz absolut ansteigendem Ausländeranteil kann der Rückgang der deutschen Bevölkerung nicht kompensiert werden, weil auch die eingebürgerten Deutschen ausländischer Abstammung bereits heute sich auf eine Reproduktionsrate der deutschen Ursprungsbevölkerung umstellen. Und dies gilt im übertragenen Sinne für mehr oder weniger alle europäischen Nationen und alle Industrienationen der Welt.

Kommen wir zu der zweiten These von Malthus, das die wachsende Bevölkerung von unserer Mutter Erde nicht mehr ernährt werden kann und die Ressourcen unserer wirtschaftlichen Entfaltung nur eine überschaubare endliche Größe haben.
Bereits Rudolf von Delbrück (1817 – 1903), Mitarbeiter von Bismarck und Präsident des Reichskanzleramtes stellte statistisch fest, daß die Möglichkeit, aus dem Boden zusätzlich Früchte zu ziehen, im 19. Jahrhundert sich so vermehrt und verstärkt hatte, daß man ohne weiteres eine zusätzliche Bevölkerung hätte ernähren könne.

Andererseits hatte Franz Oppenheimer (1864 –1943), liberaler Nationalökonom, darauf hingewiesen, daß Malthus einen tragenden Faktor übersehen habe: Nämlich, daß die Menschen immer neue Methoden ersinnen, um sich genügend zu ernähren. Die Forschertätigkeit überkompensiere bei weitem die hemmende Kraft des Bodens. Zwar ist das Gesetz des abnehmenden Bodenertrags nicht anzugreifen, aber das Opti-mum des Bodenertrags wird durch den Menschen nach oben verschoben. Außerdem führt Oppenheimer an, daß nicht nur der Boden ein Ernährungsfaktor des Menschen ist, sondern die ganze organische Natur: Wasser, Luft, Tiere.

Auch die letzteren hätten einen sehr starken Trieb zur Vermehrung und dies würde von den Menschen noch begünstigt und bewirtschaftet. Es kommt, ernährungswirtschaftlich betrachtet, darauf an, wieviel Menschen pro Fläche sich aus dieser ernähren müssen und wie wir heute wissen, mit welchen technologischen Möglichkeiten die Nahrungsmittel vermehrt werden können. Die Malthusianer verkennen, daß wir die Möglichkeit hätten eine wesentlich größere Weltbevölkerung zu erhalten, die man bereits heute auf 12 bis 14 Milliarden beziffert, wobei die Prognosen sich laufend erhöhen.

c) Es besteht ein sachlicher Zusammenhang zwischen Überbevölkerung und demographischem Wandel einerseits und Migration andererseits. Die deutsche Bevölkerung befindet sich in der Phase vom “demographischen Übergang” zum “demographischen Untergang”. Das deutsche demographische Problem bildet mit dem “Genosuizid” der deutschen Bevölkerung die eigentliche ethnische, kulturelle, soziale und wirtschaftli¬che Herausforderung für die Politik und Gesellschaft. Die bisherige bzw. derzeitige Problemstellungen sind nur die Spitze eines Eisberges, der in den kommenden Jahrzehnten hoch¬steigen wird.

Die Zuwanderungsbewegungen sind in Wirklichkeit eine wirtschaftliche und kulturelle Unterwanderungsbewegung, bei der sich nur ein Teil der Zuwanderer wie Flugsand über der Bundesrepublik ablagert, während der größere Teil wieder in die Heimatländer zurückwandert. Das Ausländerprohlem ist kein Asylproblem, sondern aus Sicht der Zuwanderer ein wirtschaftliches und aus deutscher Sicht ein politisch -kulturelles Problem.
Die überdurchschnittliche politische Emotionalisierung des Ausländerthemas der 90er Jahre fand in den Vorperioden keinen oder nur begrenzten Rückhalt in der Bevölkerung und bedarf der objektiven Aufarbeitung. Eine verbreitete und tief in unserem Volke verwurzelte Ausländerfeindlichkeit ist jedenfalls eine mediale Mär.

Folgt man den Prognosen, so wird sich das Integrationsproblem in dreißig bis fünfzig Jahren von der Aufgabenstellung einer Integration der Zuwanderer in die deutsche Gesellschaft zu einer Integration der deutschstämmigen Ursprungsgesellschaft in eine multiethnische und multikulturelle Zukunftsbevölkerung gewandelt haben. Wir stehen erst am Anfang und verkennen noch immer, daß das Integrationsproblem ein zweiseitiges Anliegen darstellt:

  • einmal die aufnehmende Integrationsbereitschaft der deutschen Bevölkerung, die um ihre eigene kulturelle Identität und ihre wirtschaftliche Überforderung fürchtet und
  • zum anderen, um die Integrationsfähigkeit einer vielschichtigen kulturellen Herkunft der Migrantinnen und Migranten sowie deren Integrationswilligkeit.

Man hat seitens der deutschen Kulturbehörden entweder fahrlässig oder bewußt zu spät erkannt, daß z. Bp. in islamischen Ländern Religion keine Privatsache ist, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Identität. Man hat nicht erkannt, oder nicht erkennen wollen, daß Religionsunterricht für die islamische Minderheit, die hier in einer andersgläubigen, dazu noch säkularen Umwelt leben muß, gleichbedeutend ist mit Identitätsunterricht. Der Islam ist auf seine Erteilung angewiesen, wenn er unter den Bedingungen der europäischen Gesellschaft überleben will.

Jedenfalls sind die bisherigen Integrationsbemühungen in Deutschland als gescheitert zu betrachten.

Einen besonderen wirtschaftlicher Vorteil aus der Anwesenheit der fast zehn Millionen Ausländer kann für Deutschland weder für die Vergangenheit noch die Zukunft überzeugend nachgewiesen werden. Alle diesbezüglich vorgebrachten Argumente entbehren der sachlich nachprüfbaren Verifizierung und bedürfen des Nachweises durch diejenigen, die sie in die Diskussion einbringen. Im Gegenteil bedarf es mit steigender Migration und angestrebter Integration steigender öffentlicher Aufwendungen, die zudem durch die hohe Fluktuation der Migranten der Gesamtwirtschaft mittel bis langfristig verloren gehen.

Deutschland geht ebenso wie die meisten europäischen Staaten einem Abgrund ent¬gegen, indem sie ihre Länder allen Migrationsströmen öffnen, ohne dabei ernsthaft der Frage nachzuspüren, was dies bei der enormen ethnischen und kulturellen Ver¬schiedenheit der Durch und Zuwanderer für die eigene ethnische und kulturelle Identität bedeutet. Die zunehmende Entsolidarisierung der Gesellschaft sind nur eine Folge.

2. Gesellschaftliche Überforderung der Wirtschaft

Wenn man die Literatur und Presse über Wirtschafts- und Sozialfragen aufmerksam verfolgt, kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, daß der wirtschaftliche Zusammenbruch unmittelbar bevorstehe. Wirtschafts- und Sozialfragen haben sehr viel mit Psychologie zu tun und unterliegen der individuellen mentalen Veranlagung wie der persönlichen wirtschaftlichen Interessenlage. Die objektive Wahrheit liegt auch hier, wie so häufig, zwischen Optimismus und Pessimismus, zwischen Übertreibung und Sorglosigkeit mehr oder weniger in der Mitte.

a) Weshalb fragen wir nach den wirtschaftlichen und sozialen Problemlagen? Einfach deshalb, weil die Interdependenz, d. h. der sachliche und psychologische Zusammenhang und die gegenseitige Abhängigkeit so fundamental sind, daß sie sich nicht nur gegenseitig bedingen, sondern in ihrer unmittelbaren Wirkung auf den einzelnen Menschen wie die Gesellschaft als Ganzes, sowohl in regionaler wie internationaler Entwicklung von entscheidender Bedeutung für das Zusammenleben der Menschen bis hin zu der Entscheidung über Krieg oder Frieden sind. Und in der Tat haben alle gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Menschheitsgeschichte im Kern ihre Ursache in wirtschaftlichen und sozialen Unterschieden, Interessen und Spannungen gehabt. Die entscheidenden Veränderungen in der Neuzeit sind allerdings verbunden mit einem säkularen Wandel der kulturellen Werte und den Sinnfragen des Lebens. Wir haben die Kultur ersetzt durch Zivilisation. Die Menschen werden nur noch als Produzenten, Konsumenten und Sozialempfänger gesehen.

Dies hat zu einer Situation geführt, die der Sozialphilosoph Günther Rohrmoser wie folgt beschreibt:

„… nämlich, daß es nichts mehr auf der Welt gibt, dass nicht dem Herrschaftsprinzip der Ökonomie unterworfen ist. Es gibt bald keinen relevanten Lebens- und Sachverhalt mehr, der nicht seinen Preis hat und der darum in entsprechenden Geldwerten ausgedrückt werden kann. Hinsichtlich dieser Herrschaft des ökonomischen Prinzips unterscheiden sich im Übrigen die Sozialisten von den Liberalen überhaupt nicht.“

Dieser Prozeß der Ökonomisierung ist zugleich Ursache und Wirkung der „One World Politik“, d. h. eines planetarischen Unifizierungsprozeßes, in dem alles was nicht dem Handel und dem Kapital unterworfen ist, verschwinden soll, – letztlich also jene Werte christlich – abendländischer Kultur die in Völker und Nationen die Realisierung ihrer Seinsvorstellungen sucht.
Rohrmoser verweist jedoch auf ein tröstliches Zeichen, wenn er hinzufügt:

„Wir dürfen aber nicht die Zeichen übersehen, die darauf schließen lassen, daß die Völker und Kulturen, ihrem Verschwinden in diesem homogenisierenden ökonomischen Weltprozeß nicht widerstandslos zusehen werden.“ [5]

Auf die Bundesrepublik Deutschland bezogen bedeutet dies in der Nachkriegsgeschichte, daß dem Aufstieg zu Wohlstand, Lebensfreude und Zukunftshoffnung in einem „Wirtschaftswunder der sozialen Marktwirtschaft“ aus dem Nichts heraus, nunmehr der „Rückgang in eine Wirtschaftskrise“ mit Wohlstandsverlusten, Lebensbeklemmungen und Zukunftsängsten folgt.

Die 50er und 60er Jahre dieses Jahrhunderts wurden in Deutschland geprägt

  • durch die Überwindung der Kriegsfolge- und Vertriebenenlasten,
  • durch eine Arbeitslosenquote von unter 1 bis 2 % die man allgemein als Fluktuations- oder Überbrückungsarbeitslosigkeit bezeichnete,
  • durch ständig steigende Realeinkommen,
  • durch kreative Entwicklung sozialer Netze, und dies
  • bei solider Haushaltsführung der öffentlichen Verwaltungen.
    Die einsetzende Wirtschaftskrise in den 70er Jahren und ihre Verschärfung in den 80er und 90er Jahren ist sicherlich auch beeinflußt durch exogene Weltmarkteinflüsse wie der allgemeinen Energieverteurung aber vor allem hausgemacht durch die lohnkosten- und abgabelastigen Standortprobleme sowie unsolide Haushaltsführung, wobei die „Folgelasten der Deutsche Einheit“ durch eine laienhaft zu nennende Politik unermesslich überhöht angefallen sind.
    In dieser Situation stoßen die Bemühungen um eine Erhaltung und Verbesserung der Lebensqualität an die Grenzen des finanziell machbaren.

b) Lebensqualität sichern bedeutet, jene Leistungen zu erbringen, die für die Erhaltung des erreichten materiellen und kulturellen Lebensstandard erforderlich sind. Insoweit dies seit Jahrzehnten nicht mehr durch persönliche Eigenleistung sondern durch Umverteilungen und staatlichen Transfer sichergestellt wurde, hätte zumindest die volkswirtschaftliche Gesamtleistung die notwendige Mittelbereitstellung sicherstellen müssen. Da dies ebenfalls seit Jahrzehnten durch eine gesellschafts- und sozialpolitische Überforderung nicht mehr möglich war, ist eine unverantwortliche staatliche Überschuldung eingetreten.

Wir stehen also vor der Alternative, entweder die materiellen Ansprüche an unseren Lebensstandard zurückzuschrauben oder einen Weg zu einer höheren volkswirtschaftlichen Gesamtleistung zu finden. Dabei spielen natürlich Fragen nach dem Geldtransfer ohne Gegenleistung an supranationale Institutionen und andere Länder eine ebenso wichtige Rolle wie die Migrationskosten und die Auswirkungen der Globalisierung auf das Wirtschafts- und Finanzsystems.

Wie die Entwicklung zeigt, geht dieser Anpassungsprozeß bereits an die Substanz solcher Lebensbereiche, in denen Veränderungen, bzw. große Umbrüche die unabdingbaren Erwartungen der Bevölkerung an ihre Lebensqualität tangieren. Das sind die Wertefelder des Arbeitseinkommens, der Gesundheit und der Altersversorgung. Eine Gesellschaft die diese fundamentalen Bereiche nicht mehr sichern kann, laboriert sowohl an der Qualität des Lebens wie an der Lebensqualität herum. Und dies genau ist unsere gegenwärtige Situation.

3. Die moralische Dekadenz

Wenn die öffentliche Moral im allgemeinen sowie die Staatsmoral im besonderen ihre moralische Vorbildfunktion nicht mehr wahrnimmt, ist jeder moralische Imperativ an den einzelnen eine hoffnungslose Überforderung des einzelnen. Die Qualität des Lebens ist aber auf Vertrauen untereinander gegründet. Ohne ein solches Vertrauen in die Ehrlichkeit und Redlichkeit der Mitmenschen kann auf Dauer keine positive Entwicklung entstehen.

a) Die öffentlich – rechtlichen Organe und Institutionen handeln, als würde es keine Rechts- und Moralsysteme geben, wie sie in der Verfassung und in den rechtlichen Rahmenbedingungen vorgegeben sind, die ein moralisch richtiges Verhalten in komplexen anonymen Gesellschaften möglich machen. Wie sonst kann die demokratische Selbstbedienung der Politik erklärt werden, die nachweisbar Milliarden DM jährlich aus Steuergeldern für ihre Parteien einstreicht, nachdem die Gerichte den unseligen Parteispendenaffären einen gewissen Riegel vorgeschoben haben? Wie sonst kann die sich anbahnende schleichende Enteignung erklärt werden, die insbesondere gegen die Erbengeneration mit den Änderungen der Erbschaftssteuer gerichtet ist? Damit wird die nächsten Generationen neben der Aushöhlung des sogenannten Generationenvertrages in der Rentenversorgung zusätzlich belastet. Gleiches gilt für die leichtfertige Anhäufung der Staatsverschuldung, die von Generationen nicht mehr zu bezahlen sein wird. Dies sind nur Beispiele, die vorwiegend eine unmoralische Belastung der nächsten Generation betreffen, die unserem besonderen Schutz unterliegen sollte. Ihre Lebensqualität wird unverantwortlich vorbelastet.

b) Moralisches Verhalten verlangt nun einmal die selbstdisziplinierende Orientierung an ethischen Maßstäben. Von daher gesehen ist es eine Überforderung der Wirtschaft und der sie gestaltenden Kräfte, das Gewicht ihrer Überlegungen bei der Ausgestaltung der Unternehmenspolitik auf ethisch – moralische Verpflichtungen hin zu verlagern. Dies vor allem dann, wenn zum Beispiel das Subventionsgestrüpp und der undurchsichtige Wirrwarr an Finanzhilfen in Deutschland, bei der Europäischen Gemeinschaft und im internationalen Rahmen Betrüger und Gauner dazu verlocken, im großen Stil abzukassieren. Ungerechtfertigte Bereicherung, Korruption und Betrug haben zu eine Milliardengrab finanzieller Mittel geführt. Wirtschaftsmoral ist im weitesten Sinne eine Ausdrucksform der Gesellschaftsmoral und nicht etwa eine von dieser unabhängigen Komponente unseres Daseins.

c) Sich freiwillig selbst zu beschränken, sich nicht nur der gesetzten Ordnung zu unterwerfen und den Betrug abzulehnen, sondern sogar noch an hochgesteckten ethischen Maximen sein Verhalten zu orientieren, ist bei diesen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen schlichtweg eine Überforderung der sicherlich in jedem Menschen vorhandenen Gegenkräfte zum puren Egoismus. Wir brauchen eine moralische Erneuerung in unserer Gesellschaft, andernfalls werden sich die gesellschaftlichen Kosten als unbezahlbar erweisen.

Schlußfolgerungen

Der Mensch hat sich nicht nur das Recht angeeignet über die Ausgestaltung seines irdischen Lebens zu bestimmen, sondern auch über die Begrenzung menschlichen Lebens zu befinden. Damit greift er unmittelbar sowohl in die Qualität des Lebens wie auch in die Lebensqualität seiner selbst ein. Er fühlt sich absolut autonom und damit auch keiner überirdischen Instanz verantwortlich.

„Die Bedeutung, die Augustinus im Blick auf die Konstitution der ganzen europäischen Kultur zukommt, liegt darin, daß er zwischen der civitas dei, dem Reich Gottes, und der civitas terrena, dem Staat der Menschen, getrennt hat. Beide Reiche sind bei aller Nähe getrennt. Sie gehen von unterschiedlichen Ursprüngen aus, beide bewegen sich auf unterschiedlichen Wegen durchs Leben und auf unterschiedliche Ziele in dieser Geschichte zu, bis jenseits der Geschichte die saubere Scheidung der Bürger der civitas dei und der Bürger der civitas terrena aufgehoben wird.“ [6]

Wir müssen uns bewußt werden, daß das Lebens seinen Wert als Geschenk des Schöpfers erhält und von seinem Beginn an etwas mit seinem Ende, dem Tod zu tun hat und von daher der menschlichen Disposition entzogen ist. Es bedarf schon der religiösen Dimension, wenn man nicht oberflächlich auf Antworten ausweichen will, die sich mehr auf die irdische Lebensgestaltung, d. h. also auf die Lebensqualität beziehen.

Nur eine grundlegenden Debatte über den Wert menschlichen Lebens, des geborenen wie des ungeborenen, des gesunden wie des kranken, des jungen wie des alten Menschen – sie alle sind gleichwertig – kann aus der Verwirrung des Zeitgeistes herausführen. Ebensowenig kann die Frage nach dem Sinn des Lebens mit dem Hinweis beantwortet werden, daß es darauf vielfältige Denkmodelle und Antworten gebe.

Wenn wir keine Antwort finden, die über den Tod hinausreicht, werden wir auch schwerlich die Frage nach dem Sinn des Lebens beantworten können. Nur geboren zu werden, um die Leiden dieses irdischen Daseins zu durchleben, ergibt wohl kaum einen eigenen Sinn.

Die Qualität des Lebens ist Teil der civitas dei, die Lebensqualität dagegen Teil der civitas terrena. Beides wird „jenseits der Geschichte … aufgehoben“, d. h. mit dem Tode endet beides, die Qualität des Lebens ebenso wie Qualität der irdischen Lebensführung, um jenseits des irdischen Daseins in einem ewigen Leben zu verschmelzen.

Dies enthebt die Menschen aber nicht, sich verantwortungsbewußt der Gestaltung ihres irdischen Daseins zu stellen. Geht man dabei von der Gleichwertigkeit allen menschlichen Lebens aus, wird man nach Mittel und Wegen suchen müssen, um allen Menschen auch eine gleichwertige Lebensqualität zu ermöglichen. Vieles von dem, was wir heute als selbstverständlichen Lebensstandard in Anspruch nehmen, werden wir dabei in Frage stellen müssen. Wir müssen uns der Lagebeurteilung stellen und uns fragen, wohin der Weg wohl führen wird, bzw. wohin er unter welchen Bedingungen führen sollte? Welches sind die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Konfliktlinien und mit welchen Alternativen kann darauf reagiert werden.

Dazu gehört auch, daß die Wirtschaft als einer zentralen Säule unserer Kultur, Antworten auf die existenziellen Fragen der Menschheit aufzeigt. Wenn es nicht gelingt die nationalen Wirtschaftsordnungen im Verbund mit einer Weltwirtschaftsordnung so zu gestalten, daß sie ordentlich funktionieren und wirtschaftliche wie soziale Probleme lösen, denen die politischen Systeme erwiesenermaßen bisher nicht gewachsen waren, wird es keine Antwort auf den Kern der Frage nach der künftigen Entwicklung der Menschheit mehr geben. Damit münden auch alle Fragen nach künftigen Wirtschafts- und Sozialordnungen ebenso wie Theologie und Philosophie in apokalyptischen Dimensionen.

Fußnoten:

[1] Das Wort Qualität ist aus dem lat. qualitas entlehnt, welches von dem lat. qualis abgeleitet wurde und soviel bedeutet „wie beschaffen“. Die Qualität drückt also die „Beschaffenheit“ aus, womit der Wert, die Güte oder die Eigenschaft gemeint sind.

[2] Johann Gottfried Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, Deutscher Klassiker Verlag, 1989

[3] Haupt, Reinhard, Vom Wirtschaftswunder zur Wirtschaftskrise – Ursachen und Folgen des Werteverfalls, Vortrag 1998. W+W & GWE Seminar.

[4] Alois Mitterer, Abschied von Deutschland, Zum Scheitern der Enquête – Kommission „Demographioscher Wandel“ des Deutschen Bundestages, Argumentationspapier 1/1999, Friedenskomitee 2000, Starnberg, basierend auf den Daten des „Zweiten Zwischenberichtes der Equête – Kommission … Demographischer Wandel”, 1998.

[5] Rohrmoser, Günter, Das geistige Vakuum in Kultur und Politik als Herausforderung für die Christen, 1998, Gesellschaft für Kulturwissenschaften, Seite2 und 3.

[6] Günter Rohrmoser, Der Ernstfall, Die Krise unserer liberalen Republik, 1994, Ullstein Verlag, Berlin, Seite 530.

Veröffentlichungen des Autors:

  • Publikationen zu Problemen der industriellen Praxis sowie zu gesellschaftspolitischen und zeitpolitischen Fragen; u. a. Substanzerhaltung und Zukunftssicherung von Volk und Vaterland, 1996;
  • Soziale Leistungsgemeinschaft. Grundlagen innerdeutscher Einheit seit Otto von Bismarck, 1997;
  • Rittertun in der Postmoderne, 1998.