3. Rede Urban II. in Clermont

“Die Lehre Jesu Christi, welche das Abendland in ursprünglicher Reinheit bewahrt, ist auch Jahrhunderte lang in Asien frei verkündet und bekannt worden. Zwar hat das gerechte Bestreben, jede falsche Ansicht und Deutung zu vertilgen, uns bisweilen in Zwiespalt erscheinen lassen mit den Bewohnern jener Länder! Allein wir haben sie stets geachtet als Christen und nie vergessen, daß wir alle Brüder eines Hauses, Kinder eines Vaters sind.

Soll ich wiederholen, was jeder weiß? Wie jene über das Heidentum gewonnenen Länder den Christen wieder entrissen und eine Beate der Ungläubigen sind? Wer kann es hören ohne Jammer? – Und doch gibt es einen Schmerz, der noch tiefer, ein Unglück, das noch größer ist: denn auch Palästina und Jerusalem sind in den Händen der Feinde!

Der Erlöser unseres Geschlechts, welcher zum Heile aller menschlichen Wesen Leib und Gestalt annahm, wandelte in jenem auserwählten Lande. Jede Stelle ist dort geweiht durch die Worte, welche er gesprochen, durch die Wunder, welche er verrichtet hat; jede Zeile des alten und neuen Testamentes beweist, daß Palästina als Erbteil des Herren, und Jerusalem als der Sitz aller Heiligtümer und Geheimnisse, rein bleiben will von jeder Befleckung. Und diese Stadt, die Heimat Jesu Christi, die Wiege unseres Heils, ist nicht mehr teilhaft der Erlösung!

In dem Tempel, aus welchem Christus die Kaufleute vertrieb, damit das Heiligtum nicht verunreinigt würde, wird jetzt des Teufels Lehre öffentlich verkündet. – Wer darf noch zu Maria der Jungfrau flehen, wer in der Kirche des heiligen Grabes andächtig den anrufen, welcher dem Tode die Macht genommen hat?

Lasttiere stehen in den heiligen Gebäuden, und für die Erlaubnis, solch Elend zu schauen, verlangen die Frevler sogar noch schweren Zins. Die Gläubigen werden verfolgt, Priester geschlagen und getötet, Jungfrauen geschändet und gemartert. Wehe uns, wenn wir leben und solchem Unheile nicht steuern; besser ist sterben als der Brüder Untergang länger dulden! Jeder verleugne sich selbst und nehme Christi Kreuz auf sich, damit er Christum gewinne; kein Christ streite mehr wider den anderen, damit das Christentum selbst nicht untergehe, sondernverbreitet und gefördert werde. Es höre auf Mord und Feindschaft und Bedrückung; es beweise jeder Mut und Tapferkeit, nicht wo sie den Fluch, sondern wo wie Vergebung der Sünden und die Krone der Märtyrer erwerben. Keiner fürchte Gefahr, denn wer für den Herren streitet, dem sind die Kräfte der Feinde untertan, keiner fürchte Mangel und Not, denn wer den Herren gewinnt, ist überall reich, keiner lasse sich durch Klagen der Zurückbleibenden vom Zuge abhalten, denn die Gnade des Herren wird auch diese schützen!

(Hier wurde die Rede von dem Ruf unterbrochen: “Gott will es!” Danach verkündete der Papst):

Es gehen die Worte der Schrift in Erfüllung: wo auch nur zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, werde ich mitten unter ihnen sein; denn nur des Herren Einwirkung machte es möglich, daß der gleiche Eifer sich erzeugte in euch allen, und das gleiche Wort ausgesprochen wurde von jedem einzelnen. So möge dies Wort euer Feldgeschrei sein in jeder Gefahr, welche ihr übernehmet für die Lehre Christi, das Kreuz aber euer Zeichen zur Kraft und zur Demut. Des apostolischen Stuhles Fluch soll jeden treffen, der sich unterfängt das heiligste Unternehmen zu hindern; sein Beistand dagegen im Namen des Herrn eure Bahn ebnen und euch geleiten auf allen Wegen!”

(Nach ‘Reden, die die Welt bewegten, Stuttgart 1986)