Schutz des Lebens

Frühjahrskonvent 1998 in St. Augustin

Arnold-Janssen-Haus der Steyler Missionare vom 17. bis 19. April 1998

Die Mehrheit unserer Wohlstandgesellschaft glaubt, dass wir die Willensfreiheit genießen, dass diese Freiheit uns befähigt, zwischen Gutem und Bösen zu wählen und dass wir nur aus diesem Grund moralisch verantwortlich sind. Dies ist eines der Postulate des Atheismus. In Wirklichkeit aber zwingt die Geschichte des christlichen Abendlandes zu einem ernsthaften Nachdenken über das Böse.
Der „Rheinische Merkur“ zitierte 1998 Manfred Rommel,- ehemals Oberbürgermeister in Stuttgart, der zur Gottesleugnung angemerkt hat, „ dass der Atheismus nichts erklärt, dass zweckmäßig zu handeln nicht ausreicht, dass ein verbindliches Sittengesetz für den Menschen unabdingbar ist, dass Gott nachweisbar die Welt geschaffen hat, dass die Naturwissenschaften Gott nicht  widerlegen sondern überall auf ihn hinweisen.“

Das Christentum hat mit seiner langen, den westlichen Kulturkreis prägenden Geschichte den gesellschaftlichen Konsens geschaffen, dessen bindendes Element die Kraft der Religion ist. Diese christlichen Wertvorstellungen scheinen nicht mehr Allgemeingut zu sein. (significant: “Kruzifixurteil“), sie sind ins Wanken geraten, wie besonders die Grundsatzdiskussion über den „Schutz des Lebens“ aufzeigt.

Zu diesem Thema hörten wir unter anderem Frau Dr. Ursula Fuchs mit ihrem Vortrag:

Wem gehört der Mensch?

Die Referentin Frau Ursula Fuchs wies mit Recht darauf hin, dass sich in Zeiten wachsender technologischer Machbarkeiten diese Frage auf gefährliche Weise neu stellt. Denn mit der Gentechnik greife der Mensch tief, nachhaltiger und unumkehrbar in Evolution bzw. Schöpfung ein. Doch der Mensch ist nicht Schöpfer des Lebens. Gott ist und bleibt der Schöpfer des Lebens, darum dürfe der Mensch nicht über die Lebensbedingungen entscheiden.

Was bedeuten  für uns die Fragen: Gentechnik am Menschen – Internationale Papiere zur ethisch-rechtlichen Verregelung der neuen Technologien – Die Denkrichtung der sogenannten Bioethik.

Es gehe nicht darum, die Wissenschaft und Forschung zu verdammen, konstatierte Fuchs, denn Gentechnik kann durchaus viel leisten. Sie kann in der Humanmedizin vieles verändern und nannte in diesem Zusammenhang folgende Bereiche:

  • mit Genanalysen „Gendefekte“ aufspüren
  • Diagnosen für Krankheiten ermöglichen
  • Pränatale Diagnostik (Trägerschaften und Anfälligkeiten aufspüren
  • Forensische Medizin (Vaterschafts- und Täternachweise erbringen
  • Somatische Gentherapie (mit Fremdgenen kurieren)
  • Präimplantationsdiagnostik (erbliche Krankheiten „ausrotten“)
  • Humanidentische Wirkstoffe für Arzneimittel
  • Keimbahn“Therapie“ (Erbgut reparieren oder manipulieren)

Letzteres ist nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz von 1990/91 verboten, anderenorts allerdings erlaubt.

Es zeigt sich also, so Frau Fuchs, dass die Bioethik anders als die herkömmliche Ethik ihre Wurzeln nicht in der Religion oder Philosophie hat sondern stärker in Biologie und Ökonomie verwurzelt ist. Bioethik breitet sich seit 20 Jahren weltweit in Ethik-Instituten, Kommissionen, Komitees, an Hochschulen und Einrichtungen des Gesundheitswesens aus. Häufig betrieben die Bioethiker Politikberatung in Gremien am Rande demokratischer Entscheidungen in Beratergruppen und in Kommissionen zwischen Regierungen , Parlamentarier, Forschungseinrichtungen und europäischen Gremien. Oftmals regiere die Geheimhaltung über die Ergebnisse und Protokolle. 1994 wurde ein bis dahin geheimgehaltener Entwurf einer europäischen Bioethikkonvention  durch die INTERNATIONALE INITIATIVE  (der auch die Referentin angehört) an die Öffentlichkeit gebracht. Daraufhin wurde der Fortgang der Entwicklung viel genauer beobachtet und konsequenterweise an Medien und Öffentlichkeit weitergegeben. Bislang sei die Konvention allerdings noch nicht verabschiedet. Der Protest von Bürgern und Verbänden richte sich gegen folgende Sachverhalte:

  • Prädikative –Gentests (Veranlagungen und Risiken von erblichen Krankheiten sollen auch an Embryonen ermittelt werden. Ziel ist es, ein Genprofil zu erstellen, als Voraussetzung für einen Job oder den Abschluß einer Versicherung.
  • Keimbahntherapie (erlaubte Forschung mit hohen Embryonenverbrauch, die zur Menschenzüchtung dienen, oder der Erbgutaufbesserung Vorschub leisten.
  • Fremdnützige Forschung auch an Menschen, die nicht selbst einwilligen können.

Eindeutiges Kernstück der Debatte ist also die Frage, ob wir es – in Abkehr von christlicher wie humanistischer Tradition – zulassen können bzw. wollen, dass Menschen für die Interessen Dritter benutzt werden dürfen.

International erstellte Papiere wie beispielsweise die „Europarats-Konvention“ zum Schutz der Menschenrechte und Menschwürde oder die „UNESCO Deklaration“ über Menschenrechte und das menschliche Genom  beweisen, dass eine völlig neue Ära mit grundlegenden Veränderungen durch die Gentechnik eingeleitet wird.

Die rapide Entwicklung, vor allem der Gentechnik erzeuge Situationen, so Ursula Fuchs, die bislang ohne Beispiel waren und verlangte die Ausarbeitung eines normengebenden Rahmenwerks d.h. eine Revision aller Konzepte. Besonders mit der Instrumentalisierung

nichteinwillungsfähiger Menschen verfalle nicht nur die Menschenwürde (Art. 1 GG) sondern ebenso Art. 2 GG, das verfassungsgarantierte Recht auf Leben und körperlicher Unversehrtheit. Derzeit werde versucht, die Rechte auf  Forschungsfreiheit über das Menschenrecht zu stellen.