Die Schweizergarde im Vatikan

(Heinz-Jürgen Riechers 04/2017)

Veröffentlichung: NON NOBIS Jahrgang 34, Heft 67, Dezember 2018.

Die Schweizergarde, italienisch Guardia Svizzera Pontificia, lateinisch Pontificia Cohors Helvetica, oder auch Cohors Pedestris Helvetiorum a Sacra Custodia Pontificis ist das einzige verbliebene päpstliche Militärkorps unter Waffen. Sie sichert den Apostolischen Palast, die Zugänge zur Vatikanstadt sowie die Zugänge zur Sommerresidenz des Papstes im Städtchen Castel Gandolfo, und ist für die persönliche Sicherheit des Papstes verantwortlich. Die offiziellen Kommandosprachen der Garde sind Deutsch und Italienisch. Das Korps wurde im Jahre 1506 durch Papst Julius II. gegründet. Ermöglicht wurde dies mit der finanziellen Hilfe der Augsburger Jakob und Ulrich Fugger, diplomatisch in die Wege geleitet wurde es von Peter von Hertenstein, einem Schweizer Kleriker. Schweizer Reisläufer genossen seinerzeit einen exzellenten Ruf.

Losgesagt vom Reich, jetzt auf sich allein gestellt, waren die ersten Schweizer Kantone mit ihren etwa 500.000 Einwohnern übervölkert. Auf Grund der schwierigen wirtschaftlichen Lage damals herrschte große Armut, und der einzige Ausweg aus dieser Situation war die Emigration und eine der gewinnbringendsten Aufgaben dabei der Söldnerdienst. Rund 15.000 Männer standen für diesen Dienst zur Verfügung, der von der kleinen Föderation der Kantone organisiert und kontrolliert wurde. Sie vergab das Recht zur Anwerbung von Kriegsleuten und erhielt dafür Weizen, Salz oder günstige Handelsbedingungen. Die Schweizer betrachteten den Kriegsdienst als vorübergehende, nur den Sommer über andauernde Emigration und nahmen deshalb an kurzen großen Feldzügen teil. Dann kehrten sie nach Hause zurück und lebten den Winter über vom Sold und von der Kriegsbeute. Sie waren die besten Soldaten ihrer Zeit, die ohne Kavallerie und mit nur wenig Artillerie eine geschickte Bewegungstaktik entwickelt hatten, die allen anderen überlegen war. Deshalb wurden sie sowohl von Frankreich als auch von Spanien angefordert. Sie bildeten eine undurchdringliche, mit Eisen gespickte, halbbewegliche Mauer. Auch in Deutschland und Italien leisteten viele dieser Soldaten Dienst, und da die Kantone diese Art der Emigration nicht verhindern konnten, versuchten sie zumindest, sie unter Kontrolle zu halten. Diese bewaffneten Einheiten waren völlig unabhängig; sie hatten ihre eigene Hierarchie, ihre eigenen Richter und Standarten. Die Kommandos wurden von Schweizer Offizieren in ihrer Muttersprache Deutsch erteilt. Das Regiment war ihre Heimat und sie behielten ihre Gewohnheiten auch bei, wenn neue Abkommen geschlossen wurden.

Am 22. Januar 1506 trafen nun die Reisläufer unter Führung ihres Hauptmanns in Rom ein. Die Aufgabe der Reisläufer war, als Leib- und Palastwache dem Papst zu dienen. Dieser Tag gilt als Gründungstag der Päpstlichen Schweizergarde. Damit gehört die Schweizergarde zu den ältesten noch existierenden militärischen Verbänden. Während der Erstürmung Roms durch tausende deutsche und spanische Söldner Kaiser Karls V. am 6.5.1527 im Krieg gegen Franz I. von Frankreich starben, nebst anderen päpstlichen Truppen, mehr als drei Viertel der Truppe (147 der insgesamt 189 Mann) gemeinsam mit ihrem Kommandanten bei der Deckung des Rückzugs von Papst Clemens VII. in die Engelsburg. Dieser Tag, der 6. Mai, gilt noch heute als der Gedenktag der Schweizergarde, an dem jährlich die neuen Gardisten vereidigt werden.

Einen Monat nach dem “Sacco di Roma” mußte sich der Papst ergeben. Die überlebenden Schweizergardisten bekamen freies Geleit, aber Papst Clemens VII. mußte die Schweizer durch eine Garde von 200 deutschen Söldnern, lateinisch Custodia Peditum Germanorum ersetzen. Den Schweizergardisten wurde erlaubt, in diese Garde einzutreten, was zwölf von den verbliebenen zweiundvierzig in Anspruch nahmen. Erst zehn Jahre später erlaubte es die politische Lage unter Papst Paul III. die Deutschen zu entlassen und wieder eine Garde nur aus Schweizern aufzustellen. 1548 kamen die ersten Gardisten wieder nach Rom. Die volle Stärke von 200 Mann wurde jedoch erst 1552 erreicht. Die Folgen der Französischen Revolution unterbrachen nochmals die Geschichte der Garde. Am 16. Februar 1798 wurde der Vatikan durch französische Truppen besetzt. Papst Pius VI. mußte Rom verlassen, die Schweizergarde wurde entwaffnet und entlassen. Dann, im Jahr 1800 unter Pius VII. stellte sich wieder eine Schweizergarde für den Papst auf. Seitdem besteht sie ohne Unterbrechung bis heute weiter.

Im Lateranvertrag vom 11. Februar 1929 mit dem Königreich Italien wurde dem Heiligen Stuhl das Recht zugestanden, sich politisch und juristisch selbst zu verwalten. Die Schaffung des neuen Staates, der Vatikanstadt, erforderte die Einrichtung regulärer Kontrollposten an den Grenzen, welche die Schweizergarde bemannen sollte. Da Schweizer Bürgern Militärdienste für einen fremden Staat seit 1848 verboten sind, bestätigte der schweizerische Gesamtbundesrat am 15. Februar 1929 die Stellungnahme des Parlaments: “Die päpstliche Garde kann nicht als ausländische, bewaffnete Einheit gemäß Artikel 94 des militärischen Strafrechts betrachtet werden. Da diese Truppe eine einfache Wachpolizei ist, kann jeder, wie bisher, in ihren Dienst treten, ohne die Zustimmung des Gesamtbundesrates einzuholen.”

Seit 1970, als Papst Paul VI. die Nobelgarde und die Palatingarde auflöste sowie der Vatikanischen Gendarmerie klassische Polizeiaufgaben zuwies, ist die Schweizergarde die letzte der vormals vier päpstlichen Garden und einzige militärische Formation des Heiligen Stuhls. Die Aufgaben der Schweizergarde sind aber nicht militärischer Natur. Sie wird aus rechtlicher Sicht als “Hauspolizei” betrachtet. Die so oftmals falsch bezeichnete “kleinste Armee der Welt” versieht Ehrendienste bei Audienzen, Besuchen, Messen und als Schildwache, sowie Sicherheitsdienste wie Kontrollen, Ordnungsdienst, Wachdienst und Personenschutz. Gemäß dem Reglement ist die Hauptaufgabe der Garde, “ständig über die Sicherheit des Heiligen Vaters und seiner Residenz zu wachen”. Weitere Pflichten sind aufgrund dieser Bestimmung, “den Heiligen Vater auf seinen Reisen zu begleiten, die Eingänge zur Vatikanstadt zu bewachen, das Kardinalskollegium während der Sedisvakanz zu beschützen und andere Ordnungs- und Ehrendienste auszuführen, wie sie im Reglement angeführt sind”. Gardisten im Vatikan können seit 2001 ein eidgenössisch anerkanntes Diplom als Fachmann für Sicherheit und Bewachung erwerben, wofür sie etwa eine Dienstzeit von drei Jahren aufwenden müssen.

Die Päpstliche Schweizergarde hat den Status eines Regiments, obwohl sie nur über die Stärke einer Kompanie verfügt. Aufgeteilt werden die Gardisten in drei “Geschwader”, zu je drei Gruppen, wobei im ersten Geschwader mehrheitlich deutschsprachige, im zweiten Geschwader mehrheitlich französisch- und italienischsprachige und im dritten Geschwader die Mitglieder des Gardespiels eingeteilt sind.

Die Rekruten der Schweizergarde haben eine Reihe von Aufnahmebedingungen zu erfüllen: Sie müssen römisch-katholische männliche Schweizer, zwischen 19 und 30 Jahren alt, mindestens 1,74 m groß und sportlich sein. Zusätzlich müssen sie einen einwandfreien Leumund besitzen, eine Mittelschule oder Berufsausbildung sowie die Rekrutenschule der Schweizer Armee absolviert haben. Als Hellebardiere und Vizekorporäle dürfen sie nicht verheiratet sein; wenn sie heiraten, wird ihnen eine Wohnung angeboten, deren Anzahl jedoch begrenzt ist. Nachdem sie mindestens 26 Monate gedient haben, können sie ihren Dienst beenden, wobei ihnen dann die vatikanische Staatsangehörigkeit wieder aberkannt wird. Seit 1825 hat der Schweizer Kanton Wallis mit 693 Mann die meisten Gardisten gestellt, aus dem Oberwalliser Ort Naters kamen allein 80 Gardisten.

Grundsätzlich wird zwischen der bunten Galauniform im Renaissance-Stil und der weit schlichteren graublauen Kleinen Uniform piccola tenuta unterschieden, jeweils mit dienstgradspezifischen Eigenheiten.

Zur traditionellen Bewaffnung zählt für alle das Schwert, in unterschiedlicher Ausschmückung je nach Rang. Die Dienstgrade ab Wachtmeister führen nicht immer Stangenwaffen, dafür bei bestimmten Gelegenheiten einen schwarzen Kommandostab mit elfenbeinfarbenem Knauf und Spitze. Die vom Feldweibel geführte Truppenfahne eskortieren stets zwei mit Flambergen bewaffnete Korporale.

Das Reglement beschreibt die Fahne wie folgt: “Die Fahne der Schweizergarde ist durch ein weißes Kreuz in vier Felder geteilt, von welchem das erste Wappen des amtierenden Papstes, das vierte dasjenige von Papst Julius II. dem Gründerpapst zeigt, beide auf rotem Grund; das zweite und das dritte Feld zeigen die Farben des Korps, blau, rot und gelb. Auf dem Schnittpunkt der Arme des Kreuzes befindet sich das Wappen des Kommandanten”.

Daneben steht der Schweizergarde aber auch modernes Gerät zur Verfügung, um die Wachaufgaben im Vatikan wahrzunehmen, unter anderem die Pistole 75, das Sturmgewehr 90 des Schweizer Herstellers SIG und die Heckler&Koch-Maschinenpistolen MP5 und MP7. Da die Gardisten vor ihrem Eintritt in die Garde die Rekrutenschule in der Schweiz absolviert haben müssen, sind sie mit diesen Waffen, die auch in der Schweizer Armee zum Einsatz kommen, bereits vertraut. Zudem kann gegebenenfalls Pfefferspray zum Einsatz kommen. Historisch verwendete die Schweizergarde einige besondere Munitionstypen. Seit dem Papstattentat im Jahr 1981 wurde der Personenschutz für den Papst erheblich verschärft.

Die Vereidigung der neuen Rekruten findet jährlich am 6. Mai im Damasushof, italienisch Cortile di San Damaso statt; am 6. Mai 2006, dem 500-Jahr-Jubiläum der Schweizergarde, erstmals auf dem Petersplatz, beobachtet von zahlreichen Zuschauern aus aller Welt. Der Kaplan der Garde liest in den jeweiligen Muttersprachen der zu vereidigenden Rekruten folgenden Eid vor: “Ich schwöre, treu, redlich und ehrenhaft zu dienen dem regierenden Papst (Name) und seinen rechtmäßigen Nachfolgern, und mich mit ganzer Kraft für sie einzusetzen, bereit, wenn es erheischt sein sollte, selbst mein Leben für sie hinzugeben. Ich übernehme dieselbe Verpflichtung gegenüber dem Kollegium der Kardinäle während der Sedisvakanz des Apostolischen Stuhls. Ich verspreche überdies dem Herrn Kommandanten und meinen übrigen Vorgesetzten Achtung, Treue und Gehorsam. Ich schwöre, alles das zu beobachten, was die Ehre meines Standes von mir verlangt”. Danach gehen die Rekruten einzeln zur Fahne der Garde, umfassen mit der linken Hand die waagerecht gehaltene Fahnenstange der Gardefahne und schwören mit erhobener rechter Hand, bei denen drei Finger als Zeichen der Trinität gespreizt sind: “Ich (Name und Dienstgrad), schwöre, alles das, was mir soeben vorgelesen wurde, gewissenhaft und treu zu halten, so wahr mir Gott und seine Heiligen helfen.”

Das Reglement nennt als Schutzpatrone der Schweizergarde die Heiligen Martin von Tours am 11. November, Sebastian am 20. Januar und Niklaus von Flüe am 25. September. Die Kirche der Garde, Santi Martino e Sebastiano degli Svizzeri, ist Martin und Sebastian geweiht, da Niklaus von Flüe erst 1947 heiliggesprochen wurde. Im Campo Santo Teutonico, der deutschsprachigen Exklave im Vatikan, befindet sich in der Kirche S. Maria della Pieta im linken Seitenschiff die sogenannte Schweizerkapelle. Sie diente ursprünglich als Gottesdienstraum der Päpstlichen Schweizergarde und als Grablege der Hauptleute und ihrer Familien, von denen zahlreiche Grabplatten im Boden Zeugnis ablegen.

Im normalen Tagesablauf der Garde sind zwei Drittel des Personals täglich zur Wache an den Eingängen zum Apostolischen Palast eingesetzt, und zwar im Cortile di San Damaso, im Cortile del Belvedere, in den Loggien, in der Sala Regia, vor den Büroräumen des Staatssekretariats und vor den Privaträumen des Papstes; außerdem steht die Wache an den Außeneingängen, d.h. am Cancello Petriano dem ehemaligen Heiligen Offizium, am Arco delle Campane, am Portone di Bronzo und an der Porta Sant´ Anna. Als Ehrengarde und für Kontroll- und Ordnungsdienste werden die Schweizer immer eingesetzt, wenn der Papst anwesend ist, also bei allen Liturgiefeiern im Petersdom, bei den Generalaudienzen, bei Besuchen von Staatsoberhäuptern, Regierungspräsidenten, Außenministern und Botschaftern. Der Tag wird aber nicht nur durch diese offiziellen Aufgaben ausgefüllt. Der Dienst der Garde umfaßt Kontrollen, Unterricht, Marsch- und Schießübungen. Auch die Freizeitbeschäftigungen der verschiedenen Gruppen, wie die des Musikkorps und der Trommler erfordern Zeit. Außerdem sind noch die Fußballbegegnungen mit anderen Mannschaften, etwa der Vigilanza des Vatikans, zu erwähnen, das Tischtennisspiel und die Selbstverteidigungskurse. Die Küche wird von den Albertiner Schwestern betrieben.

Alle, die in der Schweizergarde im Vatikan gedient haben, bleiben nach dem Ausscheiden aus dem Dienst miteinander in Kontakt durch ihre “Vereinigung der ehemaligen Gardisten”, die in der Schweiz die periodische Zeitschrift “Der Exgardist” veröffentlicht. Ihre Mitglieder treffen sich regelmäßig sowohl in ihren Kantonen als auch auf nationaler Ebene, wobei nach Möglichkeit der Kommandant und der Gardekaplan gleichfalls anwesend sind. Das wichtigste Treffen findet jedoch alljährlich am 6. Mai anläßlich der Vereidigung der Rekruten statt. An diesem Tag kommen Hunderte Personen im Quartier der Garde zusammen.

Im Jahre 2006 wurde zum 500. Jubiläum in der Festung von Naters im Kanton Wallis ein Museum über die Schweizergarde eingerichtet.