9. Brief an die Tempelritter

Lobrede auf das neue Rittertum

Vorrede

Bernhard, nur dem Namen nach Abt von Clairvaux, (grüßt) Hugo, den Ritter und Meister der Ritterschaft Christi: Kämpfe den guten Kampf !
(Anmerk.: Bernhard beginnt sein Schreiben mit einer eindrucksvoll alleterierenden Gruß- und Devotionsformel, die mit den weiteren Bescheidenheitsopoi im Prolog korrespondiert. Indem er auf 2Tim 4,7f anspielt, erinnert er den Leser an den Kranz, den der Apostel für seinen “guten Kampf” von Gott erwarten darf – und damit auch der angesprochene “Krieger Gottes”. Das Wortbild von der militia Christi, ursprünglich (bei Paulus und im Mönchtum) in übertragenem Sinn gebraucht, bekommt im Zeitalter der Kreuzzüge oft eine ganz konkrete Bedeutung. Bernhard wendet es wörtlich für die geistlichen Ritter an. Vgl. – J. Auer, Militia Christi: Dsp Iß, 1210-1223.)

Einmal und wohl auch ein zweites Mal und drittes Mal, wenn ich mich nicht täusche, liebster Hugo, hast Du mich gebeten, Dir und Deinen Waffenbrüdern eine Predigt der Ermunterung zu schreiben und gegen die feindliche Macht der Tyrannen.
(Anmerk.: Die Heidenschaft, aber mitgemeint und auch in anderen mittelalterlichen Quellen teilweise mit ihr identifiziert: die Dämonen. Wie die Moscheen in der Kreuzzugsliteratur als “Teufelshäusern bezeichnet wurden (domus diabolicae, Gesta Francorum 29, ed. L. Brehier, Paris 2. Aufl. 1964, um 1100 verfaßt) so wurden die Muslime bes. in der volksprachigen Kreuzzungsdichtung als Dämonen angesprochen (z.B. Chanson d’Aliscans vv.71ff., 1058 ff.,hrsg. v. E. Wienbeck u. a. Halle 1903) meinem Griffel zu schwingen, da es mir nicht erlaubt ist, dies mit der Lanze zu tun.
(Anmerk.: Man beachte den rethorischen Schmuck der Alliterationen (s/s, t/t, s/s, 1/1, a/a/a/a) und die Homoioteleuta (neunmal Vokal plus m), wodurch der Anfang des Traktates hervorgehoben ist. Das wiederholte Drängen des Tempelmeisters läßt wahrscheinlich etwas von der  schwierigen Situation ahnen, in der sich der entstehende Orden besonders vor dem Konzil von Troyes befand (vgl. o. S. 258f). Du behauptest, es sei nicht von geringem Nutzen, daß ich Euch mit einer Schrift ermutige, wenn ich es mit Waffen schon nicht tun kann. Ich habe es eine  Zeitlang aufgeschoben, nicht weil ich die Bitte abschlagen wollte, sondern damit man mich nicht beschuldige, meine Zustimmung leichtfertig und voreilig gegeben zu haben. Denn ich stünde als Prahler da, wenn ich mir in meiner Unerfahrenheit das anmaßte, was ein Besserer besser  auszuführen vermöchte, und eine an sich äußerst notwendige Angelegenheit wäre durch mich nicht zur Genüge behandelt.

Da ich aber jetzt sehe, daß ich vergeblich auf jemanden gewartet habe, habe ich schließlich das mir Mögliche getan, um nicht den Anschein zu erwecken, eher unwillig als unfähig zu sein. Der Leser möge beurteilen, ob ich entsprochen habe. Auch wenn jemand daran entweder keinen Gefallen findet, oder die Arbeit den Anforderungen nicht genügt, liegt es doch nicht an mir, der ich Deinem Wunsch entsprochen habe, so gut ich konnte.