Processus contra Templarius

Vatikan-Dokument belegt: Die Tempelritter waren keine Ketzer

Prozessus contra Tamplarius

Das Werk „Processus contra Templarios“ bestehend aus dem Buch (links) und der in Leder gebundenen Mappe mit den Faksimile der Originalprotokolle (rechts).

Barbara Frale und das Pergament von Chinon

Im Jahr 2001 geschah im Vatikanischen Geheimarchiv etwas Spektakuläres. Nach ihrer Promotion an der Universität Venedig konnte Barbara Frale eine Tätigkeit in diesem Geheimarchiv aufnehmen und sich daran machen, nach verborgenen Schätzen in den kilometerlangen Regalen mit Millionen alter Dokumente zu suchen. Und sie sollte doch tatsächlich fündig werden.

Im Jahr 2001 war sie die Entdeckerin eines bisher völlig übersehenen 70 mal 58 Zentimeter großen Pergaments, das im Ursprung mit drei Kardinalssiegeln ausgestattet war. Frale war davon überzeugt, dass es sich hierbei um ein sehr wichtiges Dokument handeln müsse. Als sie es zu lesen begann, blieb ihr plötzlich die Luft weg. Das Dokument erhielt die Erkenntnisse dreier vom Papst beauftragter und diesem sehr nahestehender Kardinäle über die Templer. Die drei Kirchenfürsten hatten dem Großmeister des Ordens und anderer Würdenträger im Auftrag von Papst Clemens V. im königlichen Kerker der Burg Chinon an der Loire einen Besuch abgestattet und dort ein Verhör durchgeführt. Aufgrund ihrer Untersuchungsergebnisse kam der Pontifex zu dem Schluss: Zwar gehörten völlig ausgeartete und teilweise blasphemische Rituale und Soldatenbräuche zur Praxis der Templer, um Ketzer handelte es sich jedoch mit hundertprozentiger Sicherheit nicht. In dem Pergament von Chinon, wie es nun heißt, wird ersichtlich, dass die drei Kardinäle im Auftrag des Papstes und mit dessen Autorität dem Ordensgeneral Jacques de Molay und den anderen Ordensoberen unmissverständlich die Absolution erteilen. In dem Dokument, das als Faksimile der Publikation „Processus contra Templarios“ angegliedert ist, wird erwähnt, dass die Templer für ihre Missetaten voller Demut von der Kirche Vergebung und Absolution erbeten hätten.

„Daher ordnen wir an, dass sie losgesprochen und in die Gemeinschaft der Kirche wieder aufgenommen werden, und dass sie wieder zur Kommunion der Gläubigen und zu den kirchlichen Sakramenten zugelassen werden.“

Die Italienerin Barbara Frale ist am 24. Februar 1970 in Viterbo geboren worden und arbeitet als Historikerin am Vatikanischen Geheimarchiv. Sie arbeitete unter anderem über den Templerorden und das Turiner Grabtuch. Im September 2001 stieß sie bei ihren Forschungen auf das sogenannte Chinon-Pergament, das falsch archiviert worden ist. Frale absolvierte ein Studium der Denkmalpflege an der Universität Tuscia und arbeitete anschließend für das Stadtmuseum von Viterbo und die Archivbehörde von Latium. Im Jahr 1996 konnte sie einen Abschluss in Paläographie, Diplomatik und Archivwissenschaft am Vatikanarchiv und 1998 einen Abschluss in griechischer Paläographie machen. Im Jahr 2000 wurde sie an der Universität Venedig promoviert und bekam ein Stipendium am Deutschen Historischen Institut in Rom. Ab 2001 arbeitete sie als Paläographin am Vatikanarchiv.

Um das Jahr 1120 ist von französischen Rittern eine bewaffnete Truppe gegründet worden, damit die Pilger auf ihrem Weg zu den heiligen Stätten geschützt wurden. Da ihre erste Niederlassung auf dem Jerusalemer Tempelberg errichtet wurde, führten sie den Namen „Ritter vom Tempel Salomons“. Eine gewisse unorthodoxe Frömmigkeit sollte dem Templerorden zum Verhängnis werden. Auf der einen Seite führten diese Mönchskrieger ein sehr asketisches Gemeinschaftsleben, auf der anderen Seite waren sie so unkonventionell, auf ihren Friedhöfen Selbstmörder, Ketzer und Verbrecher zu beerdigen und sie verfügten über geheime Rituale und Symbole. Das Anrüchige, das die Templer eingestanden, war eine rätselhafte Verleumdung Christi während der Aufnahme-prüfung. Angehende Tempelritter wurden aufgefordert, auf das Kreuz Christi zu spucken, was rein formell auch getan wurde, um diese Sünde sofort danach in der Beichte zu bereuen. Bis heute ist man sich bei der Deutung dieser blasphemischen Übung nicht sicher, ob man dadurch eine Situation in islamischer Gefangenschaft simulieren wollte oder ob es sich um eine Demutsübung handeln würde, um nicht besser zu sein als jene, die unter Druck gezwungen waren, Christus zu verleumden oder ob hier gar bewusst ein kollektiver Tabubruch begangen worden ist, der mit bestimmten Aufnahmeritualen der Mafia zu vergleichen ist, wo etwa Heiligenbilder geschmäht und verbrannt werden, was jedem Sizilianer bis zum heutigen Tag noch einen Stich ins Herz versetzt. Eine gediegene Antwort lässt sich leider nicht geben, zumal die Templer sich sofort danach zu dieser Sünde bekannten und reumütig um Vergebung baten. Der Beichtvater erteilte ihnen dann auch die Lossprechung. Von da an waren die Templer bereit, für den Gekreuzigten jede Todesgefahr auf sich zu nehmen und zu sterben. Von Ketzerei kann somit in keiner Weise die Rede sein. Die Tempelritter standen in geradezu inbrünstiger Treue zur Kirche.

Im Zusammenhang des Templerprozesses wurde Hugo von Perraud befragt. Er legte einen Schwur auf das heilige Evangelium ab und gab Informationen über seine Rezeption in Lyon, die von seinem Vater Hubert von Perraud durchgeführt worden ist. Er sei von einem Ordensbruder zur Seite ge-nommen und aufgefordert worden, das Kruzifix zu verleugnen. Eigentlich wollte er dieses nicht praktizieren, hätte es aus bloßer Furcht vor dem Bruder jedoch dann getan. Die Kreuzbespuckung hätte er jedoch dann definitiv verweigert. Im weiteren Verlauf der Rezeption hätte er den Rezeptor allein auf den Mund geküsst. Er sei weder zum Laster der Sodomie gezwungen worden, noch hätte er es begangen. Er selbst habe später viele in den Templerorden aufgenommen. Auf die Frage, auf welche Art und Weise er die Rezeptionen durchgeführt habe, antwortete er, dass er den Rezipierten den Mantel umgelegt und sie aufgefordert habe, das Kruzifix zu verleugnen. Anschließend hätten sie ihn auf das Rückgrat, auf den Bauchnabel und den Mund küssen sollen. Die Rezipienten habe er ermahnt, keine Kompagnons von Frauen zu werden und wenn sie von ihrem Lustempfinden überwältigt würden, sich mit ihren Ordensbrüdern zu verbinden. Er betont jedoch ausdrücklich, dass er diese Dinge bei seiner eigenen Rezeption lediglich mit dem Mund und nicht mit seinem Herzen ausgeführt habe.

Ebenfalls seien die von ihm geleiteten Rezeptionen nur formal mit dem Mund durchgeführt worden, ohne dass das Herz der Rezipienten in irgendeiner Weise tangiert worden sei. Diese Dinge wurden von ihm unter Eid ausgesagt. Man habe lediglich den Statuten des Ordens Genugtuung entgegenbringen wollen. Er selbst habe immer gehofft, dass diese Irrtümer aus dem Orden entfernt würden. Des Weiteren wurde er gefragt, ob einige der Rezipienten Widerspruch gegen die besagte Bespuckung und andere unehrenhafte Handlungen eingelegt hätten. Er antwortete, dass alle ihr Missfallen gegen diese Dinge zum Ausdruck gebracht hätten. Außerdem betonte er, dass er niemals Kenntnis davon bekommen habe, dass sich irgendein Bruder mit einem anderen Bruder vereinigt hätte, obgleich er es seinen Rezipienten erlaubt habe. Niemand habe diese sündhafte Handlung begangen außer zwei oder drei Ritter in Outremer, die zur Strafe nahe dem Castrum Peregrini inhaftiert seien. Ob alle Rezipienten auf gleiche Weise in den Templerorden aufgenommen worden seien, könne er nicht mit Sicherheit sagen, da die Rezeptionen ja geheim durchgeführt wurden. Er würde jedoch vermuten, dass die Rezeptionen in gleicher Art stattgefunden hätten. Er selbst sei bei der Aufnahme in den Orden achtzehn Jahre alt gewesen.

Barbara Frale stieß im Vatikanischen Geheimarchiv auf ein ungewöhnliches Bündel von ca. 50 Blättern, das in einem Registerband verborgen war. Sie hatte gerade das Studium der mittelalterlichen Archäologie absolviert und hatte in einer vatikanischen Spezialschule, die dem Geheimarchiv angegliedert ist, mit der Ausbildung im Entziffern alter Dokumente begonnen. Als sie sich mit dem Blätterbündel intensiver auseinandersetzte, merkte sie sehr schnell, dass sie private Aufzeichnungen verschiedener Kardinäle für Papst Clemens V. zum Templerprozess in den Händen hatte. Die Kirchenfürsten setzten sich dort mit den seltsamen Ritualen der Templer auseinander und fassten dabei den Vorwurf der Ketzerei ins Auge. Von da an befasste sich Frale mit besonderem Interesse mit der Sache der Templer. Frau Dr. Frale beschäftigte sich enthusiastisch mit dem Templerorden und ihren Ritualen, was letztlich zu einer Promotion über die Templer an der Universität Venedig führte.

Das Studium der Templer führte bei ihr zu der Erkenntnis, dass die verdächtigen und ungewöhnlichen Bräuche der Templer einzig und allein als militärische Initiationsriten zu klassifizieren seien. Sie brachte zum Ausdruck, dass diese grausamen und anstößigen Riten für den Templerorden überlebensnotwendig gewesen seien. Die jungen Adeligen mussten geprüft werden, ob sie in vorderster Front den Kampf gegen die muslimischen Heere bestehen würden. Man konfrontierte einen jungen Templer mit der Situation in den Kerkern der Sarazenen, wo es galt, Christus zu verleumden und das Kreuz verächtlich zu bespucken. Frau Dr. Frale führt weiterhin an, dass die Templer gegen den Vorwurf der Sodomie kämpfen mussten, da die jungen Novizen aufgefordert wurden, den Bauchnabel und das Gesäß eines Vorgesetzten zu küssen. Die Wissenschaftlerin interpretiert dieses Verhalten als Akt der Totalhingabe an den Orden. Der Hochmut und übertriebene Stolz manches Adligen sollte dadurch begrenzt bzw. eliminiert werden.

Ein weiteres Ritual des Ordens gibt Dr. Frale bis heute Rätsel auf: Die Ritter benutzten bestimmte Kordeln, die an einem geheimen Bild geweiht wurden, als Gürtel. Immer wieder wurde der Vorwurf laut, dass es sich bei diesem Bild um ein Götzenbild handeln würde, einige behaupteten sogar, dass es ein Bild des Teufels selbst sei. Frale hingegen, die sich mit ihren Studien auch in besonderer Weise mit dem Turiner Grabtuch beschäftigt hat, geht davon aus, dass es sich bei diesem Bild möglicherweise um ein ganz besonderes Abbild Christi handeln würde. Sie vermutet sogar, ohne schlüssige Beweise zu haben, dass dieses Bild eine besondere Affinität zum Schweißtuch von Turin besitzt.

Am 13. Oktober 1307 wurden auf Geheiß des französischen Königs Philipp IV. („der Schöne“) Mitglieder des Templerordens verhaftet. Es folgte eine Zeit mit Verhör und Folter. In den folgenden Monaten wurden fast 900 Templer verhört und die Folterungen wurden so lange durchgeführt, bis angebliche Ketzereien und unmoralische Gelüste zugegeben wurden. Die Templer wurden der Sodomie bezichtigt und in die Gruppe der Häretiker eingeordnet. Man hatte ihnen nachgesagt, geheimnisvolle Riten und verbotene sexuelle Aktivitäten zu praktizieren. Konnten die Templer denn keine Unterstützung bekommen? Der spanische König, Jakob II. von Aragon, besaß bereits geraume Zeit zuvor Informationen über angebliche Vergehen der Templer. Doch er hatte diese Vorwürfe nicht ernst genommen. Im Jahr 1307 waren weltlichen Personen bei diesen gravierenden geistlichen Vorwürfen auch die Hände gebunden. Im Laufe der Zeit ließ König Philipp die Folterungen verschärfen und die Güter der Templer wurden gänzlich eingezogen. Was Philipp der Schöne damals bewerkstelligte, war ein Meisterwerk politischer Propaganda und Demagogie. Papst Clemens brauchte Wochen, um gegen die offensichtlichen Verstöße gegen kirchliches und weltliches Recht zu protestieren. Nach der Verhaftung der Templer durch französische Truppen schrieb Papst Clemens V. An König Philipp IV.:

„Ihr habt in unserer Abwesenheit gegen alle Regeln Hand an Personen und das Eigentum der Templer gelegt. Ihr habt sie gefangen gesetzt und zur Pein der Gefangenschaft noch andere Drangsale hinzugefügt. Euer übereiltes Vorgehen erscheint in den Augen aller, zu Recht, als ein Akt, mit dem Ihr uns und der Römischen Kirche Verachtung erweist.“

Das war ein mutiger Brief und ein tapferer Schritt des Papstes.Trotzdem wird Clemens V. in der Forschung eher als schwacher und feiger Papst gesehen. Im Zusammenhang der Liquidierung des Templerordens lastet ein nicht unerheblicher Schuldanteil auf dem Papst. Mit Unterstützung der französischen Krone wurde Bertrand de Got, bis dahin Erzbischof von Bordeaux, zum Papst gewählt. Er gab sich den Namen Clemens V. und verlegte den Sitz des Heiligen Stuhls nach Avignon. Außerdem hob er die vom französischen König unbeliebte Bulle seines Vorgängers Bonifaz VIII. („Clericis Laicos“) auf. Der Fund von Barbara Frale im Jahr 2001 hat jedoch zur Folge, dass die negative Sichtweise auf Clemens V. einer Revision zu unterziehen ist. König Philipp IV. machte die Maßnahmen gegen die Templer zur Staatsaffäre. Er setzte den Papst, der zu dieser Zeit in Avignon in totaler Abhängigkeit vom französischen König stand, unter Druck und drohte angesichts angeblich vorhandener Kinder mit einem Ketzerprozess gegen seinen Vorgänger Bonifaz VIII., der bis 1303 Papst war. Schließlich sprach der französische König die Drohung aus, die Kirche Frankreichs abzuspalten, falls der Papst die Templer unterstützen sollte. Würde sich der Papst vor die ketzerischen Templer stellen, so wäre er selbst ein Ketzer, argumentierte Philipp der Schöne. Der König war in finanziellen Schwierigkeiten und wollte sich des legendären Templerschatzes bemächtigen. Clemens V. war zum bloßen Werkzeug des französischen Königs degradiert worden. Letztlich musste Clemens dem Druck des Königs nachgeben. Er wusste, wozu Philipp in der Lage war und wollte größeren Schaden von der Kirche abwenden. Er handelte somit aus lauteren Motiven, wobei ihm der Mut zum Widerstand und Aufbegehren fehlte. Clemens V. war von der Unrechtmäßigkeit des königlichen Handelns überzeugt. In diesem Zusammenhang ist wichtig zu erwähnen, dass der Templerorden durch den Papst zwar aufgehoben, jedoch nicht verboten wurde. Durch das im Jahr 2001 im Vatikan gefundene Chinon-Dokument wird der Freispruch des Templerordens von allen Anschuldigungen durch Papst Clemens V. am 17. August 1308 sichtbar. Der Papst erteilt dem Orden die Absolution. Clemens V. konnte trotz aller vom König durchgeführten Behinderungen die arglistigen Täuschungsversuche der königlichen Anwälte erkennen. Die Anschuldigungen der Ketzerei und Sodomie waren null und nichtig. Der König hatte in den Orden Spione eingeschleust, die derartige Anschuldigungen erhoben. Nicht zuletzt ging es um den Kampf Philipps IV. gegen die Autorität des Papstes. Nach Monaten kräftezehrender Auseinandersetzungen wurde Papst Clemens V. deutlich, dass die Kirche nur zu retten war, wenn er sich in der Sache der Templer nachgiebig zeigen würde. Wurde der Orden der Templer auch durch die päpstliche Bulle „Vox in excelso“ im Jahr 1312 “aufgelöst“, so konnte Clemens V. doch zumindest die Unschuld der Tempelritter herausstellen, die sich doch in besonderer Weise für das Wohl der Kirche engagiert haben.

In der Bulle „Vox in excelso“ von Papst Clemens vom 22. März 1312 heißt es wörtlich:

„Nun kann der erwähnte Orden (der Templer) aus dem bisherigen Prozessverlauf freilich nicht durch einen definitiven Urteilsspruch kanonisch als häretisch verurteilt werden.“

Diese Bulle wurde am 03. April 1312 auf dem Konzil von Vienne (1311-1312) vor den anwesenden Bischöfen verlesen. Von da ab konnte das Urteil als öffentlich bekannt angenommen werden. Von Ketzerei oder Häresie der Templer war also niemals die Rede. Die Kirche hatte es offensichtlich versäumt, diese Dinge einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, was fatale Folgen für den Ruf der Templer hatte. Generationen von Häretikern konnten für ihre Irrlehren die Templer benutzen. Die Entscheidung, die Papst Clemens V. im Jahr 1312 traf, war die einzige, die er treffen konnte. Er hatte den öffentlichen Freispruch der Templer verworfen, um die Kirchenspaltung zu verhindern und dem Ketzer-Prozess gegen Bonifaz VIII. ein Ende zu bereiten. Mit der “Auflösung“ des Templerordens war bei dem Papst zugleich der Wunsch verbunden, dass ihm der Großmeister und andere adlige Mitglieder übergeben werden, um sie in die Obhut der Kurie zu stellen. Der Templerorden wurde nicht aufgrund einer juristischen Verurteilung, sondern in einem päpstlichen Verwaltungsakt “aufgelöst“. Clemens V. bediente sich eines kirchenrechtlichen Tricks. Er löste den Orden nicht auf und verurteilte ihn nicht, er suspendierte ihn nur. Hier wird die Schwachheit der gesamten kanonischen Körperschaft der damaligen Zeit sichtbar, welche unfähig war, angesichts eines Despoten mit einer gut organisierten politischen Struktur die Hoheit eines kirchlichen Urteils durchzusetzen. Die Templer wurden letztlich zu Bauernopfern, um größeren Schaden von der Kirche abzuwenden und hätten wirklich ein rühmlicheres Ende verdient.

Großmeister Jaques des Molay und andere Gefährten des Templerordens, die in Paris im Kerker saßen, hatten bis zum Jahr 1308 noch keine Gelegenheit bekommen, mit dem Papst ein klärendes Gespräch zu führen. Es gab auch zahlreiche Stimmen des Protestes gegen diese ungerechte Gefangennahme von Angehörigen des Ordens. Papst Clemens V. ordnete aufgrund zahlreicher Verfahrensfehler und von Amtsmissbrauch das Ende der Inquisition an, so dass die durch Folterungen erpressten Geständnisse als unglaubwürdig betrachtet wurden. Guillaume de Nogaret, ergebender Diener und besonderer Ratgeber des französischen Königs, konnte jedoch erfolgreich die Maßnahmen des Papstes torpedieren, indem er geschickt die Interessen der Adligen und von königstreuen Prälaten vereinen konnte, so dass das Verfahren gegen die Templer mit neuem Elan fortgeführt werden konnte.

Papst Clemens erklärte gegenüber König Philipp, dass die Kirche keinerlei Position gegenüber dem Templerorden einnehmen könne, bevor nicht ein persönliches Gespräch zwischen dem Papst und den Gefangenen stattgefunden habe. Der französische König gab daraufhin die Erlaubnis, eine kleine Delegation der Templer zur Curia nach Portiers zu entsenden. Der König wollte jedoch vehement vermeiden, dass der Papst den Großmeister und andere Würdenträger des Ordens treffen konnte und ließ die Herren in den Kerkern der Burg in Chinon einsperren. Angebliche Krankheit und Reiseunfähigkeit wurden als Gründe angeführt. Clemens wollte sich mit dieser Argumentation jedoch nicht begnügen und stellte eine Art Sonderdelegation zusammen, die aus treuen Kardinälen inklusive seinem Neffen, Berengar Fredol, einem Experten in Kirchenrechtsfragen und Augenzeugen der Misshandlungen der Templer durch die Inquisition, bestand.

Das sogenannte Chinon-Pergament von 1308 verdankt seine Entstehung Papst Clemens V. Achteinhalb Seiten in Buchform, so lang ist der lateinische Text des kostbaren Pergaments, das im September 2001 plötzlich in den Regalen des Vatikans von Barbara Frale entdeckt wurde. Inzwischen wissenschaftlich ausgewertet, wird der Templerorden durch den Fund quasi freigesprochen. Papst Clemens konnte gewissermaßen durch einen geschickten Coup die eingekerkerte Ritterführung “persönlich“ verhören und durch die Absolution wieder in den Schoß der Kirche aufnehmen. Dazu bediente sich der Papst dreier Kardinäle, die er mit einer Sondervollmacht ausgestattet hatte. Vermutlich beruhte der Erfolg dieses kühnen Unternehmens auch auf einer vorsätzlichen Falschdatierung des notariellen Schriftstücks.

Am Anfang des Protokolls werden die drei päpstlichen Kardinäle namentlich genannt, der erste heißt Berengar. Dann erfolgen Berichte über die Vernehmungen. Des Weiteren erfolgen Hinweise im Hinblick auf die Vorwürfe gegen den Orden, die von König Philipp IV. zuvor schon an Papst Clemens V. übermittelt worden sind. Dann wird die Krise des Ordens angesprochen. Die Kardinäle hatten den Gedanken aufgeworfen, die Templer zukünftig wohl mit den besser beleumundeten Johannitern zusammenzuführen. Dann werden die Namen der Inhaftierten genannt: Jacques von Molay, Hugo von Paraido, Raymund von Caron, Gottfried von Gonavilla und Gottfried von Charney. Ein faires Verfahren auf Schloss Chinon wird garantiert. Die Präambel endet mit der Orts- und Zeitangabe der Befragung und dem Hinweis auf die Absolution. Das Chinon-Pergament enthält das einzige von Großmeister Jacques de Moley vor den päpstlichen Repräsentanten abgegebene Geständnis. Bis 2001 ging man davon aus, dass dieses Dokument möglicherweise von Napoleon I. aus dem päpstlichen Archiv gestohlen und nach Paris gebracht worden sei. Diese Dokument ist nach Auffassung von Barbara Frale eine Sensation, das ein radikales Umdenken im Zusammenhang mit dem Templerprozess erfordert und ein völlig anderes Bild auf Papst Clemens V. wirft.

Über Jacques de Molay wird Folgendes berichtet: Er habe erwähnt, dass der Präzeptor ihn bei seiner Initiation gezwungen hätte, Gott, dessen Abbild ihm vor Augen gehalten worden wäre, dreifach zu verleugnen und das Kreuz dreifach zu bespucken. Molay habe gehorcht, jedoch das Kreuz nicht bespuckt, sondern auf den Boden daneben gespuckt. Die Verleugnung Christi wäre außerdem nur durch seinen Mund, jedoch nicht durch sein Herz erfolgt. Außerdem brachte er zum Ausdruck, dass er über Sodomie, Götzenanbetung und obszöne Küsse keine Kenntnisse gehabt habe. Die anderen Würdenträger der Templer bestätigten die Aussagen des Großmeisters und betonten, dass die Verleugnung Christi in der Aufnahmezeremonie nur vorgespielt wurde und nicht der Auffassung der Templer entsprach. Alle hofften inständig, dass diese Geschmacklosigkeiten bald abgeschafft werden. Der Papst war über diese “Soldaten-Bräuche“ entsetzt, war jedoch zugleich der festen Überzeugung, dass die Templer keine Ketzer waren. Er wollte die Bräuche der Templer reformieren und den Orden einer neuen Zweckbestimmung zuführen. Der Papst stellte sogar Untersuchungen an, ob Bücher oder Schriften existierten, die Informationen zu den Riten und Traditionen der Templer lieferten. Er konnte in Erfahrung bringen, dass die Bräuche geheim und nur der Ordens-obrigkeit zugänglich waren. Der Papst verstand, dass diese Zeremonie dazu diente, den Gehorsam und die Disziplin der jungen Anwärter zu prüfen. Schließlich erfolgte die Aufhebung des Interdikts: Der Papst hätte niemals zugestimmt, wenn die Templer Ketzer gewesen wären.

Das Pergament von Chinon wurde als Faksimile dem Buch “Processus contra Templarios“ beigefügt. Hierbei handelt es sich um eine kritische Ausgabe noch vorhandener historischer päpstlicher Untersuchungsakten über den Templerorden. Beigefügt sind originalgetreue Reproduktionen der wichtigsten Dokumente. Darunter befindet sich auch das berühmte Pergament von Chinon mit der päpstlichen Absolution der Templer, das Frale im Geheimarchiv entdeckt hatte. 5900 Euro kostet das Werk. Es erschien in einer Auflage von 799 Stück, ein weiteres Exemplar war für Papst Benedikt XVI. bestimmt. Das Werk ist so teuer, da es mit Ledereinband mit Golddruck und Papier aus reiner Baumwolle, in der traditionsreichen Fabrik Amatruda in Amalfi nach antiken Prozeduren hergestellt, erschienen ist. Die Dokumente sind darüber hinaus durch moderne Verfahren besser lesbar gemacht worden als die Originale. Frale und der Vatikan sind von der Hoffnung getragen, dass sich die Forscher mit dieser Edition ein besseres Bild vom wahren Wesen des Templerordens und der Rolle von Papst Clemens V. bei dessen Zerstörung machen können.

Frau Dr. Barbara Frale bemerkt, dass ohne den König von Frankreich der Templerorden reformiert worden wäre und möglicherweise noch heute, wie der Malteserorden, bestehen würde. Sie schließt mit den Worten:

„Ein Papst hat den Templerorden suspendiert und nur ein Papst kann diese Entscheidung wieder aufheben.“

Ordenshistoriker:
Dr. Dr. PhDr. Joachim Seeger