Blick auf Vezelay

Vezelay – Heiliger Ort und Heimat des Templers Johannes von Jerusalem

Blick auf Vezelay

Blick auf Vezelay

Schon die Anfahrt ist ein Erlebnis, so imposant thront der Ort Vezelay auf der Höhe mit seinen Türmen und Mauern. Selbst auf der allseits dramatisch bewegten Bühne des burgundischen Mittelalters ragte dieser Stadt- und Kirchenhügel als einzigartiges Beispiel des Widerstreits von Frömmigkeit und Machtpolitik, von Wunderglauben und Gewaltbereitschaft hervor.

Bescheiden weist ein Wegweiser in braunen Buchstaben auf weißem Grund zum „Colline eternelle“, zum ewigen Hügel. Hier hatte auch Jehan de Vezelay seine Wurzeln, ein Burgunder Mönch und später Abt des Benediktinerklosters von Vezelay, das im Jahre 864 von Girart de Roussillion gegründet worden war. Er war militärischer Führer einer Ritterformation während des Ersten Kreuzzuges (1095-1099) und der Eroberung Jerusalems 1099. Die Titulierung in seiner Lebensbeschreibung „Tapferer unter Tapferen, Heiliger unter Heiligen“ läßt darauf schließen, daß er nach dem Massaker anläßlich der Eroberung von Jerusalem zu jener kleinen Schar von Eroberern gehörte, die sich mit Abscheu von dem Gemetzel abwandten, was eine innere Wandlung des Abtes und Ritters zur Folge hatte und nun für ihn das Ziel des Kreuzzuges nicht mehr im militärischen oder machtpolitischen Bereich lag. Er verzichtete auf eine ehrenvolle Rückkehr nach Frankreich, auch auf hohe Positionen im christlichen Königreich Jerusalem. Er wollte seinem Leben eine völlig neue Richtung geben. Er wandelte sich vom Kriegsmann zu einem geistig suchenden kontemplativen Menschen. Jehan de Vezelay, später als Johannes von Jerusalem bezeichnet, hielt sich danach 20 Jahre im Umfeld von Jerusalem auf, oft zum Meditieren in der Wüste. Er gehörte zu den neun Urtemplern und begann ab 1117 seine berühmten Visionen niederzuschreiben. Er verstarb im Jahr 1120 mit 77 Jahren.

Die mystische Mühle (Detail)

Die mystische Mühle (Detail)

Nur rund 600 Seelen gehören heute zur kleinen Gemeinde, die einmal unangefochten zu den bedeutendsten Orten Europas zählte. Hier rief der heilige Bernhard von Clairvaux Ostern 1164 zum Zweiten Kreuzzug auf. In Vezelay trafen sich 1190 zum Beginn des Dritten Kreuzzugs der französische König Philipp II. und Richard Löwenherz mit ihren Heeren zum Aufbruch ins Heilige Land. Ihnen folgte Mitte des 13. Jahrhunderts ebenfalls in Vezelay als Sammlungsort König Ludwig der Heilige mit seinen Rittern. 1164 sprach hier Thomas Becket, vertrieben als Erzbischof von Canterbury, den Bannfluch über König Heinrich II. aus. Der heilige Franziskus gründete in der Stadt auf dem Hügel seine erste Niederlassung in Frankreich. Und in Vezelay sammelten sich über Generationen die Pilger nach Santiago de Compostela, um von hier aus auf gemeinsamer Route weiterzuziehen.

Basilika Sainte-Maria-Madeleine

Basilika Sainte-Maria-Madeleine

Aber auch der Niedergang gehört zur Geschichte Vezelays: Der Verlust der Wallfahrt zur heiligen Maria Magdalena an die Dominikaner in der Provence, der Hundertjährige Krieg, an dessen Ende 1558 das ehemals berühmte Benediktinerkloster aufgehoben wurde. Schließlich taten die Französische Revolution mit ihrer barbarischen Zerstörungswut und die Säkularisierung das Übrige. Vezelay sank aufgrund dieser Ereignisse in einen Dornröschenschlaf. Erst die Mittelalterbegeisterung im 19.Jahrhundert brachte die Erweckung des so schön auf seiner Höhe ruhenden Ortes, die Restaurierung der einsturzgefährdeten Kirche und neue Besucherströme. Seit einigen Jahren bringt die geistliche Gemeinschaft von Jerusalem neues Leben in den altehrwürdigen Wallfahrtsort.

Wie wenige mittelalterliche Stätten ist die Basilika Saint Madeleine eine besondere Möglichkeit geistlicher Erfahrung geblieben. Weithin dominiert sie sichtbar das Land. Sie ist mehr als ein Gebäude, in dem Gläubige Gott in der Liturgie loben. Getrost dürfen wir sie zu jenen Kirchenbauten zählen, die selbst Gebet und Glaubensverkündigung in Stein sind. Im Inneren der Kirche beeindruckt der klare Aufbau des romanischen Langhauses, vollendet zwischen 1130/40, mit seinen nur zweigeschossigen Wänden, mit den breiten Gurtbögen des Tonnengewölbes und den einfachen kreuzförmigen Pfeilern.

Das Hauptportal der Vorkirche

Das Hauptportal der Vorkirche

Frühgotisch ist der Umgangschor (Ende 12. Jh.). Der weite Kirchenraum unterscheidet sich aufgrund der Breite des Mittelschiffs und der geringen Höhe deutlich von den cluniazensisch geprägten Kirchen, von denen man sich in Vezelay offensichtlich abheben wollte. Überdies ist die Basilika heute bis auf die Pfeilerkapitelle bilderlos und bis auf den rot-gelblichen Steinwechsel der Gurtbögen fast farblos. Das Raumerlebnis konzentriert sich ganz auf Architektur und Licht. Wie kaum irgendwo sonst harmonieren die romanischen und gotischen Bauteile.

1050 breitete sich die Magdalenenverehrung aus. Die Legende berichtet, ein Mönch habe die Gebeine von Aix-en-Provence auf jenen Hügel von Burgund gebracht. Die Wallfahrt begann. Aus der Zeit um 1162, als die Mönche von Vezelay die Unabhängigkeit vom burgundischen Reformkloster Cluny erhielten, stammt die Kirche, die den Übergang von der Romanik zur Gotik verfolgen läßt.

Weit mehr als hundert Kapitelle begleiten den Pilger bei seinem Gang durch das Gotteshaus. Motive aus dem Alten und dem Neuen Testament sind in Stein gehauen. Andere erzählen Lebensgeschichten von Heiligen. Dämonen und Engel schauen auf den Beter, geheimnisvoll das Kapitell der sogenannten „Mystischen Mühle“: Oben schüttet Moses Korn in die Mühle, Erinnerung an das Gesetz des Alten Testamentes, darunter fängt Paulus das Mehl auf. Mehl für das Brot des Neuen Testamentes.

Vezelay kann auch heute noch beeindrucken, ein heiliger Ort nicht nur Burgunds, sondern des ganzen christlichen Abendlandes.

(H.-J.R – 2011)

Krypta

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