Ordensbruder Lutz Müller

Von der Freude, ein Templer zu sein

Ordensbruder Lutz Müller

Autor: Obr. Lutz Müller

Aus dem Willkommensheft zum Generalkapitel 2011 der Komturei Rhein-Neckar

Als ich gebeten wurde, einen Artikel zum Thema „die Freude ein Templer zu sein“ zu schreiben, schien mir dieses Thema im ersten Moment sehr schwierig. Also tat ich das nahe liegende und schlug unter dem Begriff Freude nach.

Der Begriff Freude ist das Stammwort zu froh. Sie gilt als Beglückung, als Frohgefühl oder als helle oder heitere Stimmung. Wer sich freut, fühlt sich wohl, ihm sind im Augenblick alle seelischen Bedürfnisse erfüllt.

Samstagmorgen: „Papa, fährst Du heute wieder zum Orden? Ich komme mit!“ Seit gut einem Jahr ist mein zwölfjähriger Sohn regelmäßig Gast bei unseren offenen Konventen. Auch wenn ich ihm sage, dass heute ein sicher „langweiliges“ Thema ansteht, ist er mit dabei. Ihn spricht die Atmosphäre bei unseren Konventen an. Er fühlt sich dort wohl. Und so geht es mir auch.

Wenn wir am Samstagnachmittag bei unserem Tagungshotel eintreffen, werden wir herzlich begrüßt. Die Frage „Wie geht es Dir?“ ist ernst gemeint. Man kommt sofort ins Gespräch. „Wir haben uns ja letztes Mal über … unterhalten, ich habe Dir dazu noch einmal etwas mitgebracht, … Hast Du diesen Artikel gelesen, den kann ich Dir schicken … Ich habe da ein interessantes Buch, das könnte etwas für Dich sein …“ Ja, doch, die Stimmung beim Orden erfüllt mich mit Freude.

Für den Christen ist die Freude an Gott die Quelle seiner Kraft. „Die Freude am Herrn ist eure Kraft“ (Nehemia 8.10) Diese Freude ermöglicht es einem, auch in schwierigen Situationen sein inneres Gleichgewicht zu erhalten. Aber auch der Dienst am Nächsten ist für den Dienenden eine Freude. Bei unserem letzten Konvent sprach unser evangelischer Ordensgeistlicher Pastor Meyer über das Thema Ökumene. In der Diskussion ging es auch darum, ob Deutschland wieder ein Missionsland geworden sei. Sofort fiel mir der Konfirmationsgottesdienst vom Vorwochenende ein. Da ich in unserer Gemeinde bei der Betreuung der Konfirmanden mitarbeite, war es für mich interessant, die Eltern einiger Konfirmanden, die ich nicht kannte, zu sehen. Das hat mich nachhaltig beeindruckt. Die Jugendlichen sahen aus, wie man es von Konfirmanden erwartet. Alle waren außergewöhnlich gut gekleidet. Keiner fiel durch unangemessene Kleidung aus dem Rahmen. Ganz anders jedoch viele Eltern. Den Vater, der mit Piratenkopftuch und ausgeleiertem T-Shirt in die Kirche kam, mag man noch als Ausnahme durchgehen lassen, auffällig war aber die große Zahl der Eltern, die wie zum sonntäglichen Spaziergang locker gekleidet in die Kirche kam, oder die Mütter, die wie Barbiepuppen gekleidet, mit Steckern in der Nase jünger auszusehen versuchten, als ihre Töchter. Das Problem manifestierte sich jedoch nicht nur in der Kleidung. Auffällig waren auch die vielen, die beim Gottesdienst demonstrativ nicht mitmachten, indem sie z.B. die Gebete nicht mitsprachen. Der Gipfel waren mehrere Erwachsene, die während des Gottesdienstes Kaugummi kauten. Meine Erfahrung ist, dass man mit den allermeisten Jugendlichen zusammenarbeiten kann, dass die Eltern jedoch oft schwieriger sind als die Kinder. Der Orden bietet mir hier eine Gegenwelt, die mir zeigt, wie es eigentlich sein müsste bzw. könnte. Man kleidet sich angemessen, begegnet sich würdig und man hat im Glauben eine Gemeinsamkeit, die verbindet.

Wichtig ist für mich besonders die Toleranz, die die Ordensbrüder untereinander üben. Ein inzwischen leider verstorbener Ordensbruder sagte immer zu mir: „Jungchen, ich höre mir alles an, was du mir sagst. Dann denke ich in Ruhe darüber nach und dann übernehme ich, was ich für brauchbar halte. Und wenn wir nicht einer Meinung sind, dann ist das auch nicht schlimm, ich mag dich trotzdem.“ Auch das ist für mich ein Umgang wie er sein soll. Leider ist es in unserer medialisierten Gesellschaft ja weitgehend nicht mehr möglich, seine Meinung frei zu äußern, wenn sie von der Einheitsmeinung der Massenmedien abweicht.

Die meisten Menschen in meiner Umgebung sind durch die Medien derart verwirrt, dass sie sich den größten Blödsinn als Wahrheit verkaufen lassen. Neulich erzählte mir der Vater eines Schülers, dass er glaube, dass die Welt heimlich von Außerirdischen beherrscht werde. Ich dachte zuerst, er mache einen Scherz. Leider musste ich im Verlauf des Gesprächs feststellen, dass es ihm völlig Ernst damit war. Der Mann, um den es geht, ist kein Geistesgestörter, sondern ein vierzigjähriger Akademiker mit Familie und hochdotierter Stellung in der Metallindustrie. Leider ist auch dieses kein Einzelfall. Viele Väter meiner Schüler verbringen ihre Freizeit damit, gewalttätige Computerspiele zu spielen oder im Internet Chatrooms zu besuchen. Mich erstaunt es immer wieder, wie es diese Kinder schaffen, verhältnismäßig unbeschadet zu bleiben. Wenn man sich ernsthaft mit ihnen auseinandersetzt, beginnen sie Fragen zu stellen und sich für die Welt zu interessieren.

Es gibt leider nur wenige Erwachsene, die bereit sich, sich mit abweichenden Meinungen und Informationen auseinanderzusetzen. Sich hier nicht unterkriegen zu lassen, die Orientierung zu behalten: Dafür brauche ich die Ordensbrüder. Die breitgefächerten Informationen, die ich bei unseren Konventen zu vielen Themenbereichen bekomme, regen mich an, mich weiter zu informieren, und geben mir Mut, in meiner alltäglichen Umgebung standhaft zu bleiben und mich nicht dem Mainstream zu beugen. Diese Informationen geben mir aber auch einen Überblick über das Weltgeschehen, der mich über die momentan scheinbar wichtige Nachricht hinaus Schlüsse ziehen lässt. Meine Sicht der Welt, meine Werte und meine Lebensweise haben sich in den Jahren meiner Mitgliedschaft im Orden sehr verändert. Ich hoffe, dass ich heute weniger manipulierbar bin, dass ich eine klarere Werte Orientierung habe, die ich auch glaubhaft an meine Kinder und an meine Schüler weitergeben kann, und dass ich weiß, wie wichtig es ist, allen meinen Mitmenschen tolerant und liebevoll gegenüberzutreten. Auch in diesem Sinne ist es für mich eine Freude, ein Templer zu sein. Ohne diese Freude, die, wie Schiller schreibt, „die Räder der großen Weltenuhr“ antreibt, könnte ich in Beruf und Familie meiner Aufgabe als Mensch nicht gerecht werden.