Warum ein Tempelritter nicht Freimaurer sein kann

I. Einleitung

Die Ordensregel der Templer erklärt die Mitgliedschaft in unserer Ordensgemeinschaft für unvereinbar mit der Mitgliedschaft in einer Loge. Dem Außenstehenden beider Bünde wird dieses Postulat unverständlich sein. In beiden Fällen handelt es sich doch um altüberlieferte Gemeinschaften, die besondere Riten und Überlieferungen pflegen und deren Netzwerke für Außenstehende ohnehin nur als Serviceinstanz zur Karriereförderung wahrgenommen werden. Zudem kommt es bei der Vielzahl von Männerbünden und Bruderschaften, die leicht mit unserem Orden, aber auch mit der Freimaurerei verwechselt werden können, zu Konfusionen aufgrund ähnlicher Begriffe und Traditionen, die von den kleineren Bünden sogar beabsichtigt sein können.

Wenn in den schottischen Hochgraden der Freimaurer sowohl die Templerle-gende als auch die Rosenkreuzerüberlieferung bearbeitet werden, dann darf dies weder mit dem Templerorden noch mit den Rosenkreuzerbruderschaften verwechselt werden, die außerhalb der Freimaurerei stehen.

Bei den aufmerksamen Lesern unseres Ordensblattes darf ich voraussetzen, daß Historie, Überlieferung, Regel und heutiger Auftrag des Tempelherrenordens einem jeden präsent sind. Wollen wir uns aber mit der Unvereinbarkeit dieser beiden Gemeinschaften beschäftigen, scheint es angezeigt, zunächst Hintergründe und Geschichte der Freimaurerei etwas zu beleuchten:

II. Freimaurerei

Die Freimaurer selbst verstehen ihre Logen als das letzte große System von Männerbünden mit dem Ziel der ethischen und moralischen Vervollkommnung ihrer Mitglieder. Oberstes Ziel ist die „Menschenveredlung“. Oder, um es mit einem Begriff aus dem Sprachgebrauch der Logen zu sagen: „aus einem unbehauenen einen behauenen Stein“ zu machen. Den Logenmitgliedern geht es also ganz bewußt nicht um Weltverbesserung insgesamt oder um Erziehung der Gesamtmenschheit, sondern um die sittliche Vervollkommnung des Einzel-nen.

Die Freimaurer selbst haben dies in ihrer ersten Nachkriegstagung in der Frankfurter Paulskirche in den „Grundsätzen der Freimaurerei“ wie folgt einprägsam und klar formuliert:

„Die Freimaurerei vereinigt Männer, die in bruderschaftlichen Formen durch ehrwürdige, rituelle Handlungen geistige Vertie-fung und sittliche Veredlung erstreben. Allgemeine Menschenliebe, Brüderlichkeit, Mildtätigkeit und Erziehung hierzu, was alles sie unter Humanität begreift, sind ihre Hauptaufgaben. Glaubens-, Gewissens- und Denkfreiheit sind den Freimaurern höchstens Gut. Sie nehmen daher ohne Ansehen des religiösen Bekenntnisses, der Rasse, der Staatsangehörigkeit, der politischen Überzeugung und des Standes vorurteilslose Männer von gutem Rufe als Brüder auf.

Der Freimaurer erkennt im Weltenbau, in allem Lebendigen und im sittlichen Bewußtsein der Menschen einen göttlichen Schöpfergeist voll Weisheit, Stärke und Schönheit und verehrt ihn unter dem Sinnbild des allmächtigen Baumeisters aller Welten. Die Freimaurerei ist ein ethischer, kein politischer Bund und beteiligt sich nicht an politischen oder konfessionellen Parteikämpfen. Sie ist keine Religionsgemeinschaft, keine geheime Verbindung, verlangt keine gesetzeswidrige Verschwiegenheit und vermittelt keine geheimen Erkenntnisse.“

Der Weg des Freimaurers zu seiner eigenen Veredlung ist langwierig. Aufge-nommen werden Mitglieder aller Glaubensbekenntnisse. Der Lehrinhalt der Freimaurerei ist in sogenannte „Grade“ unterteilt. Von Grad zu Grad, also von einer Lehrstufe zur anderen, führt eine Einweihung (Initiation) in den nächsthöheren Grad. Die ursprüngliche Maurerei kannte nur zwei Grade, jedoch ist die dreistufige Grundlage (Lehrling, Geselle, Meister) schon in den allerersten Zeiten eingeführt worden. Sehr bald entstanden sogenannte „Hochgradsysteme“ die sich als „Hochschule der Maurerei“ oder als „Auslese“ verstanden. In manchen dieser Hochgradsysteme werden allerdings nur einige Grade bearbeitet, beim 33-gradigen „schottischen Ritus“ z.B. nur der 4te, 18te, 30te und 32te Grad. Die Betätigung der Freimaurer, von ihnen selbst als „Arbeit“ bezeichnet, ist stark ritualisiert. Wenngleich die Freimaurer von sich selbst behaupten, weder Religion noch Ersatzreligion zu sein, haben ihre Rituale durchaus einen pseudoreligiösen Sinn. Entscheidend ist die kultische Abfolge einer Zusammenkunft, bei der Form und Inhalt in einer gewissen Beziehung stehen. Diese Zeremonien haben ihren Ursprung wohl bei den alten Bauhütten anläßlich von deren Einführungen, Beförderung etc. auch schon bestimmte Rituale eingehalten wurden. Sie begannen stets mit einer Anrufung Gottes, führten über einen Vortrag der Zunftgeschichte und die Verlesung der Satzung zur Verpflichtung des neuen Bruders mit Übergabe der Erkennungszeichen, Einkleidung und Schlußgebet.

Die Freimauererlogen gehen auf die mittelalterlichen Dombauhütten und die baumeisterlichen Gildenbruderschaften zurück. Schon diese verwendeten Paß-worte und Zeichen, damit kein unberufener die Geheimnisse erlernen und zum unliebsamen Konkurrenten werden konnte.

Als offizieller Termin für den Beginn der spekulativen Logenmaurerei gilt der 24.Juni (der Johannestag) 1717. Damals schlossen sich vier Londoner Bauhütten (Lodges) zu einer Großloge zusammen. Aus den echten Bauhütten waren geistig und gesellschaftlich interessierte Clubs geworden. Zeichenbüros für Dombauten waren schon lange nicht mehr und die Geheimnisse der Dombaukunst längst in Büchern veröffentlicht. Geistliche und Edelleute, nicht Steinmetze und Maurermeister gaben fortab den Ton an. 1723 verfaßte dann der Presbyterianer James Anderson das „Konstitutionsbuch“ eine Art freimaurerisches Sittengesetz, das die „alten Pflichten“ enthält. Nach Deutschland kam die Freimaurerei 1737 durch die Gründung der Loge Absolom in Hamburg. Schon im folgenden Jahr wurde der preußische Kronprinz Friedrich („der Grosse“) in die Loge eingeweiht. Sie fand in der humanistischen Geistesrichtung wirksame Unterstützung. Zahlreiche Fürsten, Staatsmänner, Gelehrte, Künstler und Kaufleute sind seit je her Mitglieder der Logen gewesen (so neben dem schon benannten Friedrich auch Wilhelm der I., Blücher, Fichte, Herder, Goethe, Mozart u.a.). Am 28.04.1738 erscheint die erste Bulle des Papstes (Clemens XII) die sich kritisch zur Freimaurerei äußert (In Eminenti apostolatus specula). Ein Jahr später nimmt sich die Inquisition in Florenz der Freimaurerei an. Die Verfolgungen nehmen ihren weiteren Gang, als Maria Theresia 1743 eine Wiener Loge durch Militär ausheben läßt, in Portugal die ersten Freimaurer zu Galeerenstrafen verurteilt werden und der Sultan des osmanisches Reiches die Maurerei 1748 als „religionsfeindliche Sekte“ verbietet. In Deutschland lösten sich die Logen unter dem Druck des Na-tionalsozialismus seit 1933 auf. Prominenteste Gegner waren Ludendorff und Rosenberg. Sie lebten nach 1945 zuerst in drei christlichen Logen wieder auf, der „großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland“ (gegründet 1770), “der großen nationalen Mutterloge zu den drei Weltkugeln“ gegründet 1740) und „der Großloge zur Freundschaft“(gegründet 1798). 1949 wurde die vereinigte Großloge der alten freien und angenommenen Maurer von Deutschland (VGL) gegründet. 1958 wurden alle Logen zum „Bund vereinigte Großlogen von Deutschland, deutsche Bruderschaft“ vereinigt.

In der Sowjetunion und ihren Sattelitenstaaten blieb die Freimaurerei auch nach dem zweiten Weltkrieg verboten, ebenso in Spanien.

Solange es Freimaurerlogen gibt, werden diese auch angefeindet. Die dabei kolportierten Gerüchte sind zahlreich. Das wohl hartnäckigste aber auch abseitigste Gerücht ist dabei, die Freimaurer würden Teufelskult treiben. Derartigem Vorwurf freilich haben sich auch schon die Tempelritter Jahrhunderte vorher ausgesetzt gesehen.

III. Die Unvereinbarkeit

Fraglich ist nun letztlich, ob ein Christ Freimaurer sein kann oder, da ein jeder Templer ein guter Christ ist, beziehungsweise zumindest zu sein hat, warum ein Templer nicht Freimaurer sein kann. Schon von Anbeginn an ist das Ver-hältnis von Kirche und Freimaurerei gespannt, wenngleich gerade evangelische Christen, teils auch Pfarrer, sich der Freimaurerei offen zugewandt haben. Die katholische deutsche Bischofskonferenz hält daran fest, daß die gleichzeitige Zugehörigkeit zur katholischen Kirche und zur Freimaurerei unvereinbar ist, so das Ergebnis offizieller Gespräche zwischen der katholischen deutschen Bischofskonferenz und der Vereinigten Großlogen von Deutschland, die 1974-1980 geführt wurden. Im Wesentlichen werden folgende Gründe genannt:

  1. Der Relativismus der freimaurerischen Weltanschauung
    Der Glaube an das geoffenbarte und vom Lehramt der Kirche authentisch ausgelegte Gotteswort ist mit dem Subjektivismus, den die Freimaurer pflegen, nicht in Einklang zu bringen.
  2. Zur Basis der Freimaurerei gehört eine Relativität jeder Wahrheit.
    Dieser Wahrheitsbegriff ist weder mit der natürlichen Theologie noch der Offenbarungstheologie vereinbar.
  3. Der Religionsbegriff
    Nach freimaurerischem Verständnis sind alle Religionen konkurrierende Versuche, die letztlich unerreichbare Gotteswahrheit auszusagen. Die Religionen werden also letztlich gleichberechtigt gesehen.
  4. Der Gottesbegriff
    An zentraler Stelle in den Ritualen der Freimaurer steht der Begriff des „Grossen Baumeisters aller Welten“. Es handelt sich hier um eine gottähnliche Konzeption bei der der große Baumeister als neutrales „ES“ undefiniert bleibt und offen ist für jedwedes Verständnis.
  5. Der Offenbarungsglaube
    Diese undefinierte Gottesgestalt läßt den Gedanken an eine Selbstoffenbarung, wie sie von den Christen geglaubt wird, nicht zu.
  6. Der Toleranzbegriff
    Versteht der Katholik darunter die jedem Mitmenschen gegenüber ge-schuldete Duldsamkeit, so praktiziert der Freimaurer Toleranz auch gegenüber jedweden Ideen, wie gegensätzlich zueinander sie auch sein mögen. Diese Form der Toleranz steht im unauflöslichen Widerspruch zur Glaubenstreue der katholischen Christen und der Anerkennung des kirchlichen Lehramtes.
  7. Der Ritus
    Die Rituale der Freimaurer zeigen einen sakramentähnlichen Charakter.
  8. Die Veredlung des Menschen als absolutes Ziel der Freimaurerei wird ab-gelöst von der Gnade Gottes und der Rechfertigungslehre.
  9. Der Richtungsstreit
    Der katholischen Kirche fehlt es an einer zuverlässigen Verwirklichung christlicher Gläubigkeit im freimaurerischen Raum weil die Grundtatsachen der Offenbarung des menschgewordenen Gottes und seiner Gemeinschaft mit dem Menschen nur als eine mögliche Variante einer freimaurerischen Weltsicht verstanden werden.

Diese Argumente der deutschen Bischöfe gelten bis heute fort. Sie sind von der römischen Weltkirche übernommen worden.

Zwar werden im Codex Iuris Canonici vom 25. Januar 1983 Freimaurer oder Logen nicht wie in seinem Vorgänger von 1917 expressis verbis erwähnt. Der damalige Kardinal Joseph Ratzinger (nun Papst Benedikt XVI.) hat jedoch am 26. November 1983 in seiner Funktion als Präfekt der Glaubenskongregation festgestellt, ein Katholik, der zum Freimaurer werde, begebe sich in den Stand der schweren Sünde (was im katholischen Kirchenrecht einer selbst vorgenommenen Exkommunizierung nahezu gleich kommt), da die grundsätzliche Unvereinbarkeit von Freimaurerei und katholischer Kirche auch im neuen Codex Iuris Canonici weiterbestehe, ohne expressis verbis ausgesprochen zu sein.

Diese Position ist bis zum heutigen Tage unverändert. Eine templerische Gruppierung, die sich gegenüber der Freimaurerei offen zeigt oder gar Doppelmitgliedschaften akzeptieren würde, stellt sich somit gleichsam automatisch außerhalb des kanonischen Rechts.

Alle bisher unternommenen Bemühungen um kirchliche Anerkennung oder auch nur wohlwollende Begleitung würden ergo durch eine Annäherung aufs Spiel gesetzt. Ein derart leichtfertiger Umgang mit der Reputation, die sich der OMCT in Jahrzehnten mühselig erarbeitet hat, steht nicht auf der ordenspolitischen Tagesordnung und kann in Verantwortung für das Ganze auch von keinem Ordensbruder geübt werden.

Hans-Joachim Baumbach – Prior